Geschichte: Faktencheck zur Psychoanalyse der Völker

Wenn wir von „Volksseele“ sprechen, hat das seinen guten Grund.

Freilich hinkt dieser Hinweis auf „Psychoanalyse von Völkern“ auch: denn Geschichte wird fast immer von Individuen gemacht – zumindest bewirkt. Aber das Geschehene bleibt eben auf geheimnisvolle Weise in der kollektiven Erinnerung Aller. Und: Auch Gewaltherrscher können sich den Grundkräften in ihren Völkern nicht lange widersetzen; oder sie wirken hinter deren Rücken weiter, machen die Herrscher machtlos. Diese geheimnisvollen Grundkräfte in Menschenmassen machen sich sogar ihre Herrscher zu Diensten.

Geschichte zu kennen hat demnach auβer dem üblicherweise verstandenen Zweck des „Lernens aus der Geschichte“ – missverstanden als Versuch der direkten Anwendung als  Gebrauchsanweisung – einen noch wichtigeren Sinn: es geht um das Verständnis für das Verhalten einer Nation, einer Kultur, gegenüber einer anderen, aus den Erfahrungen, die beide in der Vergangenheit miteinander gemacht haben: Vorurteile und Gefühle schwelen oft tief vergraben im „kollektiven Gedächtnis“ eines Volkes. Schmach, Erniedrigung, die eines dem anderen angetan, schon nach zwei Generationen wissen sie nur noch die Alten aus eigener Erfahrung, die Jungen kopieren nur mehr eine allgemeine Abneigung, eine lauernd geduckte Haltung, von der sie nicht wissen, woher sie kommt, die sie aber schon als Kinder gelernt haben.

Ein Volk entwickelt scheinbar plötzlich ein Verhalten, das mit den gegenwärtigen Ereignissen nichts zu tun zu haben scheint; die Medien und populistische Politiker fallen darüber her und schüren daraus neue Aggressionen: das konkrete Wissen um die Geschichte dieses Vorgangs kann verstehen machen, warum jetzt und hier. Geschichtsanalyse wirkt dann wie eine Psychoanalyse beim Einzelnen. Das letztendliche „Warum“ bleibt bei beiden ein Geheimnis, aber die Angst vor dem Gespenst ist weg. Vertrautheit mit dem, was die andere Seite fühlen muss, schafft Verständnis, Frieden. Diese Entspannung entlockt hier und da freiwillige Buβe, schafft Augenhöhe allenthalben. Aggression hingegen dreht das Rad der Geschichte zu ihrer Wiederholung.

Die Anamnese der Türkei mit NATO und EU ist ein Beispiel, ihre Migrationsgeschichte mit Deutschland. Weitere Beispiele: alle Laender der Welt. Nur: Psychoanalyse funktioniert durch Aufrichtigkeit, oder sie schlaegt fehl.

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Evolution, wer bist du?

Die Evolution spielt Russisches Roulette, ohne davon zu wissen

Läuse befallen einzelne Pflanzen, saugen sie aus ohne Rücksicht auf beider Überleben. Dafür ist gesorgt: es gibt genügend Pflanzen. Das ist Selbsterfahrung geworden von jemand, den es nicht gibt: Mutter Natur denkt nicht, ist nicht als Wesen. Evolution plant nicht, sie wird. Erfahrung ist nur sich selbst. Auβer im bewussten Denken. Aber auch dort nur sich selbst, und mit dem Risiko des Zauberlehrlings.

In der Evolution entstandene geistige Fähigkeiten beinhalten (umfassen) „lediglich“ das Verhalten und Sozialverhalten eines Individuums, entweder einem anderen Individuum gegenüber, oder einer Gruppe; es schlieβt jedoch nicht ein das gemeinsame Verhalten von Massen von Individuen, von Rotten, von Millionen. Hier scheint ein Phänomen aus der Evolution herauszuragen, das nicht Ergebnis dieser Evolution ist sondern ein „Meta-Phänomen“, das mit seinem Zerstörungspotential vergleichbar ist mit extraterrestrischen Ereignissen wie dem Einschlag eines Meteors.

