Gleichheit, Menschenwürde und Menschenrechte bei Jürgen Habermas

Dazu kann man zunächst bedenken, dass es „Würde“ an sich nicht gibt außer in der Beziehung zwischen Menschen. Aus demselben Grund kann es auch kein Naturrecht im Sinne von John Locke auf Leben und Freiheit geben, sondern nur einen Anspruch als Folge der Entwicklung menschlicher Gemeinschaften, deren Individuen sich kraft ihrer Erkenntnisfähigkeiten von einem rein instinktiven Leben gelöst hatten. In diesem Milieu entwickelten sich Wille und Absicht zur Kontrolle von Instinkten wie auch der daraus erwachsenden Sozialhierarchie, Umgangsformen zur Wahrung der Würde der Mitglieder einer Gruppe. Wille und Absicht unterliegen dabei einer historischen Entwicklung bis in unsere Tage: Habermas spricht von Menschenwürde in unserem heutigen Verständnis als der „paradoxen Verallgemeinerung eines Begriffs, der ursprünglich nicht auf eine gleichmäßige Anerkennung der Würde eines jeden, sondern auf Statusdifferenzen zugeschnitten war“.[1] An dieser bis heute im Alltag sichtbaren Differenz der „Würde“ verschiedener Personen und Gruppen entlarvt sich von selbst das bis heute gültige Gemisch von evolutionär in Jahrmillionen ausgebildeter Sozialhierarchie und diesem Willen, die Einzigartigkeit und damit die Würde jedes einzelnen Menschen zu respektieren. Im europäischen Kulturkreis entstand das Verständnis von Menschenwürde vor allem aus der jüdisch-christlichen Überlieferung, in der „Jeder … als unvertretbare und unverwechselbare Person vor dem Jüngsten Gericht [erscheint]“.[2] Das Recht, das Menschenrecht auf diese gleiche Würde Aller, musste in Revolutionen erkämpft werden, um heute wenigstens theoretisch in demokratischen Rechtsstaaten beansprucht und eingefordert werden zu können. „Die Berufung auf Menschenrechte “, schreibt Habermas, „zehrt von der Empörung der Beleidigten über die Verletzung ihrer menschlichen Würde“.[3] Und weiter: „ … und zu Bewusstsein gebracht haben, was den Menschenrechten implizit von Anbeginn eingeschrieben war – nämlich jene normative Substanz der gleichen Menschenwürde eines jeden, welche die Menschenrechte gewissermaßen ausbuchstabieren“.[4] Und schließlich: „Die Gewährleistung dieser Menschenrechte erzeugt erst den Status von Bürgern, die als Subjekte gleicher Rechte einen Anspruch darauf haben, in ihrer menschlichen Würde respektiert zu werden“.[5]

Diese Aussagen verdeutlichen die Diskrepanz zwischen einer klaren philosophischen Darlegung des theoretischen Konzepts einer demokratischen Gesellschaft und der alltäglichen und grundsätzlichen politischen Wirklichkeit: Eine Verwechslung von biologischer Ungleichheit mit sozialer Gleichwertigkeit aus moralischen Gründen wurde politisch billigend in Kauf genommen, indem man zuerst von „Bürgerrechten“ im Staat sprach, ohne auf deren Ursprung hinzu-weisen, nämlich die Würde aller Einzelnen als einzigartigen Menschen, im Gegensatz zum herkömmlichen Konstrukt von „Würde“ als Ausdruck einer Machtposition in der Sozialhierarchie. Hinter dem politischen Slogan von „Gleichheit“ bleibt das Faktum unüberwindlicher „natürlicher“ Ungleichheiten verborgen [6] und gaukelt den Menschen vor, nunmehr automatisch gleich mächtig zu sein. Nicht „Gleichheit“ an sich, sondern „Gleichwertigkeit“ an Würde hatten die Menschen aber gefühlsmäßig im Sinn, als sie als Revolutionäre ihre Würdenträger stürzten.

Zu der Art und Weise, wie man zu einer „Statusordnung von Staatsbürgern“ in reziprokem Altruismus gelangen könnte, schreibt Habermas: „Der Übergang von der Vernunftmoral zum Vernunftrecht verlangt einen Wechsel von den symmetrisch verschränkten Perspektiven der Achtung und Wertschätzung der Autonomie des jeweils Anderen zu den Ansprüchen auf Anerkennung und Wertschätzung der jeweils eigenen Autonomie vonseiten des Anderen“.[7] Außerdem steht in der neuen, demokratischen Staatsordnung der Einzelne sogar mit einem Rechtsanspruch vor allen Anderen: „Der Begriff der Menschenwürde überträgt den Gehalt einer Moral der gleichen Achtung für jeden auf die Statusordnung von Staatsbürgern, die ihre Selbstachtung daraus schöpfen, dass sie von allen anderen Bürgern als Subjekte gleicher einklagbarer Rechte anerkannt werden“.[8] 

„Die Menschenrechte“, schreibt Habermas, „bilden insofern eine realistische Utopie, als sie nicht länger die sozialutopisch ausgemalten Bilder eines kollektiven Glücks vorgaukeln, sondern das ideale Ziel einer gerechten Gesellschaft in den Institutionen der Verfassungsstaaten selbst verankern“.[9]  


[1]  J. Habermas, Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte, in: J. Habermas, Zur Verfassung Europas, Suhrkamp 2011, S. 24.

[2] ebd, S. 28.

[3] ebd, S. 16.

[4] ebd, S. 17.

[5] ebd, S. 21.

[6] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

[7] [7]  J. Habermas, Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte, in: J. Habermas, Zur Verfassung Europas, Suhrkamp 2011, S. 25.

[8] ebd, S. 26.

[9] ebd, S. 33.

Das Ende der alten Welt

Diese Welt zeigt, dass es mit ihr zu Ende geht. Die Menschen erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie fühlen, dass ein Sturm von Wandel aufkommt. Manche suchen ein Versteck, Andere Ablenkung im Weitermachen wie bisher. Wieder Andere sehen darin ihre Chance, jetzt loszuschlagen und aus der Verunsicherung der Anderen das große Los für sich zu ziehen. Sturm kommt auf. Propheten haben ihn vorhergesagt. Aber was haben diese Propheten gesehen, was haben sie beschrieben? Haben sie die Lösung aus dem Dilemma beschrieben, oder die Ausweglosigkeit? Oder waren sie gar keine Propheten, sondern Erkennende, die warnen wollten vor einem drohenden Ende ihrer zu Ende gedachten Welt? Ändert euch, oder ihr werdet untergehen? Geht in euch, dort findet ihr die Lösung dieses Rätsels? Warnung, nicht Prophetie? Endzeit für die alte Welt nur, nicht Ende, wenn die Neue beginnt, bevor die alte zu Ende.

Die Natur hat einen Webfehler in sich entdeckt. Sie hat den Menschen hervor-gebracht, damit er ihr diesen Webfehler ausgleiche. Der Mensch sollte die Fähigkeit bekommen, den Weg der Natur durch die Zeit nachzuzeichnen und über ihr Ziel nachzudenken. Darüber sollte er den Webfehler entdecken und verstehen, dass, wollte er überleben, dies nur gelingen kann, wenn er diesen Webfehler ausgleicht. Der Mensch sollte erkennen können, dass er selbst der Ausdruck dieses Webfehlers der Natur ist, der leibhaftige Repräsentant dieses Fehlers in der wirklichen Welt. Er sollte aber auch die Fähigkeit erhalten, einen Ausweg zu finden, die Lösung des Rätsels. Er würde also in der Welt stehen, als Webfehler, der sich selbst reparieren könnte, wenn, ja wenn er sich denn ans Werk machte.

Der Mensch ist der Repräsentant einer zur Selbstbewusstheit verwirklichten Evolution.

Irgendwann müssen die Gene „erkannt haben“, dass sie mit der Methode, auf Kosten der Anderen zu überleben,[1] am Ende nicht überleben werden, wenn der letzte, das letzte Lebewesen, allein dasteht [2] – das könnte nur eine Pflanze sein, kein Tier, das von Tier oder Pflanze lebt.

Stehen zwei Menschen einander gegenüber, die wissen, dass beide sterben, wenn sie nuklear losschlagen, was werden sie tun?

Nur der Mensch erkennt, der Mensch repräsentiert, der Mensch ist diese Erkenntnis der Gene der tierischen Lebewesen: wenn “Überleben auf Kosten der Anderen“ das Überlebensprinzip der Gene schlechthin ist, dann kommt der Punkt, an dem der Siegerpool vor dem Nichts steht, der letzte Überlebende, denn er kann von nichts mehr leben. Diese Erkenntnis muss das Resultat des Erkenntnisprozesses der Gene im Laufe der Evolution geworden sein: dass ihre Strategie letztlich zur Selbstvernichtung führen muss. Also bedurfte es der Erfindung eines Auswegs: er besteht darin, dass die Evolution sich mit ihrer Erkenntnis einrollte, um sich spiegeln zu können, um diese Erkenntnis auf einen Spiegel projizieren zu können, als Selbsterkenntnis ihrer Erkenntnis. Diese Selbsterkenntnis ist verwirklicht im Bewusstsein, in der Selbst-Bewusstheit des menschlichen Denkens: in diesem Denken rollt sich die im Laufe der Evolution gemachte Erfahrung aus, wird zurückverfolgt bis zu ihren Anfängen und dem Beginn des Universums, und von dort zurück herauf bis in die Gegenwart, dort, wo dieses Denken vor der Frage steht: was nun?

