Anarchie und Medien

 

Die Parteien der Kritiker im Zusammenhang mit Pressefreiheit sitzen heute in weit voneinander entfernten Winkeln. Dazwischen, in der Mitte, als Stein des Anstoβes und Ursprung des Streits, verschwimmen die Grenzen zur Unkenntlichkeit, bedingen Chaos und Anarchie: Medien verteufeln Politiker, die Medien in die Schranken weisen. Bürger verteufeln Medien als „Lügenpresse“ dort, wo „nur“ vorbeugende Verleumdung und interpretative anstatt neutral berichtende Journalisten am Werk sind. Medien stellen Kritiker ihrer Arbeit ohne Unterscheidung in die rechtsradikale Ecke.

Der Unterschied zwischen „Freier Meinungsäuβerung“ einerseits und „Freier Presse“ andererseits ist nicht mehr erkennbar. Der Platz der dritten Instanz, Inhalt und Gegenstand von Meinung und Presse, der „Auftrag zur Ausübung der politischer Macht“ durch demokratisch gewählte Personen, degeneriert dazwischen zum Posten am Schleudersitz im Minutentakt.

Wer die Medien in die Schranken ihres gesetzlichen Auftrages weist, wird von diesen Medien als rechtsradikal verleumdet; sie sind die einigen im Staat, die über die Mittel hierzu verfügen. Dabei machen die Medien keinen Unterschied zwischen Bürgern und Politikern. In unseren Tagen wird es den Medien dabei leicht gemacht, weil es Politiker gibt, auf die sie als tatsächliche Usurpatoren ihrer Macht gegenüber den Medien verweisen können. Umso leichter wird von ihnen dadurch das hier angesprochene Problem noch weiter verschleiert:

In manchen Talk-Shows sitzen und sprechen Politiker und Journalisten gleichberechtigt nebeneinander; der Unterschied zwischen ihnen ist nicht mehr erkennbar. Der Unterschied wäre, dass der Eine Auftrag und Macht hat zu handeln, Erwartungen der Wähler umzusetzen, wohingegen der Andere auftragsgemäβ neutral über diese Taten und weitere Ereignisse berichten soll. Heutige Praxis ist es geworden, vor einem Millionenpublikum, das die Effekte und Zusammenhänge nicht versteht, einen fruchtlosen und nutzlosen demagogischen Schlagabtausch zu praktizieren, der die faktischen Probleme der Alltagspolitik wie auch der groβen Weltpolitik erst gar nicht erwähnt – und oft gar nicht erwähnen kann. Es handelt sich also nicht um objektive Information zum Verständnis der Gründe und Zusammenhänge, sondern um medial gesteuertes Infotainment, in dem sich die Journalisten selbst eine zu den Politikern äquivalente Rolle anmaβen.

In anderen Talk-Shows veranstalten Journalisten gar mit sich selbst als Akteuren aktiv diesen Verwischungsprozess: in einer Runde sitzen Journalisten, die wie selbstverständlich ihre persönliche Meinung äussern; sodann werden sie von Zusehern befragt wie Politiker, so, als wären diese Journalisten jene Politiker, die die Zuseher eigentlich befragen wollten über ihre Politik und deren Unzulänglichkeiten, ihre Unverständlichkeit, ihre Unlogik bis hin zu ihrem Zynismus. Darauf antworten Journalisten so, als wären sie die eigentlich angesprochenen Politiker, selbsternannte, Stellvertreter, alleswissend, runenlesend.

Mit anderen Worten, unmerklich haben sich die beiden Begriffe, „Freie Meinungsäuβerung“ und „Freie Presse“ miteinander vermischt bis zur Unkenntlichkeit. Der Vorwurf an die Medien geht dahin, dass sie jene Macht missbrauchen, die ihnen mit den technischen Möglichkeiten der Verbreitung an ein Millionenpublikum in die Hand gegeben ist.

 

Nachdenken, Kritisieren und Kommentieren darf der Bürger, der Wähler, nicht der Journalist (der darf das alles als Privatperson, nicht aber in seiner beruflichen Funktion als vom steuer- oder sonstwie zahlenden Bürger). Der Politiker muss sich rechtfertigen vor dem Bürger für seine Handlungsentscheidungen. Der Bürger sollte aus seiner Erziehung heraus die Reife und demnach das Verständnis dafür mitbringen, dass jede politische Handlungsentscheidung auch bei bestem Wissen und Gewisen ein Versuch ist, ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Mit Kritik für jeglichen Misserfolg beweist ein Kritiker am Politiker, dass die tatsächlichen Bedingungen und demnach Möglichkeiten für politisches Handeln derart missverstanden wurden, dass manch solche unqualifizierte Kritik aus Gründen schon der allgemeinen Menschenwürde, wenn nicht des Respekts und der juristischen Anfangsforderung der Unschuldsvermutung nicht publiziert werden dürfte.

Diese Feststellung leitet über zum dritten Punkt, der allerdings nicht neu ist, vielmehr schon immer Teil von „Zeitung“ war, wie sie schon Heinrich Heine literarisch kritisierte, von Neuigkeiten und Gerüchteküche: wo ist die Grenze zwischen „Freier Presse“ und vorbeugender Verleumdung durch Publikation angeblicher Verdachtsmomente? Immer wieder erlebt man, wie Medien sich selbst kommentieren, so, als sprächen sie von einer dritten Person, mit dem Vermerk, dass „semper aliquid haeret“. Man hat die Urteilswahl zwischen Pharisäertum und Usurpatorentum; beide Male ist das Verhalten nur deshalb möglich, so wie in den beiden vorangegangenen Punkten, dass Pressefreiheit unkontrolliert ausufert in einer libertinistisch werdenden Gesellschaft, die nicht bemerkt, wie sehr sie mit solchem „laisser faire“ in Richtung Anarchie an jenem Ast sägt, auf dem sie meint, sicher zu sitzen.

Denn: wer bestimmt hier, wer was erfährt und welche Meinung dazu ntwickelt wird?

Die Medien behaupten: sie müssen aus demokratischen und ökonomischen Gründen dem Volk „auf’s Maul schauen“, Sensationen berichten, auch wenn ihre Tatsächlichkeit nicht erwiesen ist. Das Volk versteht nicht, warum die Politiker was machen. Die Journalisten erklären dem Volk, was sie glauben dass die Politiker machen und warum, und: sie wählen auch aus, welche Meldungen sie berichten, und welche sie zurückhalten, wer zu den Millionen sprechen darf und wer nicht.

Was also kann der Bürger wissen als das, wovon die Medien meinen, die Bürger sollten es wissen, und zwar derart dargestalt, wie die Medien meinen es zu dürfen?

Wer also regiert hier wen?

 

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Medien und Macht

Die Medien haben den Auftrag zur neutralen Berichterstattung. Vielfach werden sie diesem Auftrag auch gerecht und halten uns damit informiert über den aktuellen Stand der Ereignisse weltweit. Manchmal gehen Journalisten ein erhebliches persönliches Risiko ein, um uns über die Situation in Ländern zu benachrichtigen, Informationen, an die wir und oft auch die Politiker im Westen andernfalls nicht kämen, nicht einmal mit ihren Geheimdiensten. Am anderen Ende der Skala moderner Medien stehen allerdings Trends, die mit dem ursprünglichen Verständnis von Pressefreiheit nur noch schwer, wenn überhaupt, zu vereinbaren sind, dort, wo sie zu interpretativ, meinungsbildend und damit manipulativ zu werden droht, ein Trend, der mitunter nachgerade unschuldig einreiβt, aber auch einer, der mitunter offenherzig mit Macht betrieben wird.

Ein teil dieser Freiheit wird seit geraumer Zeit in gefährlichem Umfang missbraucht – mitunter vielleicht wieder nicht bewusst, darum aber nicht minder gefährlich, dann aber wieder in noch gefährlicherem Maβe verteidigt, und zwar auf die Weise eines Militärputsches: nur das Militär verfügt über ein Waffenarsenal; nur die Medien verfügen über die Mittel zur Meinungsverbreitung an Massen, und damit zur Manipulation.