Die Denkfähigkeit hat insgesamt ein Ausmaβ erreicht, das in der Masse auch ohne direktes Zusammenwirken einer Rotte Ereignisse auslösen kann, dessen diese Denkfähigkeit nicht vorab gewahr sein kann, wie Umweltschäden, die die Luft zum atmen nehmen. Die Hirnforschung zeigt neuerdings, was der stille Beobachter seiner Art seit Jahrtausenden weiβ: dass Bewusstheit, Gewahrsein, als Quintessenz dieser neuen Denkfähigkeit, nur einem „Nach-Denken“ entspricht, einem Gewahr-Werden im Nachhinein. Immer schneller überholen in unseren Tagen neue Erfindungen jene von gestern, immer schneller sollen wir auf daraus resultierende schädliche Folgen korrigierend, reparierend, retten, wie ein Jongleur, der immer mehr Bälle gleichzeitig in der Luft hat, aber nicht einhält, so lange nicht, bis er die Grenze seiner Reaktionsfähigkeit überschreitet und scheitern muss. Dabei muss man, um der menschlichen Situation gerecht zu werden, bedenken, dass dieser Jongleur in der heutigen Wirklichkeit kein Jongleur ist sondern eine Menge wild durcheinander agierender Jongleure, von denen die Einen in schierem Wahnsinn Bälle werfen, die sie selbst, oder Andere, rechtzeitig auffangen sollen, weil sie, am Boden angekommen, als tödliche Bombe explodieren könnten, in einem russischen Roulette. Ach, Aufklärung, wo ist deine Menschen-Masse?

Oder wäre Ziel gar in den Dingen, verborgen in ihren Eigenschaften? Eigenschaft Werkzeug, nicht Uhrwerk? Mutter Natur kein Zufall, dennoch nur vorläufiges Konstrukt? Evolution Sinn, nur scheinbar aus sich? Erkennbar dem Nach-Denken am bislang Gewordenen? Ist Offenbarung Prophezeiung? Licht aus dem Jenseits, unverrückbar, unholbar, messbar dort.

Zweimal Affe, zweimal Traum

Über die Rückkehr zur Menschenwürde

 

Der amerikanische Biologe de Waal, Migrant und gebürtiger Europäer, hat zeitgleich mit dem Amtsantritt von Präsident Obama seinen Traum veröffentlicht, von einer besseren Welt, einer, in der das Zeitalter der Empathie anbrechen sollte. Weil auch die Affen einer Sippe aufeinander achten und füreinander da sind – gleich ob aus Opportunismus oder nicht. Sein Wahlspruch lautete:

Höre auf Deinen inneren Affen.

Sein Traum, der ebenso wie Obama’s Antrittsreden breiten Zuspruch auslöste, hat sich innerhalb weniger Jahre in neuen Auseinandersetzungen innerhalb der Nationen und zwischen ihnen verstohlen davongeschlichen, so als wäre er im falschen Theaterstück aufgetreten. Heute ist der Groβteil der Nationen der sogenannten industrialisierten Welt in sich zerstritten, geteilte Nationen. Gleichzeitig – der Widerspruch ist schwer zu ertragen – ist eine neue Welle des Nationalismus ausgebrochen. Die Gebäude der internationalen Verbände verfallen und drohen einzustürzen: die NATO wird verzweifelt mit verbalen Stützen aufrecht gehalten, die UNO verhungert, die EU wird schon totgesagt. Im Stimmengewirr der Interessensvertreter zwecks Anfeuerung der Stellvertreterkriege versteht mittler-weile kaum noch Einer den Anderen, sofern man das überhaupt noch will. Das alles spielt sich unweit vom biblischen Stimmengewirr ab, als der Turm zu Babel gebaut wurde. Die alten Fronten der Geschichte werden aufgetaut nach dem Kalten Krieg; wie tiefgefrorenes Saatgut beginnen sie wieder zu keimen: die vorgeschobenen Religionen, die sich auf Moses berufen; wie vor eintausendfünfhundert Jahren sitzen sie alle drei eifersüchtig auf dem Felsen in Jerusalem, vertreiben einander ab-wechselnd und zerstören die Tempel der Kontrahenten; obwohl sie alle drei das-selbe anzustreben behaupten, nämlich, sich dem Einen Gott günstig darzustellen. Das nachösterliche Gezänk der Mönche in den Strassen von Jerusalem gemahnt an die Krim. So wandert die Erinnerung weiter zum Bosporus, durch den die Sintflut kam. Auch der Alte Riese aus dem Osten lässt wieder antworten, er benötige keine Ratschläge aus dem Okzident, er könne sich schon selber nehmen, was ihn von des-sen Erfindungen interessiert. Die Kinder Adams, von denen der Eine den Anderen erschlug, wahrscheinlich aus Neid, so sagt die Bibel.