Diese Frage darf natürlich nicht erst gestellt werden, wenn der letzte Genpool sich alleine auf der Welt stehen sieht, denn das ist die Zeit kurz vor dem Ende.

Die Antwort muss also spätestens im vorletzten Moment gefunden werden: sie wird gesucht in und zwischen den letzten beiden Überlebenden, die einander umstreifen mit der Überlegung, wie sie den anderen überwinden können, um als alleiniger Sieger übrigzubleiben. An dieser Stelle spielen zwei Informationen eine entscheidende Rolle: erstens: der atomare Radikalschlag scheidet aus, weil er die leicht erkennbare gleichzeitige Selbstvernichtung bedeutet. Es kann also nur auf dem Wege konventioneller Waffen gelingen. Zweitens: der Mensch lebt in Gedanken planend in der Zukunft, aufbauend aus seinen Erfahrungen, die seine Erinnerung füllen. Planend in die Zukunft schauend überlegen sich also diese beiden Letzten, die da einander gegenüberstehen: was käme als nächster Schritt, wenn ich den anderen besiegt haben würde? Spätestens jetzt erkennen also beide, dass sie mit der Überwindung des letzten Gegners sich selbst vernichten, weil es für einen Einzelnen keine Überlebensbasis mehr gibt.

Sie stehen also einander gegenüber und erkennen Jeder im Blick des Anderen diese Erkenntnis. Sie sehen einander an wie Kain den Abel und Abel den Kain. Sie verstehen den Wahn, an dessen Endpunkt sie beide diese Erkenntnis haben, eine, die Kain und Abel noch nicht hatten, die sie hätten haben können, die sie aber nicht hatten: gleich, wer wen von beiden tötet, du tötest dich damit letztlich selbst. Also erfüllen sie den Plan der Gene, nehmen den Ausweg aus dem Dilemma und schließen eine Allianz der Vernunft in Reziprozität. Die beiden Letzten können wir sein, die Menschen der Gegenwart: wir können zu den Gründern eines neuen Sozialsystems werden, das eine friedliche Welt der Regionen und Kulturen ordnet, globale Demokratie der Demokratien in Reziprozität.[3]

Vernunft besteht jetzt also darin, aus der Erkenntnis des Dilemmas der Gene, dass sie ihrer Selbstvernichtung entgegensteuern, (und zu ihrer eigenen Rettung den Menschen geschaffen haben, der sie davor retten soll), aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, dass Reziprozität Alle überleben lässt. Der Repräsentant dieser Vernunfterkenntnis in der wirklichen Welt ist der Mensch.

Die Natur, die Gene, haben erkannt, dass der Pflegetrieb als Garant der Sicherung des eigenen Fortbestehens in künftigen Generationen nicht ausreicht, weil die erwachsenen Individuen allesamt dem Prinzip des Überlebens auf Kosten der Anderen folgen, und damit am Ast sägen, auf dem der Genpool selbst sitzt. Der Pflegetrieb schützt Nachkommen und Familie, Clan, bestenfalls Nation. Doch schon die Nationen fressen sich selbst innerlich auf, indem Stämme dort gegen-einander, die einen auf Kosten der anderen, zu überleben suchen, Jeder in Hedonismus des Anderen Feind wird. Letztlich schließt sich der Kreis dort, wo die zwei letzten überlebenden Nationen, bzw. deren Repräsentanten, einander gegenüberstehen mit der Frage, ob jemand überleben wird. Jedenfalls scheint sich zu erweisen, dass im Überlebensfall die Entscheidung durch Umsetzen von Erkenntnis, geschöpft aus bewusster Denkkraft fällt, wie schon Lebon in der Überschau seiner Erfahrungen meinte.A81 

Auch eine weitere Erkenntnis weist den Weg: die Erkenntnis des Erkennen-könnens  und Beherrschenkönnens der eigenen blinden Überzeugtheit, von Verhaltensforscher Konrad Lorenz benannt als unsere „unbelehrbaren Lehrmeister“. Lorenz selbst entmutigt zwar zunächst, indem er meint: „Ganz offenbar müssen überwältigend starke Faktoren am Werke sein, die imstande sind, der individuellen Vernunft des Menschen die Führung so vollständig zu entreißen, und die außerdem völlig unfähig sind, daraus zu lernen”.[4] Unbelehrbar ist sie wohl, diese Überzeugtheit. Dazu kommt, dass jede neue Generation nicht willens ist zu glauben, dass die Folgen der eigenen Eigenschaften tatsächlich dorthin führen, wohin sie bereits frühere Generationen führte. Jede Generation glaubt, das läge an persönlichen Fehlern der Vorgenerationen, nicht an einem Systemproblem menschlichen Verhaltens. Dies bedeutet aber nicht, dass man sie nicht überlisten könnte. Ich meine jedenfalls, dass es nicht richtig ist zu behaupten, dass wir völlig unfähig wären, aus der Beobachtung unseres Verhaltens zu lernen, unser Verhalten zu ändern. Denn man kann sagen, dass wir den freien Willen hätten, entgegen drängender innerer Überzeugtheit zu entscheiden und zu handeln, wir sind also nicht unfähig, sondern allenfalls unwillig aus selbstzerstörerischer instinktiver Dummheit. Ich meine, dass auch in dieser Erkenntnisfähigkeit, ebenso wie angesichts des instinktiven eigenen Überlebenwollens auf Kosten der Anderen,  eine Überlebenschance für die Art „Homo sapiens“ liegt, zusammen mit der Erkenntnis, dass in dieser unbelehrbaren Überzeugtheit ein fataler Fehler der Evolution liegt, eine Erkenntnis, mittels derer sich die Evolution mit Hilfe des durch sie entstandenen Menschen selbst heilen könnte, eine Erkenntnis, die um Jahrtausende älter ist als die Biologie. Denn es nützt uns nicht zu erkennen, dass „Alle diese erstaunlichen Widersprüche … eine zwanglose Erklärung [finden] und sich lückenlos einordnen [lassen], sowie man sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat, dass das soziale Verhalten des Menschen keineswegs ausschließlich von Verstand und kultureller Tradition diktiert wird, sondern immer noch allen jenen Gesetzlichkeiten gehorcht, die in allem phylogenetisch entstandenen instinktiven Verhalten obwalten, Gesetzlichkeiten, die wir aus dem Studium tierischen Verhaltens recht gut kennen,”[5]  nicht, solange wir daraus die Konsequenz nicht ziehen, mit deren Hilfe wir uns selbst am Schopf packen und retten.


[1] Richard Dawkins, The Selfish Gene, Oxford Univ. Press 2006 (1976)

[2] Elias Canetti hat das Phänomen als paranoische Machtkrankheit beschrieben (Masse und Macht, Claassen 1960).

[3] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

[4] K. Lorenz, Das sogenannte Böse.  DTV 2010 (1963), S.223

[5] K. Lorenz, Das sogenannte Böse.  DTV 2010 (1963), S.223

Papst Franziskus‘ Kampf gegen das technokratische Paradigma

Nicht „das technokratische Paradigma“ beherrscht Wirtschaft und Politik und damit den Menschen, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“ schreibt [1] und damit auf R. Guardini verweist,[2] sondern Menschen in ihrer Machtgier missbrauchen jegliche sich bietende Möglichkeit zur Ausbeutung, als Selbstzweck, ohne natürliche Hemmung, bis hin zu der von Canetti beschriebenen paranoischen Machtkrankheit.[3]

Allerdings trifft zu, dass „Das technokratische Paradigma … heute so dominant geworden [ist], dass es sehr schwierig ist, auf seine Mittel zu verzichten, und noch schwieriger, sie zu gebrauchen, ohne von ihrer Logik beherrscht zu werden. Es ist „kulturwidrig“ geworden, wieder einen Lebensstil mit Zielen zu wählen, die zumindest teilweise von der Technik, von ihren Kosten und ihrer globalisierenden und vermassenden Macht unabhängig sein können“. Umso größer ist also die Verantwortung derer, die ohne Hemmung und Vernunft die wachsende und z.T. instinktgebundene Abhängigkeit der Menschen schaffen und missbrauchen – besonders verdeutlicht in der Glücksspielindustrie und die dafür eingesetzte TV-Werbung. Denn häufig wird unterschätzt, wie sehr der durchschnittliche Mensch ein Kind seiner „Kultur“ ist, geprägt von der Umgebung, in die er hineinerzogen oder – meist weitgehend unerzogen – hineingewöhnt wurde. Danach von diesen Menschen ein Gewissen zu fordern, das in der Lage ist, Unrecht zu erkennen und gegen die herrschende öffentliche Meinung und „Kultur“ zu leben und zu handeln, ist die Forderung nach „Selbstverheiligung“.

Betreffend die Notwendigkeit zu einer Veränderung, einer Neuen Aufklärung, muss zuerst erkannt und gewürdigt werden, dass die Evolution selbst den Menschen durch die Entstehung der Bewusstheit an den Punkt solcher Entscheidungsnot gebracht hat: Bewusstheit entfaltet drei entscheidende Kräfte in diesem Endstadium der Evolution: die intelligente Neugier und den Forscherdrang; die Verführung zum Genuss im Selbstzweck; und drittens als entscheidende Kraft die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis all dessen, ja zur Selbsterkenntnis der Evolution in dieser menschlichen Bewusstheit: diese letztere Kraft gilt es in einer neuen Aufklärung, hinein in eine neue Kultur, zu entfalten: die Fähigkeit, nicht nur zu erkennen, dass der mächtige Sog zum Handeln und Genießen als Selbstzweck in die Selbstvernichtung führt, sondern Wege zu finden, dieser Verführung zu widerstehen und damit zu überleben.

