Das Ende der alten Welt

Diese Welt zeigt, dass es mit ihr zu Ende geht. Die Menschen erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie fühlen, dass ein Sturm von Wandel aufkommt. Manche suchen ein Versteck, Andere Ablenkung im Weitermachen wie bisher. Wieder Andere sehen darin ihre Chance, jetzt loszuschlagen und aus der Verunsicherung der Anderen das große Los für sich zu ziehen. Sturm kommt auf. Propheten haben ihn vorhergesagt. Aber was haben diese Propheten gesehen, was haben sie beschrieben? Haben sie die Lösung aus dem Dilemma beschrieben, oder die Ausweglosigkeit? Oder waren sie gar keine Propheten, sondern Erkennende, die warnen wollten vor einem drohenden Ende ihrer zu Ende gedachten Welt? Ändert euch, oder ihr werdet untergehen? Geht in euch, dort findet ihr die Lösung dieses Rätsels? Warnung, nicht Prophetie? Endzeit für die alte Welt nur, nicht Ende, wenn die Neue beginnt, bevor die alte zu Ende.

Die Natur hat einen Webfehler in sich entdeckt. Sie hat den Menschen hervor-gebracht, damit er ihr diesen Webfehler ausgleiche. Der Mensch sollte die Fähigkeit bekommen, den Weg der Natur durch die Zeit nachzuzeichnen und über ihr Ziel nachzudenken. Darüber sollte er den Webfehler entdecken und verstehen, dass, wollte er überleben, dies nur gelingen kann, wenn er diesen Webfehler ausgleicht. Der Mensch sollte erkennen können, dass er selbst der Ausdruck dieses Webfehlers der Natur ist, der leibhaftige Repräsentant dieses Fehlers in der wirklichen Welt. Er sollte aber auch die Fähigkeit erhalten, einen Ausweg zu finden, die Lösung des Rätsels. Er würde also in der Welt stehen, als Webfehler, der sich selbst reparieren könnte, wenn, ja wenn er sich denn ans Werk machte.

Der Mensch ist der Repräsentant einer zur Selbstbewusstheit verwirklichten Evolution.

Irgendwann müssen die Gene „erkannt haben“, dass sie mit der Methode, auf Kosten der Anderen zu überleben,[1] am Ende nicht überleben werden, wenn der letzte, das letzte Lebewesen, allein dasteht [2] – das könnte nur eine Pflanze sein, kein Tier, das von Tier oder Pflanze lebt.

Stehen zwei Menschen einander gegenüber, die wissen, dass beide sterben, wenn sie nuklear losschlagen, was werden sie tun?

Nur der Mensch erkennt, der Mensch repräsentiert, der Mensch ist diese Erkenntnis der Gene der tierischen Lebewesen: wenn “Überleben auf Kosten der Anderen“ das Überlebensprinzip der Gene schlechthin ist, dann kommt der Punkt, an dem der Siegerpool vor dem Nichts steht, der letzte Überlebende, denn er kann von nichts mehr leben. Diese Erkenntnis muss das Resultat des Erkenntnisprozesses der Gene im Laufe der Evolution geworden sein: dass ihre Strategie letztlich zur Selbstvernichtung führen muss. Also bedurfte es der Erfindung eines Auswegs: er besteht darin, dass die Evolution sich mit ihrer Erkenntnis einrollte, um sich spiegeln zu können, um diese Erkenntnis auf einen Spiegel projizieren zu können, als Selbsterkenntnis ihrer Erkenntnis. Diese Selbsterkenntnis ist verwirklicht im Bewusstsein, in der Selbst-Bewusstheit des menschlichen Denkens: in diesem Denken rollt sich die im Laufe der Evolution gemachte Erfahrung aus, wird zurückverfolgt bis zu ihren Anfängen und dem Beginn des Universums, und von dort zurück herauf bis in die Gegenwart, dort, wo dieses Denken vor der Frage steht: was nun?

Diese Frage darf natürlich nicht erst gestellt werden, wenn der letzte Genpool sich alleine auf der Welt stehen sieht, denn das ist die Zeit kurz vor dem Ende.

Die Antwort muss also spätestens im vorletzten Moment gefunden werden: sie wird gesucht in und zwischen den letzten beiden Überlebenden, die einander umstreifen mit der Überlegung, wie sie den anderen überwinden können, um als alleiniger Sieger übrigzubleiben. An dieser Stelle spielen zwei Informationen eine entscheidende Rolle: erstens: der atomare Radikalschlag scheidet aus, weil er die leicht erkennbare gleichzeitige Selbstvernichtung bedeutet. Es kann also nur auf dem Wege konventioneller Waffen gelingen. Zweitens: der Mensch lebt in Gedanken planend in der Zukunft, aufbauend aus seinen Erfahrungen, die seine Erinnerung füllen. Planend in die Zukunft schauend überlegen sich also diese beiden Letzten, die da einander gegenüberstehen: was käme als nächster Schritt, wenn ich den anderen besiegt haben würde? Spätestens jetzt erkennen also beide, dass sie mit der Überwindung des letzten Gegners sich selbst vernichten, weil es für einen Einzelnen keine Überlebensbasis mehr gibt.