Der Begriff der „Freiheit der Medien“ hat offenbar ermöglicht, dass sich stillschweigend ein Missbrauch eingeschlichen hat, nämlich jener der freien Meinungsäuβerung zwischen den Zeilen der Berichterstattung – und mittlerweile zwischen den einzelnen Berichten selbst. Das Recht auf freie Meinungsäuβerung für das Individuum wird dabei stillschweigend übertragen auf die Medien: dort geben Journalisten, Reporter, Moderatoren ihre individuelle Meinung zwischen den zu erstattenden Berichten bekannt. Die Methode wird langsam und leise eingeschlichen mit Hilfe von Interviews einzelner Bürger, deren Meinung für den Tatsachenbericht nicht relevant sind, die allenfalls eine Mehrheitsmeinung im Volk suggerieren. Die Medienvertreter schütteln mit gespielter Verständnislosigkeit den Kopf oder verfolgen den Meinungsträger in den Massenmedien, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass ein Unterschied zwischen der freien Meinung im Kopf eines Bürgers und der Meinung eines Journalisten im Fernsehen besteht, auch dann, wenn diese Meinung als „Kommentar“ bezeichnet wird. Der Eine genieβt seine Meinungsfreiheit, der Andere beeinflusst mit seiner Meinung Millionen.

Diese Verantwortung in vollem zu tragen und zu meistern, ist gewiss keine leichte Aufgabe, deshalb aber nicht weniger zwingend erforderlich. Zu oft wird ignoriert, oder verleugnet, dass diese Form der Informationsverbreitung manipulativ ist wie Werbung: was früher für die Print-Medien galt im Sinne von „sie glauben was sie lesen“, gilt nun im Fernsehen für Meinungsbildung im Halbschlaf am Sofa. Ist der Bürger selber Schuld, oder haben die Medien ihren Auftrag verfehlt?

Freiheit der Medien wurde aus bitterer Erfahrung in demokratische Systeme eingeführt, um zu verhindern, dass politische Agitatoren Massen manipulieren und politische Macht für Zwecke missbrauchen, die gegen die Interessen des Volkes sind. Nun haben die Medien die Macht, sich zu den Nachfolgern dieser Agitatoren zu werden, indem sie ihre Freiheit zur neutralen Berichterstattung missbrauchen, indem sie dem Volk ihre eigene Meinung vortragen, ihre politische Überzeugung, jene, von der sie meinen, alle anderen sollten sie teilen. Zum Beispiel: Mitte ist gut, Links ist schlecht, Rechts schlecht, Rechtsextrem ist extrem schlecht.

Dazu kommt noch eine weitere, noch besser verborgene Methode, nämlich jene der Verleumdung unter dem Deckmantel der Berichterstattung: demokratisch gewählte Politiker, Mobbing-Opfer jeglicher Provenienz, sie alle werden nach freier Auswahl durch mediale Nachrichtenverbreitung diskreditiert und verleumdet, indem mögliche, zweifelhafte Verdachtsmomente als Meldungen dargestellt verbreitet werden – Gerüchteküche also in der neuen Verbrämung der „Freien Presse“, der „Neutralen Berichterstattung“.

Niemand weiβ besser als die Medienvertreter selbst, dass der Bürger im Durchschnitt nur weiβ, was ihm die Medien vorsetzen. Das ist zunächst unschuldige Manipulation a priori, aber dennoch auf der Ebene der pre-selection-bias, derer sich verantwortungsvolle Medien bewusst sein müssen: ist diese Macht zur Auswahl mancher Berichte und gleichzeitigen Unterdrückung anderer Meldungen noch Gegenstand der „Neutralen Berichterstattung“? Darf „Pressefreiheit“ tatsächlich dahingehend interpretiert werden, dass Medienvertreter entscheiden, was der Bürger wissen, was er erfahren soll und was nicht?

Wer macht darauf aufmerksam, dass mit dieser Form der „Freien Presse“ nichts anderes geschieht als dass die Macht der Meinungsbildung und Manipulation von potentiell totalitären Politikern auf die Medien übertragen wird? Oder dass sich die Medien diese Macht selbst aus der ihnen übertragenen Freiheit titrieren können? Aus machtbrüllenden Diktatoren können dadurch fast unbemerkt leise, umso gefährlichere Meinungsmanipulatoren werden. Mit den oder gegen die regierenden Politiker(n) eines Landes sind dessen Bürger der Meinung, dass Trump schlecht und Clinton gut sei, oder umgekehrt, weil die Medien ihre Berichte dementsprechend mit Meinungen manipulativ durchsetzen. Rechtsgerichtete Politiker sind schlecht, regierende Politiker sind gut – und das ist dann neutrale Berichterstattung. Auch in einem demokratischen Land, in dem viele Bürger diese rechtsgerichtete Politik gewählt haben?

Wahlergebnisse sind das einzige Zeichen, das Bürger setzen können; sie signalisieren nun die Entfremdung zwischen Volk und Berichterstattung: Fällt das Wahlergebnis anders aus, als die Medien suggeriert haben, dann wir die Schuld daran lautstark an jene Politiker abgegeben, die man „Populisten“ schimpft, so, als verstünde kein Mensch mehr, was „Populismus“ ursprünglich bedeutet. Wenn nun aber Volk zu verstehen gibt, dass es lieber „Populisten“ folgt als manipulativen Medien? Erdogan setzt sich über seinen eigenen Rechtsstaat hinweg. Die Medien prangern an, verurteilen, verdammen – aber das Volk will Erdogan, das Volk protestiert nicht mehrheitlich. Medien gegen Erdogan. Medien – Partei gegen das Volk? Ist es die Aufgabe der Medien, das Volk wachzurütteln mit einer politischen Überzeugung gegen eine andere? Oder soll „Freie Presse“ nun bedeuten: Machtkampf zwischen Politik und Medien um die Voksmeinung: „wer manipuliert erfolgreicher“?

Was man an Ungarn beobachten kann: Freie Presse schuetzt nicht vor Autokratie. Orban foerdert die Linientreuen und treibt die anderen in den Ruin, legal. Nur Bildung, Erziehung schuetzen vor Usurpatoren der Macht. Fuer Opposition braucht man nicht „Freie Presse“ sondern Opposition! Die aber besteht aus Opponenten, also Menschen. Meint die „Freie Presse“, ihr Auftrag zur neutralen Berichterstattung sei gleichzusetzen dem Auftrag, mit den Nachrichten den Aufruf zur Opposition zu verbreiten? Autokratie ist auch nicht das Grundproblem, wie manche Monarchen der Geschichte gezeigt haben. Usurpatoren sind das Problem.

Wer also sägt hier aktiver am Ast, auf dem die Demokratie sitzt?

Sind die Medien neutrale Berichterstatter oder designierte Mahner im Interesse der Demokratie? Ich meine, es wäre eindeutig der Auftrag der Medien, neutral zu berichten, nicht aber, darüber zu wachen, ob sich das Volk so verhält, wie dies eine Gruppe von Meinungsträgern möchte.

Das Dilemma von Demokratie liegt nun offen zutage, nach Brexit, Wahlen in USA, Medien-geschürter Angst vor allen möglichen drohenden Gefahren ist klar, dass Massenmeinung als irrationales Ergebnis weitgehend unbekannter Mechanismen entsteht, dass sie aber auch manipuliert werden kann, intuitiv oder professionell: ist Demokratie, wenn die Mehrheit despotisch auf der Umsetzung der von ihr vertretenen Programme gegen die Minderheit besteht, oder ist Demokratie, wenn eine Minderheit medial gegen eine von ihr verachtete und vermeintlich irregeleitete Mehrheit wettert und aufwiegelt?

 

Die warnenden und mahnenden Medien kritisieren Akteure, nicht die Schwäche im System, an dem sie selbst usurpierender Teilhaber sind.

 

Politiker der Mitte, die es wagen, die vernünftigen Argumente rechtsgerichteter Politiker selbst umzusetzen, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, balancieren haarscharf am Rande der medialen Populismus-Schelte, setzen sich regelmäβig der Kritik aus, Abweichler vom Kurs der einzig tragbaren Politik zu sein. Herausragendes Beispiel hierfür sind die führenden CSU-Politiker Deutschlands und manche konservative Politiker Österreichs.

Murrende Bürger, die es wagen, diese Form von Medienmacht zu kritisieren, werden immer wieder von den Medien zu suspekten Rechtsradikalen stilisiert. Meinungsbildung im Volk basiert dann nicht auf Fakten sondern auf der Fakteninterpretation und -selektion durch die Medien, Selektion von aktuellen Nachrichten, Selektion von Teilnehmern an Talkshows und so fort.