Einer dieser Wege ist eine Neue Aufklärung zur Erziehung in eine neue Gesellschaft, die der Ethik eines reziproken Altruismus folgt. Wann immer das Anthropozän enden sollte, oder auch nur die Neuzeit, selbst wenn es „nur“ der Untergang des Abendlandes sein sollte, es wäre deshalb, weil die betroffenen Menschen nicht willens waren, von dieser ihrer Fähigkeit Gebrauch zu machen und ihr Leben entsprechend dieser Erkenntnis zu gestalten.

Weiter bei Papst Franziskus: „Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann. In diesem Kontext scheint es unmöglich, dass irgendjemand akzeptiert, dass die Wirklichkeit ihm Grenzen setzt. Ebenso wenig existiert in diesem Gesichtskreis ein wirkliches Gemeinwohl. Wenn dieser Menschentyp in einer Gesellschaft tendenziell der vorherrschende ist, werden die Normen nur in dem Maß respektiert werden, wie sie nicht den eigenen Bedürfnissen zuwiderlaufen“.[4] Papst Johannes Paul II. sprach von einem „Gefühl der Ungewissheit und der Unsicherheit, das seinerseits Formen von kollektivem Egoismus […] begünstigt[5] Dieser „kollektive Egoismus“ mit dem wissenschaftlichen Namen „Sozial-Hedonismus“ ist neben der Förderung von freier Marktwirtschaft mit nahezu unbegrenztem Raubkapitalismus eine weitere autodestruktive Schwäche liberaler Demokratie mit der Gefahr des Abgleitens in Mediokratie und auch Autokratie.[6]


[1] Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus, §108. http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html#_ftnref88

[2] Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 63-64. Grünewald 2016

[3] Elias Canetti, Masse und Macht, Claassen 1960.

[4] http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html#_ftnref154, § 204, abgefragt am 15.05.2020.

[5] Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 1: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 1; AAS 82 (1990), S. 147, zit. bei Laudato si § 204.

[6] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

Krönung in der Endzeit?

 

Corona und die Erkenntnis vom freien Willen

 

„Diese Welt zeigt, dass es mit ihr zu Ende geht. Die Menschen erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie fühlen, dass ein Sturm von Wandel aufkommt. Manche suchen ein Versteck, Andere Ablenkung im Weitermachen wie bisher. Wieder Andere sehen darin ihre Chance, jetzt loszuschlagen und aus der Verunsicherung der Anderen das große Los für sich zu ziehen. Sturm kommt auf. Propheten haben ihn vorhergesagt. Aber was haben diese Propheten gesehen, was haben sie beschrieben? Haben sie die Lösung aus dem Dilemma beschrieben, oder die Ausweglosigkeit? Oder waren sie gar keine Propheten, sondern Erkennende, die warnen wollten vor einem drohenden Ende ihrer zu Ende gedachten Welt? Ändert euch, oder ihr werdet untergehen? Geht in euch, dort findet ihr die Lösung dieses Rätsels? Warnung, nicht Prophetie? Endzeit für die alte Welt nur, nur, nicht Ende, wenn die Neue beginnt, bevor die alte zu Ende.

Die Natur hat einen Webfehler in sich entdeckt. Sie hat den Menschen hervorgebracht, damit er ihr diesen Webfehler ausgleiche. Der Mensch sollte die Fähigkeit bekommen, den Weg der Natur durch die Zeit nachzuzeichnen und über ihr Ziel nachzudenken. Darüber sollte er den Webfehler entdecken und verstehen, dass, wollte er überleben, dies nur gelingen kann, wenn er diesen Webfehler ausgleicht. Der Mensch sollte erkennen können, dass er selbst der Ausdruck dieses Webfehlers der Natur ist, der leibhaftige Repräsentant dieses Fehlers in der wirklichen Welt. Er sollte aber auch die Fähigkeit erhalten, einen Ausweg zu finden, die Lösung des Rätsels. Er würde also in der Welt stehen, als Webfehler, der sich selbst reparieren könnte, wenn, ja wenn er sich denn ans Werk machte.

Der Mensch ist der Repräsentant einer zur Selbstbewusstheit verwirklichten Evolution.

Irgendwann müssen die Gene „erkannt haben“, dass sie mit der Methode, auf Kosten der anderen zu überleben, am Ende nicht überleben werden, wenn der letzte, das letzte Lebewesen, allein dasteht – das könnte nur eine Pflanze sein, kein Tier, das von Tier oder Pflanze lebt. Stehen zwei einander gegenüber, die wissen, dass beide sterben, wenn sie nuklear losschlagen, was werden sie tun?

Nur der Mensch erkennt, der Mensch repräsentiert, der Mensch ist diese Erkenntnis der Gene der tierischen Lebewesen: wenn “Überleben auf Kosten der anderen“ das Überlebensprinzip der Gene schlechthin ist, dann kommt der Punkt, an dem der Siegerpool vor dem Nichts steht, der letzte Überlebende, denn er kann von nichts mehr leben. Diese Erkenntnis muss das Resultat des Erkenntnisprozesses der Gene im Laufe der Evolution geworden sein: dass ihre Strategie letztlich zur Selbstvernichtung führen muss. Also bedurfte es der Erfindung eines Auswegs: er besteht darin, dass die Evolution sich mit ihrer Erkenntnis einrollte, um sich spiegeln zu können, um diese Erkenntnis auf einen Spiegel projizieren zu können, als Selbsterkenntnis ihrer Erkenntnis. Diese Selbsterkenntnis ist verwirklicht im Bewusstsein, in der Selbst-Bewusstheit des menschlichen Denkens: in diesem Denken rollt sich die im Laufe der Evolution gemachte Erfahrung auf, wird zurückverfolgt bis zu ihren Anfängen, und von dort zurück herauf bis in die Gegenwart, dort, wo dieses Denken vor der Frage steht: was nun?

Diese Frage darf natürlich nicht erst gestellt werden, wenn der letzte Genpool sich alleine auf der Welt stehen sieht, denn das ist die Zeit kurz vor dem Ende.

Die Antwort muss also spätestens im vorletzten Moment gefunden werden: sie wird gesucht in und zwischen den letzten beiden Überlebenden, die einander umstreifen mit der Überlegung, wie sie den anderen überwinden können, um als alleiniger Sieger übrigzubleiben. An dieser Stelle spielen zwei Informationen eine entscheidende Rolle: erstens: der atomare Radikalschlag scheidet aus, weil er die leicht erkennbare gleichzeitige Selbstvernichtung bedeutet. Es kann also nur auf dem Wege konventioneller Waffen gelingen. Zweitens: der Mensch lebt in Gedanken planend in der Zukunft, aufbauend aus seinen Erfahrungen, die seine Erinnerung füllen. Planend in die Zukunft schauend überlegen sich also diese beiden Letzten, die da einander gegenüberstehen: was kommt als nächster Schritt, wenn ich den anderen besiegt habe? Spätestens jetzt erkennen also beide, dass sie mit der Überwindung des letzten Gegners sich selbst vernichten, weil es keine Überlebensbasis mehr gibt.

Sie stehen also einander gegenüber und erkennen Jeder im Blick des Anderen diese Erkenntnis. Sie sehen einander an wie Kain den Abel und Abel den Kain. Sie verstehen den Wahn, an dessen Endpunkt sie beide diese Erkenntnis haben, eine, die Kain und Abel noch nicht hatten, die sie hätten haben können, die sie aber nicht hatten: gleich wer wen von beiden tötet, du tötest dich damit letztlich selbst. Also erfüllen sie den Plan der Gene, nehmen den Ausweg aus dem Dilemma und schließen eine Allianz der Vernunft in Reziprozität. Die beiden Letzten können wir sein, die Menschen der Gegenwart: wir können zu den Grün-dern eines neuen Sozialsystems werden, das eine friedliche Welt der Regionen und Kulturen ordnet, globale Demokratie der Demokratien in Reziprozität.

Vernunft besteht jetzt also darin, aus der Erkenntnis des Dilemmas der Gene, dass sie ihrer Selbstvernichtung entgegensteuern, (und zu ihrer eigenen Rettung den Menschen geschaffen haben, der sie davor retten soll), aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, dass Reziprozität Alle überleben lässt. Der Repräsentant dieser Vernunfterkenntnis in der wirklichen Welt ist der Mensch.

Die Natur, die Gene, haben erkannt, dass der Pflegetrieb als Garant der Sicherung des eigenen Fortbestehens in künftigen Generationen nicht ausreicht, weil die erwachsenen Individuen allesamt dem Prinzip des Überlebens auf Kosten der Anderen folgen, und damit am Ast sägen, auf dem der Genpool selbst sitzt. Der Pflegetrieb schützt Nachkommen und Familie, Clan, bestenfalls Nation. Doch schon die Nationen fressen sich selbst innerlich auf, indem Stämme dort gegeneinander, die einen auf Kosten der anderen, zu überleben suchen. Letztlich schließt sich der Kreis dort, wo die zwei letzten überlebenden Nationen, bzw. deren Repräsentanten, einander gegenüberstehen mit der Frage, ob jemand überleben wird. Jedenfalls scheint sich zu erweisen, dass im Überlebensfall die Entscheidung durch Umsetzen von Erkenntnis, geschöpft aus bewusster Denkkraft fällt, wie schon Lebon in der Überschau seiner Erfahrungen meinte“.N86  [i] 

Ob Meteor, Supervulkan oder Pandemie: unsere Umwelt bestimmt die Evolution; auch ihr Ende. Ihr Anfang liegt jenseits, in der Ungewissheit der Wahrheit, wo sich im Kosmos Wissen an der Wirklichkeit von Materie und Energie bricht, an deren Eigenschaften und der Herkunft der Eigenschaften.  Wir sind nicht die Herren von Anfang und Ende dieser Welt  –  Aber dazwischen regieren wir Menschen, kraft unserer Erkenntnisse – wäre da nicht die ständige Gegenkraft aus der Kreatürlichkeit, die uns wie in einen Strudel der Selbstzerstörung zieht.