Sie stehen also einander gegenüber und erkennen Jeder im Blick des Anderen diese Erkenntnis. Sie sehen einander an wie Kain den Abel und Abel den Kain. Sie verstehen den Wahn, an dessen Endpunkt sie beide diese Erkenntnis haben, eine, die Kain und Abel noch nicht hatten, die sie hätten haben können, die sie aber nicht hatten: gleich, wer wen von beiden tötet, du tötest dich damit letztlich selbst. Also erfüllen sie den Plan der Gene, nehmen den Ausweg aus dem Dilemma und schließen eine Allianz der Vernunft in Reziprozität. Die beiden Letzten können wir sein, die Menschen der Gegenwart: wir können zu den Gründern eines neuen Sozialsystems werden, das eine friedliche Welt der Regionen und Kulturen ordnet, globale Demokratie der Demokratien in Reziprozität.[3]

Vernunft besteht jetzt also darin, aus der Erkenntnis des Dilemmas der Gene, dass sie ihrer Selbstvernichtung entgegensteuern, (und zu ihrer eigenen Rettung den Menschen geschaffen haben, der sie davor retten soll), aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, dass Reziprozität Alle überleben lässt. Der Repräsentant dieser Vernunfterkenntnis in der wirklichen Welt ist der Mensch.

Die Natur, die Gene, haben erkannt, dass der Pflegetrieb als Garant der Sicherung des eigenen Fortbestehens in künftigen Generationen nicht ausreicht, weil die erwachsenen Individuen allesamt dem Prinzip des Überlebens auf Kosten der Anderen folgen, und damit am Ast sägen, auf dem der Genpool selbst sitzt. Der Pflegetrieb schützt Nachkommen und Familie, Clan, bestenfalls Nation. Doch schon die Nationen fressen sich selbst innerlich auf, indem Stämme dort gegen-einander, die einen auf Kosten der anderen, zu überleben suchen, Jeder in Hedonismus des Anderen Feind wird. Letztlich schließt sich der Kreis dort, wo die zwei letzten überlebenden Nationen, bzw. deren Repräsentanten, einander gegenüberstehen mit der Frage, ob jemand überleben wird. Jedenfalls scheint sich zu erweisen, dass im Überlebensfall die Entscheidung durch Umsetzen von Erkenntnis, geschöpft aus bewusster Denkkraft fällt, wie schon Lebon in der Überschau seiner Erfahrungen meinte.A81 

Auch eine weitere Erkenntnis weist den Weg: die Erkenntnis des Erkennen-könnens  und Beherrschenkönnens der eigenen blinden Überzeugtheit, von Verhaltensforscher Konrad Lorenz benannt als unsere „unbelehrbaren Lehrmeister“. Lorenz selbst entmutigt zwar zunächst, indem er meint: „Ganz offenbar müssen überwältigend starke Faktoren am Werke sein, die imstande sind, der individuellen Vernunft des Menschen die Führung so vollständig zu entreißen, und die außerdem völlig unfähig sind, daraus zu lernen”.[4] Unbelehrbar ist sie wohl, diese Überzeugtheit. Dazu kommt, dass jede neue Generation nicht willens ist zu glauben, dass die Folgen der eigenen Eigenschaften tatsächlich dorthin führen, wohin sie bereits frühere Generationen führte. Jede Generation glaubt, das läge an persönlichen Fehlern der Vorgenerationen, nicht an einem Systemproblem menschlichen Verhaltens. Dies bedeutet aber nicht, dass man sie nicht überlisten könnte. Ich meine jedenfalls, dass es nicht richtig ist zu behaupten, dass wir völlig unfähig wären, aus der Beobachtung unseres Verhaltens zu lernen, unser Verhalten zu ändern. Denn man kann sagen, dass wir den freien Willen hätten, entgegen drängender innerer Überzeugtheit zu entscheiden und zu handeln, wir sind also nicht unfähig, sondern allenfalls unwillig aus selbstzerstörerischer instinktiver Dummheit. Ich meine, dass auch in dieser Erkenntnisfähigkeit, ebenso wie angesichts des instinktiven eigenen Überlebenwollens auf Kosten der Anderen,  eine Überlebenschance für die Art „Homo sapiens“ liegt, zusammen mit der Erkenntnis, dass in dieser unbelehrbaren Überzeugtheit ein fataler Fehler der Evolution liegt, eine Erkenntnis, mittels derer sich die Evolution mit Hilfe des durch sie entstandenen Menschen selbst heilen könnte, eine Erkenntnis, die um Jahrtausende älter ist als die Biologie. Denn es nützt uns nicht zu erkennen, dass „Alle diese erstaunlichen Widersprüche … eine zwanglose Erklärung [finden] und sich lückenlos einordnen [lassen], sowie man sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat, dass das soziale Verhalten des Menschen keineswegs ausschließlich von Verstand und kultureller Tradition diktiert wird, sondern immer noch allen jenen Gesetzlichkeiten gehorcht, die in allem phylogenetisch entstandenen instinktiven Verhalten obwalten, Gesetzlichkeiten, die wir aus dem Studium tierischen Verhaltens recht gut kennen,”[5]  nicht, solange wir daraus die Konsequenz nicht ziehen, mit deren Hilfe wir uns selbst am Schopf packen und retten.

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Kommentar  E24 aus „Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik“, LIT-Verlag, im Druck 2020.

Zitate markiert mit „E“ beziehen sich auf andere Artikel auf dieser Website.

Zitate markiert mit „A“ beziehen sich auf Anmerkungen im Buch unter Ref. [3].

Seitenangaben im Text beziehen sich auf Ref. [3].

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[1] Richard Dawkins, The Selfish Gene, Oxford Univ. Press 2006 (1976)

[2] Elias Canetti hat das Phänomen als paranoische Machtkrankheit beschrieben (Masse und Macht, Claassen 1960).

[3] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

[4] K. Lorenz, Das sogenannte Böse.  DTV 2010 (1963), S.223

[5] K. Lorenz, Das sogenannte Böse.  DTV 2010 (1963), S.223

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