Wie selbstverständlich führt sich damit dieses demokratische System ad absurdum, indem es Medien erlaubt, Freiheit zu missbrauchen, Mitmenschen in gespielter Gleichheit und Brüderlichkeit zu manipulieren und zu verleumden, das Ziel von „Freier Presse“ eigensüchtig zu verraten.

Wenn die Medien ihre Macht missbrauchen, indem sie dem Bürger einhämmern, was man unter Demokratie, unter Freiheit, unter „richtig“ und „falsch“ zu verstehen habe, dann verfehlen sie ihren Auftrag.

Denn es wäre Aufgabe von Politikern, Philosophen, Autoren aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten, die Menschen zum Nachdenken darüber anzuregen, mit welchen neuen Mitteln und Wegen Missbrauch, Nepotismus, Massenmanipulation verhindert werden können, auf welche Weise Demokratie von ihrer gefährlichen Schwäche befreit werden kann, nämlich der Entstehung von unsinnigen Zufallsergebnissen. Die Medien dürfen darüber berichten, nachdenken darf der Bürger selbst, ohne mediale Manipulationsversuche. Journalisten dürfen ohnehin Bücher schreiben. Aber es sollte nicht erlaubt bleiben, dass sie in Massenmedien Meinung manipulieren.

Meinungsfreiheit, damit wäre ursprünglich gemeint gewesen, dass jeder Bürger der Meinung sein darf, dass die gegenwärtige Form von Demokratie mit ihren ungeliebten, unverstandenen und völkerspaltenden Zufallsergebnissen nicht die beste aller möglichen Regierungsformen sein muss, dass auch Justiz fehlbar, politisch manipuliert und korrupt sein kann, dass also auch Rechtsstaatlichkeit baufällig ist, und dass Medien mit dem derzeitigen Umfang ihrer Freiheit in höchstem Maβe dem Risiko ausgesetzt sind, die Massen willkürlich und unkontrolliert zu manipulieren. Und all dies, ohne dass die Medien über eine solche individuelle Meinung herfallen und den Menschen hinter solchen Meinungen erdrücken oder sonstwie verlässlich vernichten dürfen.

 

Moderne Massenmedien: leider zu oft Ausdruck missinterpretierter, allenfalls unverstandener Freiheit, Freiheit statt Neutralität, Libertinismus statt Fairness. Wenigstens erschrecken sie noch ab und zu über ihre eigene Respektlosigkeit, zum Beispiel, wenn sie palavernd ex post erkennen, dass Satire doch nicht alles darf, und hoffentlich, indem sie im Spiegel ihres Kritisierens übergangener Menschenrechte erschrocken sehen, wie oft sie selbst Menschenwürde im Marktgeschrei der Sensations-News mit Füβen treten.

Machiavelli und die Diplomatie

Über die Diplomatie der Geizigen

und die Grenzen der bürgerlichen Anständigkeit in der Politik

Ganz unten im Volk und ganz oben in der Politik brodeln Meinungen und Macht, fallen Entscheidungen, im Dunst menschlicher Gefühle und Instinkte: Ich, Macht, Miteinander, Füreinander.

Am Pokertisch in der Kneipe und am Verhandlungstisch der Ministerien und Regierungen ver-multipliziert sich der Vorgang des inneren Konflikts zwischen Kreatur und Idee, zwischen Ich und Du, treffen Geist (anima) und Animalisches aufeinander, zeigt das Individuum sein wahres Gesicht für den, der hinter die Maske von Lüge und Verstellung zu schauen weiβ. Der Wahrhaftige erscheint naiv, wenn nicht gar dumm.

Niemand in der Öffentlichkeit will heute wissen, dass es zweierlei ist, ob die EU mit der Türkei über Politik an sich spricht, oder sie mit ihr über den Beitritt zur EU verhandelt. Und mit „Öffentlichkeit“ meinen wir schon immer politische Korrektheit, also sich der obsiegenden verbreiteten Meinung zu unterwerfen, als dem „Richtigen“. Es ist aufrichtig, der Türkei gegenüber endlich eine klare Position einzunehmen, auszusprechen, dass ein Beitritt zur EU „unter den gegebenen Umständen“ auf gar keinen Fall in Frage kommt. Denken tut das Jeder. Aber sagen tun es nur die Aufrichtigen.

Damit man nicht einmal dieses öffentlich zeigen muss, nämlich, dass man nicht aufrichtig ist, muss man eine Strategie zur Vernebelung entwickeln, weil man als typischer Politiker ja unbedingt aufrichtig wirken muss, oder wenigstens möchte. Hier besteht die Strategie darin zu sagen: „man kann doch nicht in einer derart kritischen Zeit die Verhandlungen mit der Türkei auf Eis legen“, ohne zu unterscheiden, welche der beiden Möglichkeiten man damit meint. Und schon ist der Aufrichtige im Unrecht. Er steht auch in der Ecke der Widersprüchlichkeit, denn man fragt ihn jetzt, was er denn eigentlich wolle mit seiner Aufrichtigkeit: erst schlieβt er eigenmächtig die Balkanroute und zwingt alle Anderen, sich daran zu adaptieren. Dann aber riskiert er, wieder im Alleingang, dass die Türkei die Schleusen öffnet und die Massen gegen seine Grenzen anrennen macht. Ob er denn Waffen einsetzen wolle, Krieg?

Diplomatie geht eben anders, und Krieg im Geiste: sie sagt “ja“, tut dann aber nichts. Sie zieht hinaus, hält am Gängelband, macht Zusagen an anderer Stelle, solche, die auch nicht zu verachten sind, hält sich möglichst weit entfernt vom Risiko einer ad-hoc Entscheidung des Autokraten, des Erben des Alten Mannes am B. Diplomatie erlaubt sich auch die Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur auf höchster Ebene: sie verspricht den Wählern („wir muessen jetzt …), die Flüchtlinge an ihren Ausgangsorten zu halten („Bekämpfung der Fluchtursachen“[1]) und die Auβengrenzen der EU zu schützen („Frontex“), mit mehr Steuergeldern. Dann kommen die Schiffe, die an Küsten patrouillieren sollen, zum Schutz der Auβengrenzen, und sie helfen den Schleppern dabei, die Massen von Flüchtlingen sicherer nach Europa zu bringen: die Schlauchboote der Schlepper aus Libyen werden von der libyschen Küstenwache aufgegriffen und an die weiter drauβen kreuzenden Schiffe der EU weitergereicht, damit sie sicher nach Lampedusa kommen. Die nächsten 5 Millionen sind nach Nordafrika unterwegs. Und über Obergrenzen soll nicht gesprochen werden, weil das nicht korrekt ist, auch wenn es aufrichtig wäre. Und die, die aus anderen Gründen schweigen, tun es, um wiedergewählt zu werden. Oder, weil dort, wo niemand ist, auch keine Obergrenzen zur Diskussion stehen können. Soweit die Widersprüchlichkeit hierzu. Allenfalls könnte man zum aberen Male daran erinnern, dass die geretteten Flüchtlinge nur mit Hilfe jener Schlepper gerettet werden können, die von der EU dann eingesperrt werden (etwa 12.000 in Deutschland und Ӧsterreich).

Was aber hat der Aufrichtige im Sinn? Hört man ihm zu? Jedenfalls hört man nicht, was er im Sinn hat, nicht von den Medien. Was, wenn er an Geschichte denkt?

Was, wenn er an den Konflikt zwischen Russland und der Türkei denkt, zum Beispiel an die etwa 10 Kriege zwischen den beiden Staaten seit dem Niedergang der Osmanen?

Daran, dass die Europäer ihnen schon damals geholfen haben, auf der Krim, im Jahr 1853? Und dann im Ersten Weltkrieg – wer hat nochmal die Baghdad- Hedschas-Bahn von Istambul über Damaskus bis nach Medina gebaut, finanziert von Franzosen, Engländern und zuletzt den Deutschen – war das nicht Heinrich August Meiβner?

Daran also, dass der Autokrat sie sowieso braucht, die EU?