Warum aber Corona, und warum Endzeit?

Diese Krise hat immerhin Alle zum Einhalten gezwungen, zum Nachdenken eingeladen, zur Readjustieren allen Planens aufgefordert. Dieses Nachdenken kann bewirken, dass wir wieder sehen, was schon lange direkt vor uns steht: die Tatsache zum Beispiel, dass mittlerweile nicht nur die Umwelt uns, sondern auch wir die Umwelt zerstören können – dass wir unentwegt in nahezu ungebremstem Wahnsinn an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen, in verrücktem Glauben an ewiges Wirtschaftswachstum und andere selbstzerstörerische Irrbilder in Gier Erblindeter –  wer daran nichts Endzeitliches erkennt …

Welcher Wandel steht bevor? Hat Leben hier  noch andere Chancen als unsere Erkenntnis des Nutzens von Reziprozität und Altruismus, die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit, und der Notwendigkeit, diesmal aber auch danach zu handeln?

Wollen wir die Rufe und Klagen der schon wieder aus Mangel an rechtzeitiger Vorsorge (siehe Fluch aus dem Hades) Geopferten diesmal wieder nicht hören, weil wir möglichst umgehend wieder zur bisherigen Normalität zurückkehren müssen, beruhigt darüber, dass es ja ohnehin nur Andere erwischt hat?

Manche beantworten die Frage nicht positiv:

Salman Rushdie in den Mitternachtskindern: „Geschichte ist natürliche Auslese … Die Schwachen, die Anonymen, die Besiegten hinterlassen wenig Spuren“.[i]  Ingeborg Bachmann: „Die Opfer sind die Opfer.“[ii]

Aber die Möglichkeit besteht weiterhin, nach unseren Erkenntnissen zu leben, noch – wie lange noch? Es will scheinen, dass dies der Punkt ist, an dem sich die Existenz des freien Willens erweist: noch haben wir die Wahl, uns gegen die Selbstzerstörung auf allen Ebenen zur Wehr zu setzen.

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[i] L. M. Auer, Demokratie 4.0, Evidenz statt Macht, BoD 2019, S. 506 (N321)

[i] S. J. Al-Azm, Unbehagen in der Moderne. Aufklärung im Islam, Fischer 1993, S. 47

[ii] Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr. Unter Mördern und Irren.DTV München1980.

 

 

 

Raum, Zeit, Ereignis, Imagination – und Macht

Ereignis schafft nicht nur Zeit sondern auch Raum

Ob es Ereignisse ohne Raum und Zeit gibt, sei vorerst dahingestellt; aber ohne Ereignis gibt es weder Raum noch Zeit; beide sind sogar eine Folge, eine Funktion von Ereignis.

Allerdings schafft auch die Betrachtung eines Bildes von einem Raum diesen Raum in der Vorstellung, imaginär. Es mag zutreffen, dass Raum – wirklicher wie imaginärer – auch das Produkt sozialer Beziehungen sein kann,[i] aber mit der Einschränkung, dass mindestens eine der in sozialer Beziehung stehenden Personen im wirklichen Leben steht, also ein Prozess stattfindet, im Sinne der These, dass Ereignis Zeit und Raum schafft.

Was meist nicht bedacht wird, ist die Vorstellung von Raum im Zusammenhang mit Macht, als Machtanspruch, Ausdruck äußerer Körperfühlsphäre von Raum, der von einem oder mehreren oder vielen Wesen beansprucht und verteidigt wird, ähnlich der Theorie von Bourdieu,[ii] [iii] Schroer [iv] u.a.

Ich weiß nicht, ob Elias Canetti sich mit dem „äußeren Raum“, der äußeren Körperfühlsphäre befasst hat, dem beanspruchten physischen Raum als Ausdruck von Macht als ein „sich aneignen“ – in der Fortsetzung  oder als Abstraktion – von Macht als Form von „sich einverleiben“.[v], [vi]

 

[i] D. Massey, For Space, Sage 2009, zit. in Fürlinger S. 471.

[ii] P. Bourdieu, Psychischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum , in Stadt-Räume, edt. M. Wentz, Campus 1991, S. 26-34.

[iii] P. Bourdieu, Social space and symbolic power, Sociol. Theory 7, 1989, S. 14-25.

[iv] M. Schroer, Räume, Orte, Grenzen, Suhrkamp 2006.

[v] Elias Canetti, Masse und Macht, Claassen 1960

[vi] L. M. Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, dritte Auflage, BoD 2019, S. 403 (N108), S. 408 (N113).

Ost ist Ost und West ist West …

oder

Das West – Östliche Missverstehen am Beispiel von Orientalismus und Islamismus

 

Orientalismus ist die Beschreibung des abendländischen Verständnisses vom kulturellen Leben der Menschen im Morgenland. Islamismus ist die westliche Beschreibung des Aufstandes von Muslimen in ihrer von europäischen Ländern besetzten Heimat in der Angst um den Verlust ihrer Identität durch Überfremdung in einem Gemisch von heimatlicher Kultur und westlicher Zivilisation.

Beide Begriffe sind Beweis dafür, in welchem Umfang Europa seit dem Beginn des Zeitalters der Kolonisation sich des Restes der Welt zu bemächtigen suchte in der Überzeugung, es handle sich durchwegs um neu-europäisches Territorium, umzugestalten nach europäischer Geisteshaltung, die Menschen darin nichts als eben jene Objekte aus der westlichen Vorstellungswelt. Dass diese Menschen ihre eigene Kultur tatsächlich lebten, also tatsächliche Subjekte waren und sind, nicht Zinnsoldaten der westlichen Vorstellungswelt, kam manchen Beschreibern – es gab auch Ausnahmen – der okkupierten Territorien nicht wirklich in den Sinn. Demgemäß regierten und missionierten sie, erwarteten, dass aus diesen Objekten im besten Falle eben europäische Subjekte würden. So verfielen Kulturen wie der indische Kreis in der Weise, wie Naipaul ihn in „India. A Wounded Civilization“ [i] beschrieb. Demgemäß auch wurde bis ins 20. Jahrhundert alles Nicht-Europäische beschrieben wie Kuriositäten in einem Zoo, mit jener der Xenophobie eigenen Ambivalenz, teils also wie gefährliche oder kranke Ungeheuer (siehe Papageno und Monostatos in Mozart’s und Schikaneder‘s Zauberflöte, oder die Unsicherheit und Frage mancher Entdecker, ob die in Busch und Urwald gefundenen Wilden überhaupt Menschen seien), teils wie exotische Welten und Kuriositäten, die viele Menschen aus dem Westen heute im Urlaub in alle Länder der Welt locken. Diese Spiegelung eigenen Denkens und Verhaltens gibt dem Westen die Möglichkeit, und den Auftrag, diese eigene relativistische Haltung zu ändern in eine der Begegnung auf der Ebene gleicher Menschenwürde, in der Bereitschaft zum Treffen in der Mitte, zwecks Besprechung gemeinsamer Interessen als Beginn von Gemeinsamkeit.[ii]

 

Bezüglich des Kontaktes, der Kommunikation zwischen Kulturen mag große Ähnlichkeit bestehen zur Kommunikation zwischen Individuen: zunächst ist auch das Gegenüber ein Objekt. Subjekt ist man nur selbst. Erst am Erkennen vergleichbaren Verhaltens erkennt und anerkennt ein Subjekt ein anderes Subjekt. Zwischen beiden entsteht eine Kommunikation wie ein Ratespiel, im Rahmen dessen der Eine die Sprache des Anderen errät, und ursprünglich, die Weise, auf welche Sprache entstand: als Abkommen zwischen Beiden, wie sie Beide künftig eine Entität der Umwelt benennen wollten, damit man beginne, einander zu verstehen – beginne, und rate, denn sobald es um das Subjekt geht, bleibt es ein Ratespiel: Schmerzerleben ist ein Beispiel: wir verstehen voneinander, was mit Schmerz im großen und ganzen gemeint ist. Aber wir können nicht erfahren, wie der Eine oder Andere seine Schmerzen erlebt. So verhält es sich mit der Kommunikation zwischen Kulturen: nie kann ein westlicher Mensch aus dem christlichen Kulturkreis erfahren, auf welche Weise ein Muslim seine Hadsch erlebt, nie auch ein Muslim verstehen, wie ein Europäer seine Weihnachtserlebnisse aus der Kinderzeit erinnert und in seine weitere Lebenswelt einbaut.

 

Eine Globalisierung der Kulturen, eine global multikulturelle Gesellschaft, waren politisch motivierte Ideologien von relativ kurzer Lebensdauer. Viele von diesen Anderen sind von Europa verwundet, verletzt, entwürdigt. Der Groll schwelt tief im kollektiven Unterbewussten von Völkern des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens, des Westens und Südens.

