Jugend? Ja! Aber erst mal erziehen, dann erst Macht.

Kommentar zum Artikel in DIE ZEIT vom 17.03.2016 von RD Precht und H Welzer

Kann mir gut vorstellen, dass Sie dieser Tage von einer Lawine von Zuschriften aus den Reihen grantiger 68er (und +) überschüttet werden.

Aber jetzt im Ernst:

Viele „Alte“ (ich mag diese Form von Aufruf von einem 57-Jährigen) werden, entgegen dem hier projizierten Anschein, mit Ihnen übereistimmen, dass die Außen- und Entwicklungshilfepolitik Deutschlands die gegenwärtige Entwicklung mit billigend in Kauf genommen haben. Auch darin, dass es in der Geschichte „kein freiwilliges Zurück“ geben kann, werden Ihnen Viele zustimmen, auch viele Ängstliche, die trotz ihrer derzeitigen Angst solche Erkenntnisse aus ihrer Lebenserfahrung und ihrem erworbenen so genannten Wissen zu schöpfen imstande sind. Viele Alte werden Ihnen auch beipflichten, dass nach der jahrhundertelangen Ära von Kolonialismus und sonstiger Ausbeutung verschiedener Formen im Rahmen der unaufhaltsamen Globalisierung der „Wille zu teilen“ das nicht nur sichtbare sondern auch für alle Menschen spürbare Signal des Westens sein muss, soll es für unsere Nachkommen eine Zukunft im Frieden geben. Hervorragend ist in diesem Sinne die im Artikel als Neudeck’sches Konzept vorgestellte Idee der „Adoption“ von Entwicklungsländern, vorausgesetzt man schafft es, dem zu befürchtenden Drang zur Bevormundung vorzubeugen und damit dem Beigeschmack erneuten oder verdeckt fortgeführten Kolonisierungsversuches (siehe Weltbankkredite).

Sie loben die Offenheit der Jugend und strafen die ängstliche Besitzstandswahrung der Alten; gleichzeitig jedoch, wie Sie Offenheit bei der Migration verlangen, sehen Sie die Notwendigkeit der Begrenzung; sie widersprechen sich hier selbst, vetreten keine nachvollziehbare Logik: Sie kritisieren die Kritiker der Willkommenskultur, ohne deutlich einzuräumen, dass diese Kritiker das Dogma der Unbegrenztheit bzw. Unbegrenzbarkeit fürchten könnten, nicht aber jegliche Zuwanderung.

Was also soll die Macht der Jugend bewirken, die im Überschwang unbegrenzt immigrieren ließe, um sich nachher dafür kritisieren lassen zu müssen, dass sie nicht bedacht hat, was die Folgen unbegrenzter Immigration, unkontrollierter Migration insgesamt, sein müssen?

Zu Zielen und Gründen: Auch wer etwas erreichen will, braucht Gründe, um die anderen zu überzeugen, und auch die, die etwas verhindern wollen, haben Ziele, nur eben andere, aber dies nur am Rande, um zu betonen, dass Sie selbst den Weg der offenen, demokratischen Diskussion mitunter zu verlassen drohen. In diesem unmittelbaren Zusammenhang ist wichtig, auch Ihren Hinweis auf die alles übertönende Bedeutung der Erziehungspolitik zu würdigen; nur, Sie sehen selbst an Ihrer eigenen Reaktion auf vorangegangene Meinungen in der Presse, dass ein Haupterziehungsinhalt das Gewahrsein dafür werden müsste, dass wir Alle spontan zunächst Opfer unserer Überzeugtheit sind, eines Du-blinden Glaubens an diese subjektiven, aus der Überzeugung konstruierten Gebildes, das wir als unsere Wahrheiten erleben. Diese Überzeugtheit überwinden und die Anderen als tatsächlich gleichwertig und gleich wichtig anerkennen zu lernen, wäre ebenso bedeutsam wie neue Technologien zur Erlösung der Umwelt von unserer selbstzerstörerischen Ausbeuterei. Ich gestehe ein, dass diese Worte gleich wieder nach neuer Ideologie klingen. Aber was, frage ich Sie, was in dieser Menschenwelt gleitet nicht ab in den Reigen der Ideologien, um von Gegen-Ideologien bekämpft zu werden?

Ihr Artikel ist ein teilweise agressives Fanal gegen die ängstlichen Bewahrer ; was hingegen völlig fehlt, ist die Kritik, ja die Agression gegen die am schwersten wiegende Bedrohung: den ungebremsten Kapitalismus mit der Folge des beängstigend, ja bereits destabilisierend wirkenden „social divide“. Sie verwenden das Wort „idiotisch“: hierzu kann ich ergänzen: am idiotischesten ist das blinde Rennen des Westens in das eigene Verderben, dort, wo am Ende des verheißenen endlosen Wachstums den Superreichen die Käufer ausbleiben und Alle alles verlieren. Die Jungen müssten also auch lernen, dass die derzeit nachgerade dogmatisch vor Kritik geschützte liberale Demokratie aus der Sicht dieser wirtschaftlichen Irrlehre ewigen Wachstums nur „sozialer Wohlstand und Friede auf Pump“ ist, geliehen von den Banken, gestohlen von der billigen Dritten Welt, den ehemals alten Kulturen, denen, die vorübergehend Kolonien hießen und jetzt Entwicklungsländer.