Eben! Werden die Diplomaten sofort rufen, nein, sie rufen natürlich nicht; sie sagen es ganz leise und mit guter Haltung hinter vorgehaltener Hand: der Autokrat braucht unsere Hilfe, und er will sie auch; nur wollen wir diesmal keinen Krieg mehr, wir nicht, und die Engländer sowieso nicht (jedenfalls nicht dort wegen der Türken und der Flüchtlinge). Wir machen das eben anders, wir machen noch mehr Druck auf die Russen, das nützt ihm doch auch, und er weiβ es. Die Weisheit des alterfahrenen Diplomaten weiβ eben, wo man risikieren kann, feige und schwach zu er-scheinen am Parkett, wenn man dann in der Sache doch obsiegen wird – wird man? Und überdies: die Russen helfen uns und den Türken doch auch trotz ihres trotzigen Aktivismus, oder gerade deswegen: sie helfen, die Terroristen aus Syrien zu vertreiben. Damit wird dort bald wieder Ruhe sein. Warum sollen wir sie dabei stören? Vielleicht verstricken sie sich dort ja in ein neues Afghanistan. Politik, das ist eben das schmutzige Geschäft mit dem, was gerade, in diesem Augen-blick, an Verhandlungsmasse nützt, ohne dass man dafür ein Opfer bringen müsste, das wirklich schmerzt, wie z.B. ein Krieg (nicht ein Stellvertreterkrieg, verstehen Sie, sondern ein richtiger). Humanismus hat da keinen Platz, nur dort, wo er nicht mehr als Geld kostet, und auch das nur in unauffälligen Mengen (fragen Sie die UNO, was damit gemeint ist).

Trotzdem: die Frage, auf die es rausläuft, ist doch nur: kann die Türkei aus der NATO wollen? Dieses Risiko wird selbst der Autokrat nicht wollen. Also wird es bei diesem Seiltanz bleiben zwischen dem Sonnenkönigtum aus der Sicht von innen, und dem gefährlich lebenden Zirkus-künstler aus der Sicht von auβen: die lauten Schüsse seiner Rebellen haben ihn bisher nicht bis zum Absturz erschreckt; aber die ständig weiter platzenden Bomben erhöhen sein Risiko allemal.

Was, wenn der Aufrichtige fragt, woher alle Parteien ihre Waffen bekommen[2]? Was, wenn er ein transnationales Weltwaffenhandelsverbot nach dem Muster des Atomsperrvertrages fordert? Was, wenn er sagt: gebt den Türken mehr Geld dafür, dass sie über 3 Millionen Syrer versorgen – wieviele Milliarden ihrer Währung wollte Deutschland nochmal ausgeben für die halbe Million, die sie zu sich eingeladen hat? Was, wenn er fragt, warum die UNO nur halb so viel Geld für die Versorgung der Flüchtlinge bekommen hat als ihr versprochen wurde? Was, wenn er sagt, dass mehr Geld für Libanon und Jordanien dort mehr Flüchtlinge halten und von der Türkei fernhalten könnte? Was, wenn er fragt, warum die Gemeinschaft der Diplomaten Italien und vor allem Griechenland in ihrem Flüchtlingselend weitgehend allein sitzen lässt, ohne Gemeinschaftsgefühl?

Das kann nicht sein, sagt die friedliche Diplomatie. So einer ist kein Politiker; wir sind die, die ganz leise im Interesse der Geizigen im Wirtschaftskrieg um Wohlstand und Arbeitsplätze wirken, ohne Opfer auf unserer Seite.

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[1] Zum Beispiel in Somalia, wo die von der EU mitfinanzierte Polizei die Jugend auf Verdacht vom Moped schieβt, damit sie im Fall des Überlebens Al Shabaab in die Arme laufen, zu Terroristen gezüchtet werden und die Menschen von dort als Flüchtlinge an die Grenzen der EU treiben.

[2] Flüstern die Damen und Herren Diplomaten da jetzt über den Nimbyismus ihrer Friedenspolitik und die Arbeitsplätze für ihre Wiederwahl? Irgendwer muss ja schlieβlich die Waffen kaufen, die unsere Arbeitsplätze sichern. Immer noch besser, die dort schieβen sich gegenseitig tot, und wir versorgen ihre Flüchtlinge so recht und schlecht, als dass wir uns selber wieder gegenseitig schieβen – es könnte einen ja selber treffen.

Zweimal Affe, zweimal Traum

Über die Rückkehr zur Menschenwürde

 

Der amerikanische Biologe de Waal, Migrant und gebürtiger Europäer, hat zeitgleich mit dem Amtsantritt von Präsident Obama seinen Traum veröffentlicht, von einer besseren Welt, einer, in der das Zeitalter der Empathie anbrechen sollte. Weil auch die Affen einer Sippe aufeinander achten und füreinander da sind – gleich ob aus Opportunismus oder nicht. Sein Wahlspruch lautete:

Höre auf Deinen inneren Affen.

Sein Traum, der ebenso wie Obama’s Antrittsreden breiten Zuspruch auslöste, hat sich innerhalb weniger Jahre in neuen Auseinandersetzungen innerhalb der Nationen und zwischen ihnen verstohlen davongeschlichen, so als wäre er im falschen Theaterstück aufgetreten. Heute ist der Groβteil der Nationen der sogenannten industrialisierten Welt in sich zerstritten, geteilte Nationen. Gleichzeitig – der Widerspruch ist schwer zu ertragen – ist eine neue Welle des Nationalismus ausgebrochen. Die Gebäude der internationalen Verbände verfallen und drohen einzustürzen: die NATO wird verzweifelt mit verbalen Stützen aufrecht gehalten, die UNO verhungert, die EU wird schon totgesagt. Im Stimmengewirr der Interessensvertreter zwecks Anfeuerung der Stellvertreterkriege versteht mittler-weile kaum noch Einer den Anderen, sofern man das überhaupt noch will. Das alles spielt sich unweit vom biblischen Stimmengewirr ab, als der Turm zu Babel gebaut wurde. Die alten Fronten der Geschichte werden aufgetaut nach dem Kalten Krieg; wie tiefgefrorenes Saatgut beginnen sie wieder zu keimen: die vorgeschobenen Religionen, die sich auf Moses berufen; wie vor eintausendfünfhundert Jahren sitzen sie alle drei eifersüchtig auf dem Felsen in Jerusalem, vertreiben einander ab-wechselnd und zerstören die Tempel der Kontrahenten; obwohl sie alle drei das-selbe anzustreben behaupten, nämlich, sich dem Einen Gott günstig darzustellen. Das nachösterliche Gezänk der Mönche in den Strassen von Jerusalem gemahnt an die Krim. So wandert die Erinnerung weiter zum Bosporus, durch den die Sintflut kam. Auch der Alte Riese aus dem Osten lässt wieder antworten, er benötige keine Ratschläge aus dem Okzident, er könne sich schon selber nehmen, was ihn von des-sen Erfindungen interessiert. Die Kinder Adams, von denen der Eine den Anderen erschlug, wahrscheinlich aus Neid, so sagt die Bibel.

A propos Adam, und a propos Affe: da hatte noch ein Anderer einen Traum, eine wahrhaft deutsche Seele von der tatsächlich empathischen Art: nach der Erfahrung beider Weltkriege – in den zweiten hatte er sich auf der Flucht vor der GESTAPO als Feldarzt gerettet – schrieb er:

„Wird der Mensch von der unerbittlichen Herrin, der Macht der Tatsachen, in die Enge getrieben, beginnt er zu träumen.“

und

Die wichtigste Voraussetzung für die Verwirklichung des Traumes Europa ist die Einsicht, dass die Macht nicht notwendig an die Idee der Nation gebunden ist.“[i]

Der Titel der Schrift heiβt: „Adam und der Affe“. Der Autor warnt die Nachwelt vor dem unbedachten Dahinträumen, vor dem Eindösen in den wohlklingenden gezielten Falschmeldungen auf twitter und so weiter, warnt vor der gedankenlosen Verwechslung von „Heimat“ und „Nation“, „Staat“ und „Vaterland“. Und er beschämt uns mit dem Verweis auf unsere sehr alte Geschichte:

„Europa- das ist die Idee der Humanität verbunden mit der Macht. Europa als Idee ist nicht neu.“

Europa, das ist auch das hellenisierte, das christianisierte Rom, Karl der Grosse, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

„ … Europa … zu einem politischen Gebilde zu machen, in dem die Macht nicht mehr mit der Idee der Nation, sondern mit der Idee Europa verbunden wird.“

„Idee“ ist wohl das, was in unserer „post-alles“-Welt zum Reizwort geworden ist. Wir wollen alle Ideologien hinter uns haben. „Idee“ wird zum Gegenpol von „Warmherzigkeit“, von Gefühl und Instinkt. Jetzt zählt also nur noch das Tier, der Affe und sein Gefühl.