Erst muss der Westen lernen, die anderen Kulturen als eben tatsächlich anders zu akzeptieren und zu respektieren, muss also noch einmal auf Distanz gehen, aus Respekt, um erst dann wieder in vorsichtigen Schritten eine Annäherung auf Augenhöhe versuchen zu können: wieder ganz im eigentlichen Sinne von Rudyard Kipling [iii]:

East is East, and West is West …

But there is neither East nor West …

When two strong men stand face to face ….

 

[i] V.S. Naipaul, India. A Wounded Civilization. Penguin 1979 (Deutsch 1977).

[ii] Ludwig M. Auer, Europa. Wunsch, Wahn und Wirklichkeit. Band 1: Zur Geschichte von Migration und Kultur, BoD 2019, Band 2: Hoffnungen und Grenzen, BoD, im Druck 2020.

[iii] R. Kipling, The Ballad of East and West, 1889.

Die digitale Gerüchteküche

Die digitale Gerüchteküche

 

Keine Sorge, nur noch 3 Minuten Lesezeit, dann hast du alles drin – so eilt und drängt es von vielen Websites der online- Zeitungen. Rasch eine Neuigkeit aufgeschnappt – und auch gleich weitergewhatsapped – hast Du schon gehört ….

Und schon drängt die nächste Neuigkeit nach; gierig nehmen wir sie auf, süchtig nach Abwechslung und Sensation. Keine Sorge- dauert nur einen Moment, dann haben wir dir unsere Meinung eingebrannt, irgendwo in deinem Unterbewusstsein, wo sich dann aufsammelt und festsetzt, wie wir deine Reaktion, dein Verhalten wollen und für unsere Zwecke brauchen. So wird flüchtige Information zu unreflektierter Meinung, zu angeblichem Wissen, das unkritisch geglaubt wird, von Verstandenhaben redet keiner mehr. Auch von Glaubwürdigkeit reden immer Weniger, denn man gewöhnt sich an das Gezwitscher von Trump und Co., man beeilt sich sogar zunehmend, sie zu imitieren. Glaubwürdig oder nicht, „alternative“ oder „false“ – Hauptsache sensationell, aufregend oder beruhigend, je nach momentanem Bedarf – und vor allem: kurz!

Was bewirken die sozialen Medien eigentlich wirklich? Erhöhen sie etwa die Dichte unserer Kommunikation, unser gegenseitiges Verständnis, unser Miteinander und Für-einander? Unser kritisches Denken, diese Voraussetzung für sinngebende Individualität?

Die Rolle der sozialen Medien

“Dieses Thema ist eng mit der Sozial-Epistemologie (siehe z.B. S. 48,  Anm. N228) und dem Glauben an Gerüchte (S. 65 – siehe hier nächster Abschnitt) –  verbunden, also mit der Frage nach der Relevanz von Meinungen großteils nicht speziell gebildeter Leute, deren Wissen geprägt ist von ungefilterten Informationen aus dem Netz. Diesbezügliche Ansichten und Untersuchungen erhalten derzeit große Aufmerksamkeit.[i]

Die modernen sozialen Medien sind keine Voraussetzung für das Zusammentreffen von Menschengruppen oder –massen; sicher aber wirken sie als Beschleuniger, so wie sie auf soziale Brennpunkte wie ein Vergrößerungsglas und eine Brennlinse einwirken. Solche Ansammlungen sind jedoch oft nichts als der Ausbruch eines irrationalen Massenphänomens ohne jegliche kritische Bedachtnahme auf ein tatsächliches Ereignis, berufen sich vielmehr eher auf Gerüchteküche und Flüsterpropaganda, stürzen lediglich die soziale Ordnung in ein Chaos – alles geht schneller, spiegelt aber nur die alte Irrationalität. Meuten sind rasch und leicht erregbar, das Monster ohne eigenes Gehirn gerät unbedacht in Rage; der wahre Hintergrund und Auslöser bleibt oft unbekannt oder unbeachtet. Nie zuvor war es daher leichter, Sinn auf Knopfdruck umzukehren in Wahnsinn. Darüber hinaus ergeben Analysen von “chats“ auf sozialen Medien, dass diese gegenseitige Versicherung von Überzeugungen innerhalb gleichgesinnter Gruppen “extreme politische Spaltung [hervorrufen muss]”.*58 Einer der gefährlichsten Aspekte der sozialen Medien ist, dass sie wirken wie Nektar in Blumenblüten für Bienen: die Leute genießen die Lust am scheinbar geheimen Zugang zu Themen und Optionen, von denen sie niemals zugeben würden, dass sie daran interessiert sind – teilweise werden sie dazu mit subliminalen psychologischen Tricks verführt. Auf der anderen Seite sitzt verborgen eine Armee von Spionen, die tatsächliche Motivation mit diesen neuen Diensten: wie wir alle wissen, durchsuchen sie den riesigen Datenberg, der sich bei ihnen ansammelt, werten ihn aus und verkaufen ihr Wissen an Händler, die damit wiederum unser Kaufverhalten zu steuern versuchen.58 An diesem Punkt verweist der Datenforscher Stephens-Davidowitz auf die Worte von Tristan Harris, seinerseits ein Beobachter derer, die uns beobachten: “Tausende von Leuten sitzen auf der anderen Seite des Bildschirms, deren Job es ist, deine Selbstkontrolle zu brechen “.* 58 Auf längere Sicht sogar noch gefährlicher ist die nivellierende Wirkung auf die individuelle Urteilskraft und Kommunikationsfähigkeit, wie Schischkoff schon vor mehr als 50 Jahren  besorgt feststellte:N152 siehe übernächsten Abschnitt – die zunehmende Vermüllung des Alltags mit Tele- und Pseudo-Kommunikation scheint einherzugehen mit einer Verarmung der eigentlichen, tatsächlichen, Kommunikation unter Einsatz aller Sinne.” [ii]

Der Glaube an Gerüchte

“Ist es nicht gleichermaßen faszinierend und niederschmetternd zu sehen, wie leicht sich falsche Gerüchte unter Menschen verbreiten lassen, wie man sie mit gezielter Manipulation aufhetzen und dabei zusehen kann, wie Gerüchte zu Wahrheit werden, nur weil andere es wussten und weiterflüsterten? Viele Unschuldige wurden auf diesem Wege zu Opfern gemacht: die Juden während der mittelalterlichen Pocken-Epidemien, die koreanischen Gastarbeiter im Japan des Jahres 1910 nach dem Erdbeben in Tokyo: beiden Gruppen wurde nachgesagt, sie hätten den Leuten ihre Brunnen vergiftet und müssten deshalb verfolgt und getötet werden. Auch der unauslöschliche mittelalterliche Aberglaube an die Blutschande der Juden ist ein solch evolutionäres „kulturelles Erbe“ – auch die Ereignisse 1914 um den Beginn des Ersten Weltkrieges: wegen der Ermordung des österreichischen Kronprinzen in Sarajewo wurde die Bevölkerung durch Gerüchte zum Glauben daran manipuliert, dass alle Serben verdächtig und unverlässlich seien, deshalb müsse gegen Serbien Krieg geführt werden („Serbien muss sterbien“ war der Wahlspruch jener Tage). Ähnliche Überzeugungen kamen dort erneut hoch zwischen den Parteien im früheren Jugoslawien, alte Mythen wurden wieder hervorgekramt, um die Menschen in einem Gefühl der Gemeinsamkeit auf Basis fragwürdiger historischer Fakten in einem gefälschten kulturellen Gedächtnis zu vereinen (das von den Türken geschändete serbische Reich musste gerächt werden).N100

In heutigen Demokratien werden diese tief verwurzelten spontanen Überzeugungen weiter genährt, in vorurteilsbeladenen Pressemeldungen, psychologischer Manipulation mit Hilfe verschiedener Medien, auch in Form des sogenannten „whistle-blowing“, das mitunter lediglich ungestrafte Denunziation ist. Zusammen mit weiterem instinktivem Verhalten wie Xenophobie und Territorialität erzeugen sie die Vorurteile von heute, gefährlich missbraucht von gegnerischen politischen Parteien – Populismus, den alle praktizieren, nicht nur Jene, die politisch korrekt als solche dämonisiert werden.” [iii]

 

Die Sorge um diese sozialen Medien im digitalen Zeitalter hat schon eine erheblich lange Geschichte:

„Über all den neuen Medien moderner Kommunikation laufen wir Menschen in eine fundamental wirkende Gefahr; Schischkoff schrieb dazu: „Mit der Ausbildung und Ausweitung der Massenkommunikation auf die Größenordnung der modernen Zivilisation hat die eigentliche Kommunikationsfähigkeit der Menschen ihre wichtigste Komponente verloren. Das Kommunikative im Menschen bedingt nämlich nicht nur Mitteilbarkeit und Verbindung, sondern in gleichem Maße auch die Gegenseitigkeit und reflektierendes Aufeinander-Bezogensein … deren Zerstörung gleichbedeutend ist mit dem Abbau von Individualität und schöpferischer Kraft im Einzelnen“.441

„ … staatlich garantierte Freiheiten oder Förderungsmaßnahmen zur Entfaltung des Einzelnen, bleiben nur leere Formen, solange das herausfordernde Bewußtsein von dieser Bedrohung zum Zünden der individuellen Kräfte nicht ausreicht. Der Irrtum beginnt mit dem leichtfertigen Glauben, daß die modernen Einrichtungen und Zielsetzungen für Schulung und Erziehung ausreichende Gegenmaßnahmen zum großen Zerfallsprozeß seien und daß sie persönliche Abwehrkräfte im je einzelnen Bewußtsein zu zünden oder mindestens die Bedingungen dafür zu schaffen vermögen. Gerade das Gegenteil dürfte der Fall sein“.441 [iv]

In der Tat: Was bislang erreicht wurde auf dem neuen Weg ins digitale Zeitalter mit seiner Allseits-Beschleunigung und gewollten Multilateralisierung, ist Multi-Polarisierung. Gleichschwingende Gruppen und Massen nesteln und rotten sich effizienter zusammen, sind eindeutiger gegen die Anderen als je zuvor. Demokratien erklären sich zunehmend durch ihr Recht auf Massenaufläufe, Demonstrationen, Aufstände – gegeneinander aufgeschaukelt im Dunst digitaler Kommunikation. Staaten zerfallen, Kulturkreise belügen ihre eigenen Leute und einander und behorchen sich gegenseitig, rüsten ihre Meinungen gegeneinander.

