Ost ist Ost und West ist West …

oder

Das West – Östliche Missverstehen am Beispiel von Orientalismus und Islamismus

 

Orientalismus ist die Beschreibung des abendländischen Verständnisses vom kulturellen Leben der Menschen im Morgenland. Islamismus ist die westliche Beschreibung des Aufstandes von Muslimen in ihrer von europäischen Ländern besetzten Heimat in der Angst um den Verlust ihrer Identität durch Überfremdung in einem Gemisch von heimatlicher Kultur und westlicher Zivilisation.

Beide Begriffe sind Beweis dafür, in welchem Umfang Europa seit dem Beginn des Zeitalters der Kolonisation sich des Restes der Welt zu bemächtigen suchte in der Überzeugung, es handle sich durchwegs um neu-europäisches Territorium, umzugestalten nach europäischer Geisteshaltung, die Menschen darin nichts als eben jene Objekte aus der westlichen Vorstellungswelt. Dass diese Menschen ihre eigene Kultur tatsächlich lebten, also tatsächliche Subjekte waren und sind, nicht Zinnsoldaten der westlichen Vorstellungswelt, kam manchen Beschreibern – es gab auch Ausnahmen – der okkupierten Territorien nicht wirklich in den Sinn. Demgemäß regierten und missionierten sie, erwarteten, dass aus diesen Objekten im besten Falle eben europäische Subjekte würden. So verfielen Kulturen wie der indische Kreis in der Weise, wie Naipaul ihn in „India. A Wounded Civilization“ [i] beschrieb. Demgemäß auch wurde bis ins 20. Jahrhundert alles Nicht-Europäische beschrieben wie Kuriositäten in einem Zoo, mit jener der Xenophobie eigenen Ambivalenz, teils also wie gefährliche oder kranke Ungeheuer (siehe Papageno und Monostatos in Mozart’s und Schikaneder‘s Zauberflöte, oder die Unsicherheit und Frage mancher Entdecker, ob die in Busch und Urwald gefundenen Wilden überhaupt Menschen seien), teils wie exotische Welten und Kuriositäten, die viele Menschen aus dem Westen heute im Urlaub in alle Länder der Welt locken. Diese Spiegelung eigenen Denkens und Verhaltens gibt dem Westen die Möglichkeit, und den Auftrag, diese eigene relativistische Haltung zu ändern in eine der Begegnung auf der Ebene gleicher Menschenwürde, in der Bereitschaft zum Treffen in der Mitte, zwecks Besprechung gemeinsamer Interessen als Beginn von Gemeinsamkeit.[ii]

 

Bezüglich des Kontaktes, der Kommunikation zwischen Kulturen mag große Ähnlichkeit bestehen zur Kommunikation zwischen Individuen: zunächst ist auch das Gegenüber ein Objekt. Subjekt ist man nur selbst. Erst am Erkennen vergleichbaren Verhaltens erkennt und anerkennt ein Subjekt ein anderes Subjekt. Zwischen beiden entsteht eine Kommunikation wie ein Ratespiel, im Rahmen dessen der Eine die Sprache des Anderen errät, und ursprünglich, die Weise, auf welche Sprache entstand: als Abkommen zwischen Beiden, wie sie Beide künftig eine Entität der Umwelt benennen wollten, damit man beginne, einander zu verstehen – beginne, und rate, denn sobald es um das Subjekt geht, bleibt es ein Ratespiel: Schmerzerleben ist ein Beispiel: wir verstehen voneinander, was mit Schmerz im großen und ganzen gemeint ist. Aber wir können nicht erfahren, wie der Eine oder Andere seine Schmerzen erlebt. So verhält es sich mit der Kommunikation zwischen Kulturen: nie kann ein westlicher Mensch aus dem christlichen Kulturkreis erfahren, auf welche Weise ein Muslim seine Hadsch erlebt, nie auch ein Muslim verstehen, wie ein Europäer seine Weihnachtserlebnisse aus der Kinderzeit erinnert und in seine weitere Lebenswelt einbaut.

 

Eine Globalisierung der Kulturen, eine global multikulturelle Gesellschaft, waren politisch motivierte Ideologien von relativ kurzer Lebensdauer. Viele von diesen Anderen sind von Europa verwundet, verletzt, entwürdigt. Der Groll schwelt tief im kollektiven Unterbewussten von Völkern des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens, des Westens und Südens.

Erst muss der Westen lernen, die anderen Kulturen als eben tatsächlich anders zu akzeptieren und zu respektieren, muss also noch einmal auf Distanz gehen, aus Respekt, um erst dann wieder in vorsichtigen Schritten eine Annäherung auf Augenhöhe versuchen zu können: wieder ganz im eigentlichen Sinne von Rudyard Kipling [iii]:

East is East, and West is West …

But there is neither East nor West …

When two strong men stand face to face ….

 

[i] V.S. Naipaul, India. A Wounded Civilization. Penguin 1979 (Deutsch 1977).

[ii] Ludwig M. Auer, Europa. Wunsch, Wahn und Wirklichkeit. Band 1: Zur Geschichte von Migration und Kultur, BoD 2019, Band 2: Hoffnungen und Grenzen, BoD, im Druck 2020.

[iii] R. Kipling, The Ballad of East and West, 1889.

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