Das leitet über in einen Widerspruch:

Greed is out, empathy is in“ – „Gier ist out, Empathie ist in, sagt der Andere.

Dieser Andere, obschon Biologe, scheint restlos eingedöst: er träumt vom Frieden durch den Affen in uns. Der aber sagt, stets wacher als unsere Ich-Bewusstheit, und immer schneller als unser bewusstes Denken: erst komme Ich, dann kommst Du, wenn es mir nützt, und, wenn’s bloβ nicht weh tut. Vermeidung von Mangel und Schmerz, Erlösung vom inneren Drang jeglicher Art, das bewegt Jeden, denn Jeder hat mal einen unaufmerksamen Augenblick, in dem er sich mit dem Finger in der Nase ertappt, wo man das doch partout nicht wollte.

Die Werbefachleute haben das vor spätestens einem halben Jahrhundert zu professionalisieren begonnen, sie brauchen ja auch nur in die Ich-Form zu übersetzen: „Ich bin doch nicht blöd, ich nehm‘ mir einfach“.

Und dann ist da jener alarmierende Widerspruch: je mehr Wir-Gefühl nach innen, desto mehr Fremdenhass nach auβen. Aus der Traum von der weltweiten Empathie.

Hör‘ auf Deinen inneren Affen? Eh? Wahrscheinlich gut gemeint, aber sicher an der falschen Stelle, und auf jeden Fall falscher Alarm:

Gefühllosigkeit kann es schon aus biologischen Gründen nicht geben. Gefühl ist eine unkontrollierbare Hirnfunktion, Gefühl, das ist Teil von uns. Gefühle sind unbewusst verarbeitete Reaktionen auf Eindrücke und Gedanken. Auch Teilnahmslosigkeit basiert auf einem Gefühl. Gefühle haben eine Funktion, Überlebensstrategie aus Lebenserfahrung, eigener und jener der Vorfahren. Gefühle haben Kehrseiten, in die sie sich wenden können.

Empathie ist ein Gefühl. Eine der Kehrseiten der Empathie ist Rachejustiz, ist Hass im allgemeinen. Nicht das Gefühl können wir kontrollieren, sondern seinen unbedachten Ausbruch. Und das ist manchmal ratsam. Denn Gefühl kann täuschen, dort, wo es an Erinnerungen knüpft, die nichts mit der momentanen Wirklichkeit zu tun haben. So kann menschliche Wärme zur Falle werden, soge-nannte Gefühlskälte zur Rettung. Der gesunde Menschenverstand ist ein Erbe, aus der Urzeit unserer Spezies, auch aus jener der Affen, aber auch der Krokodile und Haie. Gefühl ist unauslöschlich eingebaut im Menschenhirn, wenn auch mit der – soweit wir bisher wissen – einzigartigen Option der Weiterverarbeitung.

Empathie, das war zum Beispiel Herbst 2015. Die Kehrseite, das ist Köln, die AfD, UKIP, FPÖ, die Front National, die Visegrad-Staaten, Trump, das ist jetzt.

 

„The age of empathy“[ii] ist bestenfalls ein alarmierter Aufruf eines aus dem albtraumhaften Halbschlaf Aufgeschreckten, einem Halbschlaf, der ihn an die Gefährlichkeit seines naiven Volltraums von einer besseren Welt warnen sollte: es gibt schon keine nettere Gesellschaft innen, ganz zu schweigen von einer Weltgesellschaft auβen: Amerika selbst zeigt das am deutlichsten: Obama hat den Traum für kurze Zeit zum Massenphänomen gemacht; jetzt ist Amerika eine geteilte Nation. So wie die Briten, so wie Polen. So wie Frankreich. So wie Italien. So wie Deutschland. Und wie Spanien. So wie Österreich. So wie die Heimat des Autors, die Niederlande. Die Widersprüchlichkeit ist wieder blank: der Traum möchte und will doch nicht gelebt werden. Gerade der Affe in uns erzeugt diesen Widerspruch, gerade der Affe erzeugt den Fremdenhass, auch wenn er nach innen empathisch sein kann – dass ein Biologe das nach der neueren Verhaltensforschung nicht berücksichtigen will. Die nächste spanische Grippe, und der allgemeine Bürgerkrieg, Chaos, ist allgegenwärtig. Zwei Welten stehen gegeneinander, auf dem Sprung: schon was von „social divide“ gehört? Cameron sprach über seine Briten von einer „broken society“. Jede Volkshälfte Europas fühlt sich genarrt und benachteiligt. Wertegemeinschaft? Alle Affen wollen davon etwas abhaben. Einigkeit nach innen, das war einmal, damals, als es noch keinen Wohlstand gab.

Dieser Widerspruch hat auch den Islam zerrüttet: mittelalterliche Sozialstruktur und Verweigerung dem Westen gegenüber, Tod diesem Feind, und doch Verwendung aller moderner Technologie aus dem Westen, Jeder will ihn, auch Osama Bin Laden; ein anderer Teil der Bevölkerung übersiedelt überhaupt in diesen Westen, will ihn aber dazu zwingen, sich nach den Lebensgewohnheiten des Islam zu richten, will im Westen den Islam mit seinen Werten importieren.

Ist schon alles zu spät? Hört niemand mehr auf irgend etwas, merkt hier keiner, was geschieht? Die Brandstifter sind schon im Haus unterwegs, aber der Biedermann macht noch immer auf harmlosen Alltag?

Nur noch Affe, oder was? Nur noch Affe mit Kopf im Sand bestenfalls.

Wahr ist freilich, dass wir das auch können, könnten, das mit der Empathie. Übrigens, das erinnert an noch etwas aus der Geschichte: das Zeitalter im 18.Jh. hieβ „Aufklärung“. Es war um Toleranz gegangen. Die Politik hat darüber mit den Philosophen korrespondiert, sogar selbst darüber geschrieben, aber meist missbräuchlich, wie fast immer. Sie hat bisher nicht wirklich stattgefunden, die Aufklärung, nur am Papier. Warum? Dabei handelt es sich um die Herausforderung – eine Antwort fordern nützt nichts, das kann heute Jeder mit ansehen: was nützt es, Politiker mit zunehmender Frequenz abzusetzen, weil sie nicht verwirklichen, was wir gerne möchten, aber gleichzeitig selbst verhindern, weil der Affe in uns dagegen ist? Das wurde schon in der Französischen Revolution vorgelebt: sie haben es nicht einmal geschafft, ihre Könige endgültig abzuschaffen, nur ihre führenden Geister verstummten zusehends. Die Oberpolitiker unter den Spät-Oberaufklärern haben dann die Perfektion der Stille erwirkt. In Europa war – zumindest die Erinnerung an – Wohlstand letztlich ein Hindernis von Anbeginn, aber im Osten konnte dieses rote Feuer eine Weile in den Steppen des Sibiriens breitflächig wüten, bis ihm in den Dünsten der Tundra der eigenen Geschichte der Sauerstoff ausging.

Toleranz üben kann nicht ein Staat, nicht eine Nation, das kann nur jeder Einzelne; das braucht Übung, verlangt Opfer.

Und weil wir Europäer ja Alle auf einer Basis stehen, die gar so christlich ist: eine Backe ist nicht die Kultur, nicht das Leben. Diese Basis verlangt nämlich nicht „keine Verteidigung“. Sie erlaubt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Darin steht Selbstverteidigung. Gegen Übergriffe.

Toleranz dürfte also durchaus heiβen: hier ist eine Grenze, bis hierher und nicht weiter. „Opfer“ wäre in diesem Fall wirkliche Entwicklungshilfe unter fairen Handelsbedingungen, Schluss mit ungezähmtem Kapitalismus samt schamloser Ausbeutung. Schluss mit unwürdigen Menschenrechten. Rückkehr zur Menschenwürde.

Γνῶθι σεαυτόν – Erkenne dich selbst – Wisse dich

Es stand im Tempel von Luxor und wurde von griechischen Philosophen übernommen und im Apollon Tempel in Delphi angebracht. Auch diese Idee also ist nicht neu.

Nur wer um unsere tierische Herkunft weiss, kann sie auch erfolgreich zähmen. Die Einflüsterungen des Affen kennen zu wollen, bedeutet nicht, sie zu befolgen.