Am Dorf braucht es keine sozialen Medien – die Menschen dort haben einander schon immer von hinterm Vorhang bewacht, wurden schon immer einer Meinung gegen Einen oder eine Gruppe von Anderen. In der Großstadt gibt es mehr Singles als je zuvor, die Wissenschaft weiß nichts von dichterer Kommunikation, warnt vor Isolation mitten in der virtuellen Kommunikation. Dabei heißen diese neuen Kommunikationsmedien „sozial“, und sie bieten unendlich viele nützliche Anwendungen – wären da nicht der Missbrauch durch Jene, die uns manipulieren wollen, und die Suchtgefahr bei uns selbst.

[i] M. Leitner, edt., Digitale Bürgerbeteiligung: Forschung und Praxis – Chancen und Herausforderungen der elektronischen Partizipation, Springer Vieweg 2018

[ii] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, S. 174

[iii] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, S. 65

[iv] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, Anmerkung N152

Titelbild: PacoZea.com

Mauern um Athen. Oder: wann kommt der deutsche Kurz

Oder eigentlich: wann kommt der Kurz für Europa

 

Mit dem heutigen Tag werden sich das wohl viele Bürger der Mitte fragen, das hoffe ich jedenfalls, für Deutschland, und für Europa. Denn heute hat der Ӧsterreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz den ewig aggressiv-Misstrauischen eine erste verheiβungsvolle Tat präsentiert, auch wenn nicht einmal Euronews sie zur Kenntnis nehmen will, sondern immer noch in die rechtsradikale Ecke schielt und stellt[i]:

Burschenschaft Germania: Regierung leitet Auflösungsverfahren ein[ii]

Ja, und es war in der Tat nicht nur China, und die a priori Medienschelte gegen Trump wird auch zusehends unsicher. Zweimal mussten die Athener sie errichten, ihre Mauern zwischen der Stadt und den Hafenanlagen (die Stadtmauern selbst dreimal). Das zweite Mal wurden die Stadtmauern nach der Niederlage gegen die Perser unter Xerxes ab 461 v.Chr. errichtet, gefolgt von 6 km-langen Mauern zum Piraeus. Und danach noch ein weiteres Mal nach den Peloponnesischen Kriegen ab 393 v.Chr. Die Athener Demokraten hatten sie errichtet, immer wieder, und immer wieder verraten von ihren eigenen Leuten, Oligarchen und Tyrannen; zugegeben, auch ihre Frauen, Kinder und Sklaven werden mitgeholfen haben, die damals noch nicht wählen durften – allemal eine eindrucksvolle Leistung angesichts eines Bauwerkes von über 30 km Länge, zurecht gefeiert als ein Triumph der Demokratie. Die letzte Version davon hielt bis 86 v.Chr., als Sulla mit den Römischen Legionen Griechenland endgültig dem Reich einverleibte.

Und: ja, eine Mauer, eine gewaltige Mauer zum Schutz der Demokratischen Gesellschaft des Stadtstaates Athen, unserer Wiege der Demokratie.

Man muss darüber jetzt nicht betreten schweigen. Wir sind ja alle Demokraten mit Streitkultur. Also kann man ohne weiteres zugeben, dass sich Frau Merkel damals bei Herrn Kurz nicht öffentlich bedankt hat, als er die Schlieβung der Balkanroute bewirkte und Mitteleuropa, vor allem aber auch Deutschland, vor einer weiteren Invasion bewahrte – Zivilgesellschaft hin oder her; die Leute wollten eben nicht andauernd für die Fehler ihrer Politiker geradestehen, die vergessen hatten, den Menschen in den Fluchtgebieten rechtzeitig Hilfe zukommen zu lassen und vorort Asylantragsstellen einzurichten. Sie waren Herrn Kurz letztlich allesamt sehr dankbar, die Einen laut, die Anderen insgeheim, aber doch wohl.

Uebrigens eine alte Regel der Hubschrauberrettung: das oberste Gebot ist, dass Hubschrauber und Pilot unbeschädigt bleiben; nur so können in Katastrophenfällen Viele gerettet werden. Oder mit anderen Worten: Sich um Menschen in Not kümmern kann man sich auch vorort, vor der Mauer. Auch hereinnehmen kann man Menschen, zur Ausbildung zum Beispiel, auch als Arbeitskräfte im Rotasystem, um keinen braindrain zu verschulden. Man muss nicht zwingend warten, bis sie zu Hunderttausenden ins Land drängen und die gesamte Infrastruktur krisenhaft lahmlegen.

Und heute müssen dennoch einige unbeirrte Nazi-Mahner betreten zu schweigen beginnen, unbelehrbare Anti-Nationalisten, vor allem jene, die den Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus vergessen oder nie gelernt haben: Herr Kurz hat verlangt, dass man die Germania-Burschenschaft verbieten soll. Obwohl er in Koalition mit der FPӦ regiert. Hatte er nicht allen Unkern höflich geantwortet, sie mögen ihn doch bitte an den Taten seiner Regierung messen?

Sicher: unsere heutige Demokratie ist dringend reparaturbedürftig. vor allem: dass rechthaberisches Hocken in unterschiedlichen Ecken der Republik demokratische Politik sein soll, ist schwer vermittelbar. Da ist der Stil der Zusammenarbeit in der Regierung von Herrn Kurz schon überzeugender. Oder worauf wollen die Damen und Herren der bisher regierenden Parteien damit hinaus, dass sie den kalten Krieg der Parteien, der dem Volk ohnehin nicht mehr verkäuflich ist, auf die Spitze treiben bis zum Stillstand von Politik? Fronten verhärtet zwischen politischen Parteien, Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Dabei hat es sich doch schon herumzusprechen begonnen, dass dem Klassenkampf besonders in Zeiten allgemeinen relativen Wohlstandes der Treibstoff ausgeht, auch, dass zunehmende globale Migration archaische soziale Verhaltensmuster aktiviert und auch Erinnerungen an die eigene Kultur weckt – man spricht rücksichtsvoll von „Werten“, um nicht wieder in die Diskussion um Kultur und Multikulturalität verwickelt zu werden. Mit Patrioten geht man da schon weniger zimperlich um: sie werden der Einfachheit halber oft rasch und kurzerhand zu Rassisten erklärt, wenn nicht gleich zu Nazis.

Was ist demokratischer? Zehn bis fast dreiβig Prozent – in manchen Regionen sogar die Mehrheit (Sachsen) – der eigenen Bevölkerung als Radikale und Asoziale zu beschimpfen und zu dämonisieren? Ein Volk mit erlogenen Zahlen zu spalten wie die Briten, Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen wie die USA, einander als Undemokraten ins Gefängnis zu stecken wie die Spanier? Oder repräsentative Demokratie in wohlwollendem Gespräch miteinander zu pflegen? Oder gar, mit diesem verachteten Teil des zerstrittenen Souveräns, des Volkes, freundlich Meinungen auszutauschen und Vernunftlösungen im Interesse des Landes zu finden, sogar auch Europas, mitten in der Mitte sich treffen, still sich freuend zuzusehen, wie sie von rechts und links zurückkommen? Was ist richtiger, die gegenseitige Dämonisierung, oder das Heimholen Williger in die Mitte der Gesellschaft?

A propos Europa: Mittlerweile sind ja nun so gut wie Alle für den Schutz der Auβengrenzen, nach der einen oder anderen Wende in den Wind. Gegen illegale Migration. Ist nicht tatkräftige, beispielhafte Entwicklungshilfe ein würdiger, konkreter, verheiβungsvoller Plan für eine Europäische Union, ein gemeinsames Ziel für ein endlich doch noch Vereintes Europa? Hat nicht jener Kontinent, der 500 Jahre lang zwischen sich selbst und dem Rest der Welt als unterentwickeltem, frei ausbeutbarem Territorium unterschied, ohnehin eine moralische Verantwortung aus der Sicht der eigenen kulturellen Entwicklung, nun diesem „Rest der Welt“, jedenfalls dem hilfsbedürftigen, tatkräftig zu helfen, ehrlich, nicht nur opportunistisch, Entwicklungshilfe tatsächlich als Hilfe zur eigenen Entwicklung anzupacken, auch unter eigenen Opfern? Aufbau Süd so zu sehen wie den Aufbau Ost der Deutschen- nach Möglichkeit sogar etwas besser? Haben wir Europäer nicht reichlich gemeinsam zu tun, um vieles von dem gutzumachen, was Vorfahren im Wettstreit gegeneinander weniger gut angefangen haben?