Und vielleicht doch noch ein Wort der Hoffnung zum Ausbruch aus diesem Kreis der Geschichte hinaus in eine Zukunft ohne sofortige Endzeitdrohungen: Selbstverständlich sollte Nationalismus (mein Unwort in spe für das 21.Jh.) der Vergangenheit angehören, aber, bitte, zeigen Sie mir jene Jugendmassen, die für faire Globalisierung die Fahnen schwenken, denen Sie die Macht überantworten wollen – nicht einmal am Lehrstuhl für „social entrepreneurship“ an der Said Universtität in Oxford glaubt man an die eigene Fahnenaufschrift und hätte am liebsten das „social“ wieder weg. Die einzigen fahnenschwingenden Jungen, die ich aus der Gegenwart kenne, die auch Macht übernehmen wollen, sind einerseits die von Europa ausgewanderten, und neuerdings auch die wiedergekehrten [angeblich 400 von den 5000], IS-Kämpfer, andererseits die Rechtsradikalen – ich setze stillschweigend voraus, dass Sie keiner dieser beiden die Macht übergeben wollten – wem aber dann?

Wir kommen also um die Aufgabe der Erziehung als ersten Schritt nicht herum, ein Kernproblem in einer Welt, in der alle arbeiten gehen und die Kinder unterbezahlten Nannies und hilflosen Lehrern überlassen, die überarbeitet und überfordert mit einer Jugend zurechtkommen sollen, der man versichert hat, sie bräuchten vor den Alten keinen Respekt mehr zu haben (darauf sind sie auch selbst sehr schnell gekommen). Wie Sie sehen, tue ich mir richtig schwer, die Evolutionsspirale von Rupert Riedl in Gang zu bringen in der Zuversicht auf ein Ziel in der ferneren Zukunft, raus aus dem Kreis der Geschichte. Dies auf friedlichem Wege zu schaffen, ist eine fast unvorstellbar große Herausforderung. Aber die Geschichte zeigt ohnehin, dass „es“ geschieht, was auch immer die Macher zu bewirken hoffen und glauben.

Dennoch: die von Ihnen kritisierten Alten und Umkehrer in die alte Welt sind nicht nur bekämpfens- und bedauernswert, sie sind uns Warnruf, denn sie haben zumindest mit ihrer Angst recht: sie ist undefiniert, diese Angst, aber sie setzt sich zusammen aus der Sensation von gestern (Flüchtlingskrise) und der Sensation von heute (Terror in der Großstadt). Diese beiden sind einander bedrohlich nahe gerückt, denn dazwischen kommt noch eine dritte, immer weniger unsichtbare, Kraft dazu: Die Schattenwesen am Photo in Ihrem Artikel könnten ebenso von den Unruhen in England im Jahr 2011 stammen, oder denen aus den Pariser Vorstädten 2005, oder Tourcoing/ Bourgogne 2015, oder Brüssel Molenbeek. Man hat sie weggesperrt aus der Wohlstandsgesellschaft, aber sie kommen wieder, einige davon am Umweg über Irak und Syrien, als der „Böse Sohn der Zeit“ aus Freud’s Psychoanalyse ,wahrscheinlich von Schiller’s Räuber inspiriert, dem ungeliebten Sohn, der, verstoßen, durch die Hintertür zurückkommt mit zerstörerischer Energie.

Jugend? Ja! Aber erst mal erziehen, dann erst Macht.

Allerdings, hier droht sich erneut ein Kreis zu schließen, denn der Philosoph von Ihnen beiden wird uns eingestehen müssen, wie es Sokrates mit seinem Erziehungsmodell, und wie es Aristoteles mit seinem Staat unter Führung der Philosophen erging.

Letztlich werden wir also wohl doch zurückgeworfen auf die Erkenntnis von JBS Haldane:

„ … we can foretell little of the future save that the thing that has not been is the thing that shall be; that no beliefs, no values, no institutions are safe. …. The future will be no primrose path. It will have its own problems.“[i]

 

[i] JBS Haldane, Daedalus, or, Science and the Future. A Paper read to the Heretics. Vortrag in Cambridge am 04. Februar 1923. Siehe z.B.:

http://www.unife.it/letterefilosofia/lm.lingue/insegnamenti/letteratura-inglese-ii-lm-lingue/programma-desame-2011-2012/J.%20B.%20S.%20Haldane-%20Daedalus-%20or-%20Science%20and%20the%20Future-%201923.pdf/view

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