A propos Adam, und a propos Affe: da hatte noch ein Anderer einen Traum, eine wahrhaft deutsche Seele von der tatsächlich empathischen Art: nach der Erfahrung beider Weltkriege – in den zweiten hatte er sich auf der Flucht vor der GESTAPO als Feldarzt gerettet – schrieb er:

„Wird der Mensch von der unerbittlichen Herrin, der Macht der Tatsachen, in die Enge getrieben, beginnt er zu träumen.“

und

Die wichtigste Voraussetzung für die Verwirklichung des Traumes Europa ist die Einsicht, dass die Macht nicht notwendig an die Idee der Nation gebunden ist.“[i]

Der Titel der Schrift heiβt: „Adam und der Affe“. Der Autor warnt die Nachwelt vor dem unbedachten Dahinträumen, vor dem Eindösen in den wohlklingenden gezielten Falschmeldungen auf twitter und so weiter, warnt vor der gedankenlosen Verwechslung von „Heimat“ und „Nation“, „Staat“ und „Vaterland“. Und er beschämt uns mit dem Verweis auf unsere sehr alte Geschichte:

„Europa- das ist die Idee der Humanität verbunden mit der Macht. Europa als Idee ist nicht neu.“

Europa, das ist auch das hellenisierte, das christianisierte Rom, Karl der Grosse, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

„ … Europa … zu einem politischen Gebilde zu machen, in dem die Macht nicht mehr mit der Idee der Nation, sondern mit der Idee Europa verbunden wird.“

„Idee“ ist wohl das, was in unserer „post-alles“-Welt zum Reizwort geworden ist. Wir wollen alle Ideologien hinter uns haben. „Idee“ wird zum Gegenpol von „Warmherzigkeit“, von Gefühl und Instinkt. Jetzt zählt also nur noch das Tier, der Affe und sein Gefühl.

Das leitet über in einen Widerspruch:

Greed is out, empathy is in“ – „Gier ist out, Empathie ist in, sagt der Andere.

Dieser Andere, obschon Biologe, scheint restlos eingedöst: er träumt vom Frieden durch den Affen in uns. Der aber sagt, stets wacher als unsere Ich-Bewusstheit, und immer schneller als unser bewusstes Denken: erst komme Ich, dann kommst Du, wenn es mir nützt, und, wenn’s bloβ nicht weh tut. Vermeidung von Mangel und Schmerz, Erlösung vom inneren Drang jeglicher Art, das bewegt Jeden, denn Jeder hat mal einen unaufmerksamen Augenblick, in dem er sich mit dem Finger in der Nase ertappt, wo man das doch partout nicht wollte.

Die Werbefachleute haben das vor spätestens einem halben Jahrhundert zu professionalisieren begonnen, sie brauchen ja auch nur in die Ich-Form zu übersetzen: „Ich bin doch nicht blöd, ich nehm‘ mir einfach“.