Man stelle sich vor, ein Kurz vermochte es, alle die Europäischen Bürger der Mitte aufzusammeln, und rechts und links davon, all Jene, die schon lange nichts anderes wollten als in ihrer Heimat so gut wie möglich ungestört leben zu bleiben, die auch bereit wären, dafür Opfer zu bringen, so wie sie es als „Zivilgesellschaft“ im Jahr 2015 bereitwillig taten. Und dieser Kurz würde der globalisierten Industrie Europas klar machen können, dass auch sie Entwicklungshilfe leisten muss, in bar und in Ausbildung, damit die dortige Infrastruktur sich der unseren angleichen kann, nach deren kulturellen Vorstellungen zwar, aber immerhin – ein wenig augenzwinkernder Opportunismus muss immer noch erlaubt bleiben – aber immerhin als neuer Weltmarkt, fünfmal so groβ wie der heutige, genug Zukunftsperspektiven für Alle. Ein Kurz, der nicht Europa will, weil damit Frankreich wieder groβ wird, oder Deutschland weiter am gröβten bleibt, oder so manche Anderen davon profitieren können, nehmen ohne beizutragen (Jeder kann etwas beitragen, es geht hier um guten Willen, nicht immer nur um Rechte), nein, ein Kurz, der es vermag, Alle über ihren gemeinsamen Interessen zusammenzuführen. Es wäre hoch an der Zeit, um nicht zu sagen, eine letzte Chance.

Ein Europa, als Start in eine neue Phase des Vereinigungsprozesses in diesem Interesse vereint dank der Regierung eines praktisch, unkompliziert pragmatisch und fair handelnden, wohlwollend empfangenden und integrierenden  Kurz – wann kommt er?

[i] http://www.euronews.com/2018/01/31/austria-s-social-democrats-under-fire-over-nazi-fraternity-songbook, vom 31.01.2018.

[ii] https://www.gmx.at/magazine/politik/burschenschaft-germania-regierung-leitet-aufloesungsverfahren-32776798, vom 31.01.2018

 

Die Europäische Mitte hat ihre Mitte verloren

Das politische Patt – ein psychiatrisches Problem der Volksparteien, ein psychisches Problem der Verwalter der Macht

 

 

Dass auch Politiker Menschen sind, dass das Schicksal ganzer Völker von der Befindlichkeit einzelner Machthaber abhängt, zeigt sich am Verhalten der Bürgerparteien nach den Wahlen von 2017: weil ein Mann mit einem anderen nicht gut kann, gehen die Volksparteien die dringend gebotene Koalition nicht ein. Beide sozialistischen Parteien werden ihrem demokratischen Auftrag nicht gerecht, reagieren nicht auf ihren Auftrag, übertragen von ihren Wählern, ziehen sich narzisstisch gekränkt in die Opposition zurück. Stattdessen sollten sie die Parteiführung austauschen und ihrerseits auf die konservativen Parteien zugehen mit der drängenden Bereitschaft zu Koalitionen. Wie anders können sie glaubwürdig bleiben mit ihrer Kritik an Populisten, die sie als schädlich bezeichnen und für drohende Gefahren vorbeugend verantwortlich machen? Doch nur, indem sie nicht mehr nur auf sich selbst und ihre eigenen Argumente als Partei hören, sondern auf das, was aus dem Volk tatsächlich offenbar wird. Nicht, dass man – selbst populistisch – alle diese Töne und Befindlichkeiten hörig in Politik umsetzen müsste, nein, es geht um das Wissen darum, um das ehrliche Befassen damit im Sinne des Auftrags, der ihnen vom Volk gegeben wurde: Verantwortungsvoll für das „gemeinsame Gut“ zu handeln, nicht für eine Spaβgesellschaft und nicht für die Macht einer Partei.

Wie konnten die Konservativen nur hoffen, glaubwürdig zu bleiben, indem sie einerseits sagten, ihre Protestwähler hätten die Rechten nicht aus Überzeugung gewählt, nur um dann erst recht die Rechten regieren zu lassen, Jene, von denen sie sagen, dass ihre davongelaufenen Protestwähler sie gar nicht wirklich wollten?

Die Schuldigen an Ratlosigkeit und Verwirrung nach diesen Wahlen sind beide bürgerlichen Parteien: mit ihrem nachgerade narzisstischen Verhalten demonstrieren sie ihre wahre Motivation. Ginge es ihnen nicht nur um die eigene Macht, könnten sie ihren eigenen volkseinlullenden, selbstgerechten Populismus beenden, aufhören mit antinationalem Getöse, das alle Patrioten verschreckt, stattdessen die akzeptablen, „vernünftigen“ Argumente der abtrünnigen bürgerlichen Wähler übernehmen und gemeinsam eingedenk der bisher erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft gemeinsam ihre Länder weiter verwalten. All die gegenseitigen Bezichtigungen sind nichts als unglaubwürdiges Gerede, das verrät, dass dahinter nur der Machtwunsch drängt. Auch die direkte Koalition mit den Vertretern nationalistischer Argumente ist ein fataler Fehler, der sich in Kürze als Fortsetzung der immer schwächer werdenden Demokratie präsentieren wird. Zu Kurz gedacht, leider. Geifernd, mit bebenden Nüstern, stehen sie jetzt in den Startlöchern, Jene, die tatsächlich Nationalisten sind, Jene die den guten Ruf des Patriotismus zu zerstören schafften, indem sie die bürgerlichen Parteien zu antinationalen Parolen provozierten. Nicht sie aber, sondern die bürgerlichen Parteien haben diesen guten Ruf des Patriotismus zerstört und damit ihre Wähler verloren. Beide Länder der Mitte haben jetzt ihre Rechtsparteien in den Parlamenten sitzen, die Einen, weil sie sich sich über den Tisch ziehen lieβen, die Anderen, weil sie schmollend abzuwarten gedenken und gnädig mit den Kleinen verhandeln, beide, weil sie nicht willens und nicht imstande waren, ihre Sozialpartner, die Sozialisten, deren Viele als Arbeiter zu wohlhabenden Bürgern geworden sind und die Arbeiterpartei zu einer bürgerlichen Partei werden lieβen, zurück an den Tisch der Sozialpartnerschaft zu bringen und beispielgebend für das Europäische Projekt und das Beispiel Europas für die Welt zu wirken: als Vertreter von Völkern, deren Bürger fair miteinander umgehen wollen, miteinander, nicht gegeneinander als soziale Feinde in einem Kalten Krieg der Parteien. Nicht der Streit ist Demokratie, sondern die Gemeinsamkeit in Fairness, eingedenk der wirklichen Menschenwürde, nicht nur der kühlen Menschenrechte eines Rechtsstaates, der befiehlt, verbietet und sich als Diktator der Mehrheit entlarvt. Wer Demokratie als nichts anderes sieht denn als Mittel fuer persoenliche Freiheit, hilft der Demokratie scheitern und untergehen, wie es die Alten prophezeihten.

Diskussionen über Demokratie in unseren Tagen gehen weitgehend am Hauptthema vorbei: es wird zwar erwähnt, dass Viele die Politik als schwach erleben und meinen, die Macht hätten die Wirtschafts-Multis; aber dass es sich tatsächlich so verhält, dass die Wirtschaft die Gesellschaft quasi still und leise, jedenfalls unterschwellig, in eine Konsumgesellschaft umfunktioniert hat, in der man mehr betreten als hilflos diskutiert über die eigenen Werte – nein, diskutieren kann man das eigentlich nicht nennen – jedenfalls eine Gesellschaft, in der alle sogenannten Werte zugunsten vorgeschobener Argumente wie der Erhaltung von Arbeitsplätzen (die dann dennoch verloren gehen) geopfert werden, wenn auch oft heimlich in Übersee, dort, wo man es nicht täglich ansehen muss, heimlich auch, wenn dann plötzlich europäische Waffen in den Händen von Parteien auftauchen, gegen die europäische Länder als Hilfestellung vorgehen. Was noch erfolgreicher in politischer Korrektheit aus der öffentlichen Debatte ferngehalten wird, ist die Tatsache, dass diese „Wirtschaft“ von Milliardären regiert wird, denen es bisher erlaubt geblieben ist, einen social divide von noch nie dagewesenem Ausmaβ zu verursachen, mitten in – oder besser gesagt zwischen – demokratischen Staaten, die damit wieder alle ihre Werte mit Füβen treten – gerade mal noch einige „linke“ Politiker wagen es zu erwähnen; die Sozialisten sind längst Bürger neben den konservativen Bürgern mit flieβendem Übergang. Alle Bürger und Parteien der Mitte tun so, als wüssten sie von dieser Schande nichts, der Schande, dass eine Demokratie, eine Regierung „durch das Volk“ es so weit kommen lassen konnte – und nun diktiert die politische Korrektheit, dass man darüber nicht spricht, weder, dass es sich um einen schändlichen Ausverkauf der Demokratie handelt, und schon gar nicht, dass es sich um eine ernste Gefahr handelt: im letzteren Fall wird dann nämlich der Kritiker umgehend zum Radikalen erklärt, dem man dann nachsagt, er versuche das herbeizuführen, was der Kritiker den Politikern als Nachlässigkeit, als Trägheit vorwirft, nämlich, dass sie zulassen, ja sogar bewirken, dass es zu einer Rechtsbewegung kommt, weil die Menschen diesen Politikern nichts mehr zutrauen.

