Die Europäische Mitte hat ihre Mitte verloren

Das politische Patt – ein psychiatrisches Problem der Volksparteien, ein psychisches Problem der Verwalter der Macht

 

 

Dass auch Politiker Menschen sind, dass das Schicksal ganzer Völker von der Befindlichkeit einzelner Machthaber abhängt, zeigt sich am Verhalten der Bürgerparteien nach den Wahlen von 2017: weil ein Mann mit einem anderen nicht gut kann, gehen die Volksparteien die dringend gebotene Koalition nicht ein. Beide sozialistischen Parteien werden ihrem demokratischen Auftrag nicht gerecht, reagieren nicht auf ihren Auftrag, übertragen von ihren Wählern, ziehen sich narzisstisch gekränkt in die Opposition zurück. Stattdessen sollten sie die Parteiführung austauschen und ihrerseits auf die konservativen Parteien zugehen mit der drängenden Bereitschaft zu Koalitionen. Wie anders können sie glaubwürdig bleiben mit ihrer Kritik an Populisten, die sie als schädlich bezeichnen und für drohende Gefahren vorbeugend verantwortlich machen? Doch nur, indem sie nicht mehr nur auf sich selbst und ihre eigenen Argumente als Partei hören, sondern auf das, was aus dem Volk tatsächlich offenbar wird. Nicht, dass man – selbst populistisch – alle diese Töne und Befindlichkeiten hörig in Politik umsetzen müsste, nein, es geht um das Wissen darum, um das ehrliche Befassen damit im Sinne des Auftrags, der ihnen vom Volk gegeben wurde: Verantwortungsvoll für das „gemeinsame Gut“ zu handeln, nicht für eine Spaβgesellschaft und nicht für die Macht einer Partei.

Wie konnten die Konservativen nur hoffen, glaubwürdig zu bleiben, indem sie einerseits sagten, ihre Protestwähler hätten die Rechten nicht aus Überzeugung gewählt, nur um dann erst recht die Rechten regieren zu lassen, Jene, von denen sie sagen, dass ihre davongelaufenen Protestwähler sie gar nicht wirklich wollten?

Die Schuldigen an Ratlosigkeit und Verwirrung nach diesen Wahlen sind beide bürgerlichen Parteien: mit ihrem nachgerade narzisstischen Verhalten demonstrieren sie ihre wahre Motivation. Ginge es ihnen nicht nur um die eigene Macht, könnten sie ihren eigenen volkseinlullenden, selbstgerechten Populismus beenden, aufhören mit antinationalem Getöse, das alle Patrioten verschreckt, stattdessen die akzeptablen, „vernünftigen“ Argumente der abtrünnigen bürgerlichen Wähler übernehmen und gemeinsam eingedenk der bisher erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft gemeinsam ihre Länder weiter verwalten. All die gegenseitigen Bezichtigungen sind nichts als unglaubwürdiges Gerede, das verrät, dass dahinter nur der Machtwunsch drängt. Auch die direkte Koalition mit den Vertretern nationalistischer Argumente ist ein fataler Fehler, der sich in Kürze als Fortsetzung der immer schwächer werdenden Demokratie präsentieren wird. Zu Kurz gedacht, leider. Geifernd, mit bebenden Nüstern, stehen sie jetzt in den Startlöchern, Jene, die tatsächlich Nationalisten sind, Jene die den guten Ruf des Patriotismus zu zerstören schafften, indem sie die bürgerlichen Parteien zu antinationalen Parolen provozierten. Nicht sie aber, sondern die bürgerlichen Parteien haben diesen guten Ruf des Patriotismus zerstört und damit ihre Wähler verloren. Beide Länder der Mitte haben jetzt ihre Rechtsparteien in den Parlamenten sitzen, die Einen, weil sie sich sich über den Tisch ziehen lieβen, die Anderen, weil sie schmollend abzuwarten gedenken und gnädig mit den Kleinen verhandeln, beide, weil sie nicht willens und nicht imstande waren, ihre Sozialpartner, die Sozialisten, deren Viele als Arbeiter zu wohlhabenden Bürgern geworden sind und die Arbeiterpartei zu einer bürgerlichen Partei werden lieβen, zurück an den Tisch der Sozialpartnerschaft zu bringen und beispielgebend für das Europäische Projekt und das Beispiel Europas für die Welt zu wirken: als Vertreter von Völkern, deren Bürger fair miteinander umgehen wollen, miteinander, nicht gegeneinander als soziale Feinde in einem Kalten Krieg der Parteien. Nicht der Streit ist Demokratie, sondern die Gemeinsamkeit in Fairness, eingedenk der wirklichen Menschenwürde, nicht nur der kühlen Menschenrechte eines Rechtsstaates, der befiehlt, verbietet und sich als Diktator der Mehrheit entlarvt. Wer Demokratie als nichts anderes sieht denn als Mittel fuer persoenliche Freiheit, hilft der Demokratie scheitern und untergehen, wie es die Alten prophezeihten.