Und dann ist da jener alarmierende Widerspruch: je mehr Wir-Gefühl nach innen, desto mehr Fremdenhass nach auβen. Aus der Traum von der weltweiten Empathie.

Hör‘ auf Deinen inneren Affen? Eh? Wahrscheinlich gut gemeint, aber sicher an der falschen Stelle, und auf jeden Fall falscher Alarm:

Gefühllosigkeit kann es schon aus biologischen Gründen nicht geben. Gefühl ist eine unkontrollierbare Hirnfunktion, Gefühl, das ist Teil von uns. Gefühle sind unbewusst verarbeitete Reaktionen auf Eindrücke und Gedanken. Auch Teilnahmslosigkeit basiert auf einem Gefühl. Gefühle haben eine Funktion, Überlebensstrategie aus Lebenserfahrung, eigener und jener der Vorfahren. Gefühle haben Kehrseiten, in die sie sich wenden können.

Empathie ist ein Gefühl. Eine der Kehrseiten der Empathie ist Rachejustiz, ist Hass im allgemeinen. Nicht das Gefühl können wir kontrollieren, sondern seinen unbedachten Ausbruch. Und das ist manchmal ratsam. Denn Gefühl kann täuschen, dort, wo es an Erinnerungen knüpft, die nichts mit der momentanen Wirklichkeit zu tun haben. So kann menschliche Wärme zur Falle werden, soge-nannte Gefühlskälte zur Rettung. Der gesunde Menschenverstand ist ein Erbe, aus der Urzeit unserer Spezies, auch aus jener der Affen, aber auch der Krokodile und Haie. Gefühl ist unauslöschlich eingebaut im Menschenhirn, wenn auch mit der – soweit wir bisher wissen – einzigartigen Option der Weiterverarbeitung.

Empathie, das war zum Beispiel Herbst 2015. Die Kehrseite, das ist Köln, die AfD, UKIP, FPÖ, die Front National, die Visegrad-Staaten, Trump, das ist jetzt.

 

„The age of empathy“[ii] ist bestenfalls ein alarmierter Aufruf eines aus dem albtraumhaften Halbschlaf Aufgeschreckten, einem Halbschlaf, der ihn an die Gefährlichkeit seines naiven Volltraums von einer besseren Welt warnen sollte: es gibt schon keine nettere Gesellschaft innen, ganz zu schweigen von einer Weltgesellschaft auβen: Amerika selbst zeigt das am deutlichsten: Obama hat den Traum für kurze Zeit zum Massenphänomen gemacht; jetzt ist Amerika eine geteilte Nation. So wie die Briten, so wie Polen. So wie Frankreich. So wie Italien. So wie Deutschland. Und wie Spanien. So wie Österreich. So wie die Heimat des Autors, die Niederlande. Die Widersprüchlichkeit ist wieder blank: der Traum möchte und will doch nicht gelebt werden. Gerade der Affe in uns erzeugt diesen Widerspruch, gerade der Affe erzeugt den Fremdenhass, auch wenn er nach innen empathisch sein kann – dass ein Biologe das nach der neueren Verhaltensforschung nicht berücksichtigen will. Die nächste spanische Grippe, und der allgemeine Bürgerkrieg, Chaos, ist allgegenwärtig. Zwei Welten stehen gegeneinander, auf dem Sprung: schon was von „social divide“ gehört? Cameron sprach über seine Briten von einer „broken society“. Jede Volkshälfte Europas fühlt sich genarrt und benachteiligt. Wertegemeinschaft? Alle Affen wollen davon etwas abhaben. Einigkeit nach innen, das war einmal, damals, als es noch keinen Wohlstand gab.

Dieser Widerspruch hat auch den Islam zerrüttet: mittelalterliche Sozialstruktur und Verweigerung dem Westen gegenüber, Tod diesem Feind, und doch Verwendung aller moderner Technologie aus dem Westen, Jeder will ihn, auch Osama Bin Laden; ein anderer Teil der Bevölkerung übersiedelt überhaupt in diesen Westen, will ihn aber dazu zwingen, sich nach den Lebensgewohnheiten des Islam zu richten, will im Westen den Islam mit seinen Werten importieren.