 

Schon Adam vermochte unser tierisches Erbe zu erkennen, an deren Wesen und dem Spiegelbild seiner selbst. Die Wissenschaft hat es bestätigen können. Die christliche Lehre nennt es die Erbsünde, eingedenk unserer Fähigkeit zum Missbrauch von Lust, von Gefühl.

Empathie gibt es nur in der Sippe, nach aussen nur noch Toleranz. Das eine wirkt automatisch, denn Empathie ist eine Sympathie. Das andere ist nicht selten mühsam -Fairness erfordert Denkkraft und guten Willen.

Nicht der Affe in uns rettet die Welt. Nur wir selbst vermögen das, gewahr unseres Gewahrseins. Und dies nur, wenn wir wollen, wirklich wollen. Wollen ist Wille, Wille ist ein Bewusstseinsakt, einer, den eben keine Tiere können.

Vive la petite difference – es lebe der kleine Unterschied.

Ohne den werden wir nicht überleben – wenn überhaupt.

 

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[i] P. Bamm Gesammelte Werke, Bd.2, Adam und der Affe, Knaur Verlag 1976, S.260.

[ii] F. De Waals, The age of empathy. Nature’s lessons for a kinder society. Three Rivers Press 2009.

Brexit, EU und Weltfrieden

 

24.06.2016

Es ist passiert.

Schuld sind vor allem die Politiker der EU: Sie sind dem verzweifelten Vorstoß von Cameron nachgerade mit Häme begegnet: selbstverständlich wäre die Zusage von Reformen gegenüber den Briten der sicherste Weg gewesen, Großbritannien in der EU zu halten, eine Reform, die all jene überzeugt hätte, die nun die Misere durch ihre Abwahl hervorgerufen haben. Cameron wusste, dass er politisch nur überleben kann, wenn er den Briten den Erfolg einer glaubwürdigen EU Reform nachhause hätte bringen können, Reformen, die nun, nach dem Austritt von Großbritannien, ohnehin anstehen und dringend umgesetzt werden müssen, um die EU insgesamt überlebensfähig zu halten. Damals, im Fahrwasser des Grexit, waren die EU-Politiker zu sehr an ihre überheblich wirkende Vorgehensweise gegenüber Griechenland gewöhnt und behandelten den Briten fast ebenso überheblich. Er musste fast klammheimlich erfolglos von Brüssel nach London abziehen, nachdem er die bedeutungsvollen Verhandler um die Griechenland-Frage schon allzu sehr gestört, ja belästigt hatte.

Die EU, bzw. ihre Repräsentanten, die EU Politiker, verhalten sich auf ihrer Ebene ebenso nationalistisch und egozentrisch wie die Vertreter der einzelnen Nationen der EU nach innen: ein ungesunder EU-Nationalismus, den ohnehin kein EU-Bürger verstand, sondern als arrogante Repressalien der Brüssel-Politiker empfand, gab dieser EU-Politik schon seit Jahren ein kleinbürgerliches Flair. Die EU als Repräsentant des alten Europa, verantwortungsvoll gegenüber der von ihr kolonisierten jetzigen „dritten Welt“, hat es nie gegeben. Die Opportunisten haben die Idealisten längst tot gemacht. Die Opportunisten sind jene, die aus Brüssel holen, was sie brauchen können, und weitgehend schweigend ablehnen, was sie nicht brauchen können oder nicht wollen. Die opportunistischen Hintergedanken der Nettozahler seien hier vorerst einmal beiseite gelassen.

Es ist enttäuschend, dass kein Politiker, weder in Großbritannien noch in einem europäischen Land, noch in USA oder sonstwo, die weltpolitische Bedeutung der britischen Entscheidung hervorgehoben hat und darauf hinwies, wie bedeutsam das Beispiel einer britischen Entscheidung auf unserem Weg zu einem Weltfrieden ist: mehr als alle anderen Völker der so genannten zivilisierten Welt haben die Briten bis weit über den Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts hinaus einen Total-Kolonialismus betrieben (im Jahr 1900 angeblich über 70 % der bevölkerten Welt kontrolliert). Nun, in unseren Zeiten zunehmender Mobilität, vor allem auch auf der Basis der explosionsartig entwickelten Kommunikation, zwingt uns Massenmigration – wenn wir schon nicht früher brauchbare Lösungen für die so genannten Entwicklungsländer umgesetzt haben – nunmehr dazu, endlich unsere Verantwortung wahrzunehmen und alles daranzusetzen, dass diese früheren Kulturen unterschiedlicher Entwicklungsstufen, durch Kolonialismus zu Entwicklungsländern gemacht, mit unserer Unterstützung, Interaktion und notfalls Intervention unserem zivilisatorischen Niveau angeglichen werden. Dies kann nur durch globales Zusammenwirken funktionieren. Aus diesem Grunde ist es überaus bedeutsam, dass Politiker bei jeder Entscheidung auf diese Sichtweise drängen: nur noch „miteinander Wirken“ kann den Weltfrieden ermöglichen; jeder Nationalismus und Regionalismus, jeder Separatismus wirkt diesem entscheidend notwendigen Weg entgegen. Daher wäre es von größter Bedeutung für die britische Politik gewesen, ihre Völker darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Generation diejenige ist, die auf der Weltbühne die Verantwortung tragen sollte und eigentlich muss, beispielhaft diese Integration der vorher unter kolonialer Herrschaft kontrollierten Völker auf unseren zivilisatorischen Stand zu bringen. Nicht zuletzt ist damit auch verabsäumt worden, auf die enormen auch wirtschaftlichen Argumente dieser Richtung zu weisen, also in die Gegenrichtung zur nationalistischen, egozentrischen, ja narzisstischen Richtung der so genannten „Brexit-Bewegung“. In diesem Zusammenhang haben leider auch die Befürworter des Verbleibens in der EU nichts anderes öffentlich betont, als die Interessen von Großbritannien, die eigenen egozentrischen Standpunkte des Landes, keinerlei weltpolitisch-staatsmännische Argumente betreffend unsere Herausforderungen in Richtung Globalisierung.

Zum wirtschaftlichen Argument kann man hier nochmals hervorheben, dass die zivilisatorische Entwicklung der sogenannten Dritten Welt den Weltmarkt essenziell vergrößern, mindestens verdoppeln würde, wahrscheinlich eher der verfünffachen, und dass damit nationale Interessen wesentlich besser abschneiden als mit einem nationalistischen Standpunkt. Ich merke wohl, dass ich hier selbst einen egoistischen Standpunkt vertrete, indem ich die letztendlichen wirtschaftlichen Vorteile einer globalen Politik in den Vordergrund stelle; immerhin wäre dies eine alternative Möglichkeit vor dem plumpen Hinweis gewesen, lediglich nationale Interessen in direktester Form zu vertreten („was uns besser nützt was wir für uns selbst wollen“ et cetera).

 

Europa, die europäischen Länder, Grossbritannien, Niederlande, Spanien, Portugal, Deutschland, Italien, als Kolonialmächte sind die historischen Architekten der derzeitigen weltpolitischen Szene. Europa ist also erstverantwortlich für die Schaffung, wenigstens das Bemühen um, eine friedliche Zukunft.

In unserer Zeit der Globalisierung kann nur ein Miteinander auf allen Ebenen den Frieden garantieren.

Zu glauben, dass Migration und Brexit / Neo-Nationalismus/Rechtsruck voneinander unabhängig seien, ist ein nahezu unfassbarer Irrtum. Dass keiner der Politiker vor oder nach der Entscheidung der Briten diese globalpolitische Bedeutung hervorgehoben hat, ist ebenso erschütternd. Europa als alte Weltmacht hat jetzt, hätte, die Verantwortung – auch wenn das unangenehm sein kann, weil es Opfer fordert, Zurücknahme der eigenen Interessen, die Verantwortung, diese Welt, die von Europa zuerst für seine eigenen Interessen kolonisiert wurde, zusammenzuführen, zu einen, indem es den Entwicklungsländern gezielt, ehrlich und tatsächlich dabei hilft, zivilisatorisch auf unser Niveau zu kommen.