Diskussionen über Demokratie in unseren Tagen gehen weitgehend am Hauptthema vorbei: es wird zwar erwähnt, dass Viele die Politik als schwach erleben und meinen, die Macht hätten die Wirtschafts-Multis; aber dass es sich tatsächlich so verhält, dass die Wirtschaft die Gesellschaft quasi still und leise, jedenfalls unterschwellig, in eine Konsumgesellschaft umfunktioniert hat, in der man mehr betreten als hilflos diskutiert über die eigenen Werte – nein, diskutieren kann man das eigentlich nicht nennen – jedenfalls eine Gesellschaft, in der alle sogenannten Werte zugunsten vorgeschobener Argumente wie der Erhaltung von Arbeitsplätzen (die dann dennoch verloren gehen) geopfert werden, wenn auch oft heimlich in Übersee, dort, wo man es nicht täglich ansehen muss, heimlich auch, wenn dann plötzlich europäische Waffen in den Händen von Parteien auftauchen, gegen die europäische Länder als Hilfestellung vorgehen. Was noch erfolgreicher in politischer Korrektheit aus der öffentlichen Debatte ferngehalten wird, ist die Tatsache, dass diese „Wirtschaft“ von Milliardären regiert wird, denen es bisher erlaubt geblieben ist, einen social divide von noch nie dagewesenem Ausmaβ zu verursachen, mitten in – oder besser gesagt zwischen – demokratischen Staaten, die damit wieder alle ihre Werte mit Füβen treten – gerade mal noch einige „linke“ Politiker wagen es zu erwähnen; die Sozialisten sind längst Bürger neben den konservativen Bürgern mit flieβendem Übergang. Alle Bürger und Parteien der Mitte tun so, als wüssten sie von dieser Schande nichts, der Schande, dass eine Demokratie, eine Regierung „durch das Volk“ es so weit kommen lassen konnte – und nun diktiert die politische Korrektheit, dass man darüber nicht spricht, weder, dass es sich um einen schändlichen Ausverkauf der Demokratie handelt, und schon gar nicht, dass es sich um eine ernste Gefahr handelt: im letzteren Fall wird dann nämlich der Kritiker umgehend zum Radikalen erklärt, dem man dann nachsagt, er versuche das herbeizuführen, was der Kritiker den Politikern als Nachlässigkeit, als Trägheit vorwirft, nämlich, dass sie zulassen, ja sogar bewirken, dass es zu einer Rechtsbewegung kommt, weil die Menschen diesen Politikern nichts mehr zutrauen.

Die deutschen Medien reden heute von Balanceakt an einem Punkt, wo sie sich weiterhin unehrlich verhalten und sich weigern einzugestehen, dass sie ueber Jahre mit der von ihnen propagierten politischen Korrektheit in ihrem Lande einfach falsch lagen: den Österreichischen Konservativen werfen sie vor, es den Rechtspopulisten nachzumachen; ihren eigenen Konservativen prognostizieren sie, dass sie einen Balanceakt vor sich hätten, neben den Rechtspopulisten in ihrem Parlament von Heimatliebe, von Patriotismus und Identität zu reden, ohne in denselben Verdacht zu geraten, obwohl sie wissen, dass ihre konservativen Bürger ihre Rechtspopulisten gewählt haben, weil sie Patrioten sein dürfen wollen, weil ihre Regierung bisher die politische Korrektheit des Anti-Nationalismus auch auf den Patriotismus ausgedehnt hat. Dies in einer Selbstgerechtigkeit, die offenbar auf dem Erfolg ihrer Wirtschaft ruht, ohne jegliches Recht darauf aus demokratischer Sicht: aus derselben Selbstgerechtigkeit heraus befragen diese Medien einen Interviewpartner, was da faul sei im Staate Malta, nur um sich sagen lassen zu müssen, dass deutsche Unternehmen die dortige Mafiastruktur für ihre Zwecke nutzen, und dass es auch in Deutschland selbst ähnliche Strukturen gäbe.