Ist schon alles zu spät? Hört niemand mehr auf irgend etwas, merkt hier keiner, was geschieht? Die Brandstifter sind schon im Haus unterwegs, aber der Biedermann macht noch immer auf harmlosen Alltag?

Nur noch Affe, oder was? Nur noch Affe mit Kopf im Sand bestenfalls.

Wahr ist freilich, dass wir das auch können, könnten, das mit der Empathie. Übrigens, das erinnert an noch etwas aus der Geschichte: das Zeitalter im 18.Jh. hieβ „Aufklärung“. Es war um Toleranz gegangen. Die Politik hat darüber mit den Philosophen korrespondiert, sogar selbst darüber geschrieben, aber meist missbräuchlich, wie fast immer. Sie hat bisher nicht wirklich stattgefunden, die Aufklärung, nur am Papier. Warum? Dabei handelt es sich um die Herausforderung – eine Antwort fordern nützt nichts, das kann heute Jeder mit ansehen: was nützt es, Politiker mit zunehmender Frequenz abzusetzen, weil sie nicht verwirklichen, was wir gerne möchten, aber gleichzeitig selbst verhindern, weil der Affe in uns dagegen ist? Das wurde schon in der Französischen Revolution vorgelebt: sie haben es nicht einmal geschafft, ihre Könige endgültig abzuschaffen, nur ihre führenden Geister verstummten zusehends. Die Oberpolitiker unter den Spät-Oberaufklärern haben dann die Perfektion der Stille erwirkt. In Europa war – zumindest die Erinnerung an – Wohlstand letztlich ein Hindernis von Anbeginn, aber im Osten konnte dieses rote Feuer eine Weile in den Steppen des Sibiriens breitflächig wüten, bis ihm in den Dünsten der Tundra der eigenen Geschichte der Sauerstoff ausging.

Toleranz üben kann nicht ein Staat, nicht eine Nation, das kann nur jeder Einzelne; das braucht Übung, verlangt Opfer.

Und weil wir Europäer ja Alle auf einer Basis stehen, die gar so christlich ist: eine Backe ist nicht die Kultur, nicht das Leben. Diese Basis verlangt nämlich nicht „keine Verteidigung“. Sie erlaubt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Darin steht Selbstverteidigung. Gegen Übergriffe.

Toleranz dürfte also durchaus heiβen: hier ist eine Grenze, bis hierher und nicht weiter. „Opfer“ wäre in diesem Fall wirkliche Entwicklungshilfe unter fairen Handelsbedingungen, Schluss mit ungezähmtem Kapitalismus samt schamloser Ausbeutung. Schluss mit unwürdigen Menschenrechten. Rückkehr zur Menschenwürde.

Γνῶθι σεαυτόν – Erkenne dich selbst – Wisse dich

Es stand im Tempel von Luxor und wurde von griechischen Philosophen übernommen und im Apollon Tempel in Delphi angebracht. Auch diese Idee also ist nicht neu.

Nur wer um unsere tierische Herkunft weiss, kann sie auch erfolgreich zähmen. Die Einflüsterungen des Affen kennen zu wollen, bedeutet nicht, sie zu befolgen.

 

Schon Adam vermochte unser tierisches Erbe zu erkennen, an deren Wesen und dem Spiegelbild seiner selbst. Die Wissenschaft hat es bestätigen können. Die christliche Lehre nennt es die Erbsünde, eingedenk unserer Fähigkeit zum Missbrauch von Lust, von Gefühl.

Empathie gibt es nur in der Sippe, nach aussen nur noch Toleranz. Das eine wirkt automatisch, denn Empathie ist eine Sympathie. Das andere ist nicht selten mühsam -Fairness erfordert Denkkraft und guten Willen.