Die deutschen Medien reden heute von Balanceakt an einem Punkt, wo sie sich weiterhin unehrlich verhalten und sich weigern einzugestehen, dass sie ueber Jahre mit der von ihnen propagierten politischen Korrektheit in ihrem Lande einfach falsch lagen: den Österreichischen Konservativen werfen sie vor, es den Rechtspopulisten nachzumachen; ihren eigenen Konservativen prognostizieren sie, dass sie einen Balanceakt vor sich hätten, neben den Rechtspopulisten in ihrem Parlament von Heimatliebe, von Patriotismus und Identität zu reden, ohne in denselben Verdacht zu geraten, obwohl sie wissen, dass ihre konservativen Bürger ihre Rechtspopulisten gewählt haben, weil sie Patrioten sein dürfen wollen, weil ihre Regierung bisher die politische Korrektheit des Anti-Nationalismus auch auf den Patriotismus ausgedehnt hat. Dies in einer Selbstgerechtigkeit, die offenbar auf dem Erfolg ihrer Wirtschaft ruht, ohne jegliches Recht darauf aus demokratischer Sicht: aus derselben Selbstgerechtigkeit heraus befragen diese Medien einen Interviewpartner, was da faul sei im Staate Malta, nur um sich sagen lassen zu müssen, dass deutsche Unternehmen die dortige Mafiastruktur für ihre Zwecke nutzen, und dass es auch in Deutschland selbst ähnliche Strukturen gäbe.

 

Demokratie, das moderne Instrument der Macht: Politiker pflegen sie darin, ihre Macht, die Reichen werden darin immer reicher, auf Kosten der anderen; die Medien kommentieren und manipulieren, statt sich auftragsgemäβ auf neutrale Berichterstattung zu beschränken.

Gewaltenteilung wird gespielt wie ein Theaterstück – die Wahrheit spielt sich hinter jenem Vorhang der politischen Korrektheit ab, der von Medien und Politik in beiderseitigem Interesse jeweils an den kritischen Stellen des Stücks herabgelassen wird. Weh‘ dem, der zu sagen wagt, er wisse, was sich dahinter verbirgt. Notfalls wird dann diese Form von Demokratie zur absolutistischen Herrschaft einer Volksmehrheit, deren angebliche Rechtsstaatlichkeit darin besteht, die Interessen der Macht zu schützen, nicht die des Volkes.

Liebe Leute, besonders ihr jungen Leute, die nach Neuem streben: auch wenn sich Geschichte niemals lückenlos wiederholen wird können, es gibt da, betreffend den Menschen an sich, seit gut 2500 Jahren nichts wesentlich Neues, jedenfalls seit es politologisches oder polit-philosophisches Schrifttum gibt. Es gibt nur: den Willen zur Fairness, oder die Ausbeutung, samt den jeweils dazugehörigen Versteckspielen. All dies beruht darauf, dass wir Menschen in unseren Genen und Kulturen vieles als Erbe mittragen müssen, das gute neunzig Prozent unseres Verhaltens bestimmt. Auch wenn wir Willen haben wollen und uns im Prinzip Imperativen beugen, es bleibt uns insgesamt doch nur der gute Wille als Wegweiser, und der erfordert Gemeinsamkeit, nicht Kalten Krieg der Parteien gegeneinander. Dabei nützt es nicht, einander als „Sozialpartner“ zu bezeichnen. Der gute Wille müsste schon wirklich und echt sein. Ich sage dies vor allem, weil ich jenen Historikern recht gebe, die meinen, ein kreisförmiges Kommen und Gehen von Kulturen und politischen Systemen[i] sei nicht zwingend[ii]. Allerdings: die Rettung vor dem drohenden anarchischen Chaos mit nachfolgender Diktatur von was auch immer, diese Rettung hängt vom guten Willen ab, dem unbedingten guten Willen zu gemeinsamen Lösungen in Fairness.

 

[i] Platon, Politeia, 8.Buch.

[ii] Z.B. Arnold Toynbee, Menschheit und Mutter Erde. Geschichte der grossen Zivilisationen.

Die Menschwerdung

Die Angst ergreift den Menschen ob dem, was er da erkennt, aber doch nicht versteht. Es ist als bestünde die Strafe der Vertreibung aus dem Paradies in der Abgabe jener Scheuklappen, deren Fehlen nun den Blick freigibt auf eine nur anschaubare, aber nicht durchschaubare Welt. Die Phantasie der Offenbarung wird ihm gnadenhalber mitgegeben; sie ist entsprechend ihrer Herkunft nach oben offen, schier grenzenlos. Die Offenbarungen haben sich verloren, die Phantasie ist geblieben. Auch das Gottvertrauen schwand, was blieb war das Glauben als zwanghafter Selbstzweck.

Die sogenannte Menschwerdung ist nicht ein Ereignis am Menschen, am Individuum, sondern das Ergebnis eines Prozesses, der mit dem Beginn des Universums und dessen Eigenschaften untrennbar verbunden ist, wegen des nur-Sein-Könnens aus Gewordenem, bis hin jenseits allen Anfangs. Sie betrifft eine grundsätzliche, in der Wirklichkeit menschlichen Denkens unergründbare Frage nach dem Ursprung. Diese Frage wurde an verschiedenen Stellen der Beobachtung dieses Prozesses, der konkreten Vorstellbarkeit wegen, immer wieder bildlich auf den zeitlichen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Henne und Ei bezogen. Es ist die Frage nach dem „a priori“[1] hinter dem Vorhang der für uns ergründbaren Welt. Aus dem religiösen Glauben resultiert „Gott“ als Antwort, aus der Quantenphysik die „Möglichkeit“, wobei letztere mitunter zur „Wahrscheinlichkeit“ umgerechnet wird. Dazwischen regieren abwechselnd Spielformen dessen, was man auch als „intellektuellen Optimismus“[2] bezeichnete, weitere Arten mehr oder weniger politisch korrekter Überzeugtheit, des Glaubens also, immer jedoch – meist im Hintergrund als das Unbewusste – die „unbelehrbaren Lehrmeister“[3], unser Spontanverhalten, dirigiert aus dem tiefen Brunnen der Evolution.

In dieser dunklen Tiefe schlummert, döst- und träumt angeblich, auch das Gemeinsame, „Kollektive“[4]. Von dort drängt einsam ans Licht das Alleinige, Unteilbare[5]; im Licht seines Gewahrseins will es nur als Geist seine Kreatur genieβen, selbstvergessen seiner Herkunft als Teil des Gesamten, Gemeinsamen. Ans Licht will dieser Geist[6] als Geist Europas, einzig und alleinig für Alle wähnt er sich[7].

Wie die Spore eines primitiven Schleimpilzes[8] ist der individuelle Mensch die einzige Verwirklichung in diesem Prozess, die ihn in Gang halten kann. Der Mensch, Objekt der Menschwerdung, wird zum Subjekt, das er gleichzeitig ist und nicht ist: denn nichts in dem für ihn erkennbaren Universum sonst kann dies denken; aber allein lernt er dieses Denken nicht, nicht ohne Sprache, nicht ohne Kommunikation mit seinesgleichen, aufgezogen in ein Denk- und Vorstellungsgebäude, seine Heimat aus Vorbildern und Vorschriften.

Subjekt der ihrer selbst bewusst gewordenen Welt. Regieren aber tut sie der Geist dazwischen, er regiert die Welt. Die Physiker nennen ihn „die Eigenschaften der Materie, der Energie“, die Katholiken erkennen in ihm den „Heiligen Geist“, reduktionistische Forscher sehen nur „Kommunikation“ und „Interaktion“.

Das Geheimnis bleibt; es spann sich nach vorne entlang der Schöpfung, der Evolution, entdeckt sich jetzt zurück auf diesem Pfad als Erkenntnis, Forschung, Wissen, und bleibt doch Geheimnis. Ohne Menschen konnte kein Mensch zum Menschen werden, ohne Andere nicht sich selbst. Ohne Menschen aber wurde der erste Mensch Mensch, ohne Tier das erste Tier Tier, ohne Leben das erste Wesen lebendig, aus dem Nichts das All. Das einzig Verbleibende am Punkt des Beginns und davor ist eine theoretische Vorstellung von jenen Eigenschaften, die all dies Werdende bedingen, Eigenschaften, die zu existieren vermögen ohne All, ohne Null, ohne Davor.

So wird der Mensch – und ist doch nicht – selbst, wird dennoch selbst im Denken an das Werden, einsam, aber nicht allein, wieder verlustig seiner selbst in der Masse, Teil eines Ganzen und doch alleiniger Repräsentant dieses Gewahrseins in der Wirklichkeit.

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[1] Immanuel Kant, Der Kategorische Imperativ, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Kritik der praktischen Vernunft.

[2] Jose Ortega y Gasset, Eine Interpretation der Weltgeschichte. Rund um Toynbee. Mueller Verlag Muenchen 1964, S.77.

[3] Konrad Lorenz, Die Rueckseite des Spiegels. DTV 1981 (Erstausgabe Piper 1973)

[4] C.G. Jung, Das Kollektive Unbewusste

[5] Das Unteilbare lat. “Individuum”

[6] Goethe, zit. nach Ortega y Gasset, Eine Interpretation der Weltgeschichte, Rund um Toynbee. Mueller Verlag Muenchen 1964, S.82.

[7] Kritik am westlichen Universalismus

[8] Dictyostelium, Myxomycet.