Umso enttäuschender wäre es, wenn sich nun ausgerechnet Grossbritannien, jenes Land, das die Welt beherrschen wollte, nun für die Kolonisierungsmisere die Verantwortung ablehnte und sich egozentrisch und narzisstisch zurückziehen würde. Nun bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Gegner des EU-Austritts politisch so weit durchsetzen, mit geschickter Verzögerung so lange, bis sich die wirtschaftlichen Nachteile deutlich genug gezeigt haben werden, dass ein Pseudo-Brexit resultieren kann. Damit bekäme die EU eine zweite Chance, mehr auf die konstruktiven Vorschläge der Briten zu hören, eine zweite Chance, von allen anderen nationalistischen Tendenzen wegzukommen und einen einigenden Tenor zu finden, den, der allen Ländern Europas eine Chance gewährt, die nähere Zukunft glimpflich zu überstehen.

 

 

 

Man trägt wieder Krawatte

All you need is love – Ende und Wiederbeginn der Krawatte

oder

Man trägt wieder Haltung, man trägt wieder Krawatte

 

Rational verständlich ist das alles natürlich nicht; im Gegenteil: aus der Ferne beobachtet meint man einem Haufen Verrückter zuzusehen. Ein Beispiel:

Katholikentag in Leipzig. Dort, wo kaum Katholiken leben. Die Medien fragen sich: warum dort? Und sie fragen Passanten: eine Frau sagt: find ich gut. Wer weiß, ob nicht auch dort Leute vorbeikommen und sagen, dass ihnen gefällt, was es dort so an Veranstaltungen gibt, und schauen dann wieder einmal in einer Kirche vorbei, stellen fest, dass man dort schöne Musik spielt.

 

Dass die Krawatte in den 50er Jahren auch für Studenten Pflicht gewesen sei, ist falsch: sie wurde nur bei Prüfungen und Promotion getragen. Aber sonst gab es kaum einen Büro- bzw. Geschäftsmann, der nicht Krawatte getragen hätte, so wie die jungen Männer bis 1918 unbedingt Bart tragen mussten, wenn sie als Erwachsene ernst genommen werden wollten.

Im Jahr 2011 war es akzeptiert zu fragen, wann „Krawatte überhaupt noch gesellschaftsfähig“ sei, ob Krawatte im Dienst weiter eine Regel sein solle oder nicht[1]: die klare Antwort war: das geht niemanden etwas an, ob ich eine Krawatte trage oder nicht, ist Ausdruck meiner Persönlichkeit, nicht Befolgung einer Regel. Fazit: der moderne Mensch der westlichen Welt in liberalen demokratischen Gesellschaften lässt sich nichts mehr vorschreiben – sogar das Gesetz, an das er sich hält, hat er selbst bei seinen gewählten Politikern in Auftrag gegeben. Also reagierten die Politiker: immer mehr schlossen sich dem Trend an: man demonstrierte: ich bin selbstverständlich einer von euch, euer Diener, liberal bis geht nicht mehr, jeder kann tun was er will, so lange er die Gesetze beachtet. Politik ist nicht mehr Macht, sie ist Dienst am Kunden.

Dass auch Milliardäre durch „Hemd offen und oben ohne“ demonstrieren, wem die Welt gehört, ist fehlgedeutet, ist nochmal hinters Licht geführt: die Demo von Volksnähe, „ich bin einer von euch“ war eine lächerliche Farce, die nur wenige geglaubt, aber fast alle mitgemacht haben (man muss eben „mit der Zeit gehen“) – zynischer geht es kaum.

Ein Autor, damals, 2011, hatte immerhin den Mut, die Lüge dahinter aufzudecken und zu schreiben: „Nie war es rebellischer, eine Krawatte zu tragen“, und davon sprach, dass es auch Würde gebe, die man damit ausdrücken könne.

Mit der Lässigkeit kam die Nachlässigkeit: bei immer mehr Gelegenheiten wurde Politikern ihr Mangel an Durchblick, Weitblick, Führungsstärke, Staatsmannschaft vorgeworfen.

Nur die Rechtsradikalen kamen mit kurz geschorenen Haaren, strammem Scheitel – und Krawatte.

 

Mit dem Rechtsruck also kommen die Krawatten wieder – vorzüglich blau, mit Hinweis auf Hoffnungsträger also – denn die Politikverdrossenheit hat trotzdem zugenommen. Die Leute wollen gar keine schlampig daherschlurfenden lässigen Typen, die Volksnähe mimen, obwohl sie eine breite Spur von Realitätsferne hinter sich herziehen. Sie wollen Führung, auf die man vertrauen kann. Sie wollen Führer, die etwas darstellen, die Vertrauen einflößen. Die Politiker haben die Abfuhr verstanden; jetzt ziehen sie ihre Krawatten wieder an.

Dabei ist blau nicht neu. Dezember 2009 in der „Bild“: „Obama legte die bis dato allgegenwärtige rote Krawatte beiseite (in USA war das nämlich immer schon anders als in Europa, ganz zu schweigen von Japan oder gar China) und ersetzte sie durch eine blaue! Und die Welt folgt ihm in Sachen Krawatten in beinahe unheimlicher Geschlossenheit.“[2]

Es folgte der irrige Versuch einer „Fotographenlegende und Stilikone“, 2010 zur Trendwende aufzurufen: „zurück an die Krawatte!“[3]. Doch das mit „Krawatte in blau“ hielt nur so lange wie Obama der Heilsbringer war, hoechstens 100 Tage. Dann war es wieder aus mit Krawatte, vor allem aus mit blau!

2014 war die Krawatte wieder einmal „kurz davor, vergessen zu werden“, weil „das wohl unmodischste Kleidungsstück unserer Zeit“  und Relikt aus Zeiten, da sie für männliche Selbstverwirklichung und Spießertum, Symbol männlicher Dominanz gestanden sei.[4]

Dementsprechend hat sich eine Journalistin – vielleicht in unbewusstem Wunschdenken – geirrt, als sie im Dezember 2015 schrieb: „Das Ende der Krawatte. Niedergang eines Machtsymbols.“[5] Der größte Irrtum war der gute Rat der Mode-Experten an die Manager-Gattinnen für Weihnachten 2015, bloß keine Krawatte zu schenken: denn kurz danach brach die zweite Epidemie der blauen Krawatten aus.

Dabei gab es doch 2015 die „Fifty Shades of Grey“ im Kino! Und die hätten eine Trendwende bewirkt, Krawatten seien seither wieder „so was von heiß“[6]. Und sogar James Bond trug in „Spectre“ Krawatte, wenn auch eine zu kurze.[7]

Heute sehen wir an „Krawatte“ oder „keine Krawatte“, ob einer den Rechtsruck zwecks Verhinderung der Rechtsradikalen schon kapiert hat oder nicht.

 

Die Krawatte ist zur Zeit Ludwigs XIV. In Frankreich Mode geworden, als dem König das Halstuch kroatischer Söldner gefiel: so trug man Tücher „a la cravate“, also auf kroatische Art. [8]

Spätestens seit „All you need is love“ der Beatles war das Ablegen der Krawatte zum Symbol der sexuellen Befreiung geworden.

 

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[1] T. Bärnthaler: Krawatte im Büro- ja oder nein?, Süddeutsche Zeitung 36, 2011.

[2] http://www.bild.de/lifestyle/mode-beauty/welchen-schlips-obama-und-andere-stars-tragen-und-welche-sie-verschenken-koennen-10826986.bild.html

[3] F.C. Gundlach, „Eine Bindung fürs Leben“, Zeit Online, 04.02.2010, http://www.zeit.de/2010/06/Gundlachs-Schlipse

[4] http://www.taz.de/!5035739/

[5] Bettina Weiguny, Das Ende der Krawatte. Frankfurter Allgemeine, 22.12.2015

[6] http://www.mentoday.de/news/krawatten-trends-2015/210.html

[7] http://www.nzz.ch/lebensart/stil/traegt-007-seine-krawatte-zu-kurz-ld.4006

[8] http://www.taz.de/!5035739/

 

 

Trump Eleven Nine

Die Grünen Deutschen weisen besorgt darauf hin, dass an diesem deutschen Jahrestag des Mauerfalls ein amerikanischer Präsident gewählt wurde, der neue Mauern bauen wolle.