Nicht der Affe in uns rettet die Welt. Nur wir selbst vermögen das, gewahr unseres Gewahrseins. Und dies nur, wenn wir wollen, wirklich wollen. Wollen ist Wille, Wille ist ein Bewusstseinsakt, einer, den eben keine Tiere können.

Vive la petite difference – es lebe der kleine Unterschied.

Ohne den werden wir nicht überleben – wenn überhaupt.

 

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[i] P. Bamm Gesammelte Werke, Bd.2, Adam und der Affe, Knaur Verlag 1976, S.260.

[ii] F. De Waals, The age of empathy. Nature’s lessons for a kinder society. Three Rivers Press 2009.

Man trägt wieder Krawatte

All you need is love – Ende und Wiederbeginn der Krawatte

oder

Man trägt wieder Haltung, man trägt wieder Krawatte

 

Rational verständlich ist das alles natürlich nicht; im Gegenteil: aus der Ferne beobachtet meint man einem Haufen Verrückter zuzusehen. Ein Beispiel:

Katholikentag in Leipzig. Dort, wo kaum Katholiken leben. Die Medien fragen sich: warum dort? Und sie fragen Passanten: eine Frau sagt: find ich gut. Wer weiß, ob nicht auch dort Leute vorbeikommen und sagen, dass ihnen gefällt, was es dort so an Veranstaltungen gibt, und schauen dann wieder einmal in einer Kirche vorbei, stellen fest, dass man dort schöne Musik spielt.

 

Dass die Krawatte in den 50er Jahren auch für Studenten Pflicht gewesen sei, ist falsch: sie wurde nur bei Prüfungen und Promotion getragen. Aber sonst gab es kaum einen Büro- bzw. Geschäftsmann, der nicht Krawatte getragen hätte, so wie die jungen Männer bis 1918 unbedingt Bart tragen mussten, wenn sie als Erwachsene ernst genommen werden wollten.

Im Jahr 2011 war es akzeptiert zu fragen, wann „Krawatte überhaupt noch gesellschaftsfähig“ sei, ob Krawatte im Dienst weiter eine Regel sein solle oder nicht[1]: die klare Antwort war: das geht niemanden etwas an, ob ich eine Krawatte trage oder nicht, ist Ausdruck meiner Persönlichkeit, nicht Befolgung einer Regel. Fazit: der moderne Mensch der westlichen Welt in liberalen demokratischen Gesellschaften lässt sich nichts mehr vorschreiben – sogar das Gesetz, an das er sich hält, hat er selbst bei seinen gewählten Politikern in Auftrag gegeben. Also reagierten die Politiker: immer mehr schlossen sich dem Trend an: man demonstrierte: ich bin selbstverständlich einer von euch, euer Diener, liberal bis geht nicht mehr, jeder kann tun was er will, so lange er die Gesetze beachtet. Politik ist nicht mehr Macht, sie ist Dienst am Kunden.

Dass auch Milliardäre durch „Hemd offen und oben ohne“ demonstrieren, wem die Welt gehört, ist fehlgedeutet, ist nochmal hinters Licht geführt: die Demo von Volksnähe, „ich bin einer von euch“ war eine lächerliche Farce, die nur wenige geglaubt, aber fast alle mitgemacht haben (man muss eben „mit der Zeit gehen“) – zynischer geht es kaum.

Ein Autor, damals, 2011, hatte immerhin den Mut, die Lüge dahinter aufzudecken und zu schreiben: „Nie war es rebellischer, eine Krawatte zu tragen“, und davon sprach, dass es auch Würde gebe, die man damit ausdrücken könne.

Mit der Lässigkeit kam die Nachlässigkeit: bei immer mehr Gelegenheiten wurde Politikern ihr Mangel an Durchblick, Weitblick, Führungsstärke, Staatsmannschaft vorgeworfen.

Nur die Rechtsradikalen kamen mit kurz geschorenen Haaren, strammem Scheitel – und Krawatte.