Der Super-Kapitalist gibt dem Sklavenaufstand gegen den unkontrollierten Kapitalismus und Welthandel eine Stimme und setzt sich selbst an seine Spitze. – Trump wird Präsident der USA. Die Zurückgelassenen, viele am Rande des Wohlstands, oder gar in der Gosse des reichen Westens vegetierend, viele davon arbeitslos, nochmehr bedroht von den technokratischen Visionen einer arbeitsfreien Welt der Industrieroboter, viele Mittelständler, die sich zurückgelassen sehen im zunehmenden „social divide“, sie alle sind damit gesammelt. Die Widerspruechlichkeit menschlichen Verhaltens erreicht einen neuen Höhepunkt. Dass Trump diese Massen so leicht verführen konnte, liegt auf der Hand: ein Sklavenaufstand braucht einen Gladiator, einen Spartakus. Dass die Zeit dafür reif war, dies zu ertasten hat er offensichtlich die Gabe. Er, der andere Sklaven in der Arena tötete, um selbst zu überleben, er, der vielleicht schon ein notorischer Genuss-Killer geworden ist aus unheilbarem Hass auf die zynischen und korrupten Politik-Arrivierten, wird nun Anführer der Sklaven. Sie vergeben ihm seine Morde, vergeben ihm alles, denn er hat ihnen Freiheit versprochen, Freiheit zur Rache.

This is not a victory, this is a movement”: so fasste es Trump selbst zusammen.

Eine Prophetenstimme unter den Auguren hatte die „Bewegung“ erkannt: „den Ausschlag bei der kommenden Wahl könnten Jene geben, die Trump heimlich wählen, obwohl sie dies niemals öffentlich einzugestehen wagten.“ Drei Prozent der Deutschen hätten Trump gewählt, aber die AfD erreichte zweistellige Prozentwerte, heimlich gewählt. Der Effekt der medialen Manipulation ist nun mal das eine, das andere die Folge eigener Erfahrung im eigenen Land.

Niemand soll zu behaupten wagen, es habe sich nicht angekündigt, amerikaweit, europaweit, weltweit: schlagartig gibt es nun Briten im Wind der Gegenwart, die gestern noch herb grinsend riefen „wer wird schon diesen Unsinn stammelnden Affen wählen“, und heute überzeugend formulieren, wie sehr sich in dieser Wahl der Drang des Volkes zu neuen Ufern ausdrücke, wie sich dies schon mit dem Brexit angekündigt habe. In der Tat hat der Brexit die Verwirklichung eines globalen Trends eingeläutet: die Briten aber, Hegemonialmacht bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts, hätten die Verantwortung zum Bemühen um globale Zusammenarbeit, und, die dafür notwendigen Opfer in den Vordergrund zu stellen, eine Verantwortung für eine tatsächliche Entwicklung der früheren Kolonien, nicht wieder eine verdeckte Ausbeutung. Stattdessen werden die Briten nationalistisch: wir, die Westmächte, wir, die Herren, die früheren Kolonialherren, haben weiterhin kein Interesse an romantischen Vorstellungen von Verantwortung zur Gemeinsamkeit in der Globalisierung. Globalisierung bedeutet globaler Markt, und den gedenken wir für uns zu nutzen, nur für uns. Da haben auch Fremde keinen Platz, auch keine fremd aussehenden Gesichter, auβer sie ordnen sich unter. Die Herren segelten noch einmal an mit ihren Kanonenbooten, auf den Falklands, 1982, als die Argentinier ihr altes Recht aus 1820 zu behaupten wagten – es war ihnen 1000 Menschenleben wert. Schluss mit gemimter Toleranz, mit vorgetäuschtem Glauben an Multikulturalität, mit vorgeschobenem Verantwortungsbewusstsein für die Entwicklung der ausgelaugten Kolonien, Schluss mit gequälten Zusagen zu Kompromissen im Interesse einer weltweit zusammenwachsenden Staatengemeinschaft. Wirtschaftskrieg? Who knows.

Und dennoch, vergessen wir nicht: Trump altert, Alter lässt an Vermächtnis denken, macht sentimental und nostalgisch, Alter macht milder. Dieser alternde Trump, der Kapitalist, der nun den Eindruck vermittelt, er habe nur mal gegen die Folgen des Kapitalismus poltern und den Verarmten aus dessen Folgen helfen wollen: fast zögernd betritt er die Bühne, leiser, so wie ratlos, sicher überrascht, vom nicht erwarteten Erfolg. Er wollte weiter Spartakus sein, weiter poltern gegen „das Establishment“, das ihn wohl stets als unangenehmen Nebeneffekt des Kapitalismus beiseitegeschoben und damit verletzt hatte. Erstmals sieht er nicht die Begeisterung seiner Anhänger, sondern den Hass in ihren Gesichtern, den Hass, jene Kraft, die ihn nun auf den Schild gehoben hat. Da steht nun ein alternder Trump, mit der Angst der Soldatenkaiser im Herzen. Ein Teil von ihm wollte, sein Schatten könnte nun dort auf der Bühne stehen, und er selbst könnte seine Ruhe haben.

Und noch etwas: da ist eine Anti-Brexit Kraft an ihm: Trump gab ein Signal, das kein Politiker seit 1989 laut und deutlich zu geben wagte: der Westen hat versäumt, als ersten Schritt nach dem Zusammenbruch der UdSSR den Russen die Tür zu öffnen und die Hand zu reichen, in jeglichem nur machbaren Umfang, eingedenk der Tatsache, dass Russland vor 1914 Europa war, dass der Kommunismus eine europäische Ideologie ist, dass die NATO eine fortgesetzte Drohgebaerde war und ist. Wenn Trump dies nun tatsächlich erfolgreich nachholt, wenn er es schafft dafür zu sorgen, dass Russland als Groβmacht anerkannt und damit befriedet wird, rehabilitiert nach der Erniedrigung, die von den USA genossen worden war, dann wird er der Welt einen groβen Dienst erwiesen haben.

Auch eine andere Art von Hass – und Langeweile – kam mit dieser „Bewegung“ an die Oberfläche: viele Verbitterte, Verärgerte, Enttäuschte schlieβen sich Spartakus an, diese kranke Welt zu zerschlagen, frustriert von einer zunehmend brutalisierten Welt, politisch verwaltet von einem Gemisch von professionell Deformierten, engstirnig Verbohrten, kleingeistigen Schreiern und skrupellos Korrupten in kranken Rechtsstaaten. Das Risiko dieses Experiments ist es ihnen wert, mit der Fortsetzung der bekannten zahnlosen Politik profilloser Verwalter als Platzhirsch-Könige ohne Land zu brechen. Auch Gelangweilte schlieβen sich an, die an nichts mehr glauben, wohlhabend bürgerlich kokonisiert, vermeintlich aus sicherer Distanz. Die Gräben in der amerikanischen Gesellschaft sind nicht „während des Wahlkampfes aufgetreten“, wie sich der deutsche Aussenminister heute äuβerte, sondern durch diesen Wahlkampf öffentlich geworden – vorhanden waren diese Gräben schon lange, soweit sie nicht schon immer die USA geprägt haben.

Am Ende seiner Sieger-Ansprache geht Trump durch die Reihen. Man spielt Musik: „You Can’t Always Get What You Want“, den Song der „Rolling Stones“. Ob das Absicht war? Die Stones haben umgehend protestiert. Clintons geben sich gefasst und verweisen auf die Bibel.

Die Menschenwelt bewegt sich weg von ihrer Globalisierung, zurück in ihre Nationen, bereit, den freien Kapitalismus zu zerschlagen, dem ein Teil dieser Menschen den Wohlstand verdankt, den jede Gruppe gleichzeitig für sich allein weiter gebrauchen zu können meint, den Kapitalismus, von dem die Zurückgelassenen endlich auch ihren Anteil zu bekommen hoffen, wenn sie den Palästen der Reichen Türen und Fenster eintreten. Es könnte widersprüchlicher nicht sein. Die Geschichte zeigt und lehrt, dass es bei zerschlagenem Glas nicht bleibt, dass Paläste in Flammen aufgehen und Schüsse fallen. Mahnungen von Alten, die so etwas überlebt haben, sind leise geworden, sehr leise. Jedoch: eigene Erfahrung und warnend erhobene Finger – das ist nun einmal zweierlei; auch das zeigt die Geschichte von uns Menschen, seit wir aufgewacht sind hinein in das Gewahrsein unserer Bewusstheit.

So rollt und ächzt und drückt und formt die Straβenwalze des Lebens weiter ihrer Geschichte entgegen: sie ist angetrieben von geheimen Kräften, den Eigenschaften der Materie, deren Herkunft wir nicht erkennen koennen. Die lebende Generation auf der Oberfläche der Walze muss immer wieder in der Überzeugung handeln, die prägende Kraft dieser Geschichte zu sein.