 

Mit dem Rechtsruck also kommen die Krawatten wieder – vorzüglich blau, mit Hinweis auf Hoffnungsträger also – denn die Politikverdrossenheit hat trotzdem zugenommen. Die Leute wollen gar keine schlampig daherschlurfenden lässigen Typen, die Volksnähe mimen, obwohl sie eine breite Spur von Realitätsferne hinter sich herziehen. Sie wollen Führung, auf die man vertrauen kann. Sie wollen Führer, die etwas darstellen, die Vertrauen einflößen. Die Politiker haben die Abfuhr verstanden; jetzt ziehen sie ihre Krawatten wieder an.

Dabei ist blau nicht neu. Dezember 2009 in der „Bild“: „Obama legte die bis dato allgegenwärtige rote Krawatte beiseite (in USA war das nämlich immer schon anders als in Europa, ganz zu schweigen von Japan oder gar China) und ersetzte sie durch eine blaue! Und die Welt folgt ihm in Sachen Krawatten in beinahe unheimlicher Geschlossenheit.“[2]

Es folgte der irrige Versuch einer „Fotographenlegende und Stilikone“, 2010 zur Trendwende aufzurufen: „zurück an die Krawatte!“[3]. Doch das mit „Krawatte in blau“ hielt nur so lange wie Obama der Heilsbringer war, hoechstens 100 Tage. Dann war es wieder aus mit Krawatte, vor allem aus mit blau!

2014 war die Krawatte wieder einmal „kurz davor, vergessen zu werden“, weil „das wohl unmodischste Kleidungsstück unserer Zeit“  und Relikt aus Zeiten, da sie für männliche Selbstverwirklichung und Spießertum, Symbol männlicher Dominanz gestanden sei.[4]

Dementsprechend hat sich eine Journalistin – vielleicht in unbewusstem Wunschdenken – geirrt, als sie im Dezember 2015 schrieb: „Das Ende der Krawatte. Niedergang eines Machtsymbols.“[5] Der größte Irrtum war der gute Rat der Mode-Experten an die Manager-Gattinnen für Weihnachten 2015, bloß keine Krawatte zu schenken: denn kurz danach brach die zweite Epidemie der blauen Krawatten aus.

Dabei gab es doch 2015 die „Fifty Shades of Grey“ im Kino! Und die hätten eine Trendwende bewirkt, Krawatten seien seither wieder „so was von heiß“[6]. Und sogar James Bond trug in „Spectre“ Krawatte, wenn auch eine zu kurze.[7]

Heute sehen wir an „Krawatte“ oder „keine Krawatte“, ob einer den Rechtsruck zwecks Verhinderung der Rechtsradikalen schon kapiert hat oder nicht.

 

Die Krawatte ist zur Zeit Ludwigs XIV. In Frankreich Mode geworden, als dem König das Halstuch kroatischer Söldner gefiel: so trug man Tücher „a la cravate“, also auf kroatische Art. [8]

Spätestens seit „All you need is love“ der Beatles war das Ablegen der Krawatte zum Symbol der sexuellen Befreiung geworden.

 

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[1] T. Bärnthaler: Krawatte im Büro- ja oder nein?, Süddeutsche Zeitung 36, 2011.

[2] http://www.bild.de/lifestyle/mode-beauty/welchen-schlips-obama-und-andere-stars-tragen-und-welche-sie-verschenken-koennen-10826986.bild.html

[3] F.C. Gundlach, „Eine Bindung fürs Leben“, Zeit Online, 04.02.2010, http://www.zeit.de/2010/06/Gundlachs-Schlipse

[4] http://www.taz.de/!5035739/

[5] Bettina Weiguny, Das Ende der Krawatte. Frankfurter Allgemeine, 22.12.2015

[6] http://www.mentoday.de/news/krawatten-trends-2015/210.html

[7] http://www.nzz.ch/lebensart/stil/traegt-007-seine-krawatte-zu-kurz-ld.4006

[8] http://www.taz.de/!5035739/