 

Demokratie, das moderne Instrument der Macht: Politiker pflegen sie darin, ihre Macht, die Reichen werden darin immer reicher, auf Kosten der anderen; die Medien kommentieren und manipulieren, statt sich auftragsgemäβ auf neutrale Berichterstattung zu beschränken.

Gewaltenteilung wird gespielt wie ein Theaterstück – die Wahrheit spielt sich hinter jenem Vorhang der politischen Korrektheit ab, der von Medien und Politik in beiderseitigem Interesse jeweils an den kritischen Stellen des Stücks herabgelassen wird. Weh‘ dem, der zu sagen wagt, er wisse, was sich dahinter verbirgt. Notfalls wird dann diese Form von Demokratie zur absolutistischen Herrschaft einer Volksmehrheit, deren angebliche Rechtsstaatlichkeit darin besteht, die Interessen der Macht zu schützen, nicht die des Volkes.

Liebe Leute, besonders ihr jungen Leute, die nach Neuem streben: auch wenn sich Geschichte niemals lückenlos wiederholen wird können, es gibt da, betreffend den Menschen an sich, seit gut 2500 Jahren nichts wesentlich Neues, jedenfalls seit es politologisches oder polit-philosophisches Schrifttum gibt. Es gibt nur: den Willen zur Fairness, oder die Ausbeutung, samt den jeweils dazugehörigen Versteckspielen. All dies beruht darauf, dass wir Menschen in unseren Genen und Kulturen vieles als Erbe mittragen müssen, das gute neunzig Prozent unseres Verhaltens bestimmt. Auch wenn wir Willen haben wollen und uns im Prinzip Imperativen beugen, es bleibt uns insgesamt doch nur der gute Wille als Wegweiser, und der erfordert Gemeinsamkeit, nicht Kalten Krieg der Parteien gegeneinander. Dabei nützt es nicht, einander als „Sozialpartner“ zu bezeichnen. Der gute Wille müsste schon wirklich und echt sein. Ich sage dies vor allem, weil ich jenen Historikern recht gebe, die meinen, ein kreisförmiges Kommen und Gehen von Kulturen und politischen Systemen[i] sei nicht zwingend[ii]. Allerdings: die Rettung vor dem drohenden anarchischen Chaos mit nachfolgender Diktatur von was auch immer, diese Rettung hängt vom guten Willen ab, dem unbedingten guten Willen zu gemeinsamen Lösungen in Fairness.

 

[i] Platon, Politeia, 8.Buch.

[ii] Z.B. Arnold Toynbee, Menschheit und Mutter Erde. Geschichte der grossen Zivilisationen.

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Die Menschwerdung

Die Angst ergreift den Menschen ob dem, was er da erkennt, aber doch nicht versteht. Es ist als bestünde die Strafe der Vertreibung aus dem Paradies in der Abgabe jener Scheuklappen, deren Fehlen nun den Blick freigibt auf eine nur anschaubare, aber nicht durchschaubare Welt. Die Phantasie der Offenbarung wird ihm gnadenhalber mitgegeben; sie ist entsprechend ihrer Herkunft nach oben offen, schier grenzenlos. Die Offenbarungen haben sich verloren, die Phantasie ist geblieben. Auch das Gottvertrauen schwand, was blieb war das Glauben als zwanghafter Selbstzweck.

Die sogenannte Menschwerdung ist nicht ein Ereignis am Menschen, am Individuum, sondern das Ergebnis eines Prozesses, der mit dem Beginn des Universums und dessen Eigenschaften untrennbar verbunden ist, wegen des nur-Sein-Könnens aus Gewordenem, bis hin jenseits allen Anfangs. Sie betrifft eine grundsätzliche, in der Wirklichkeit menschlichen Denkens unergründbare Frage nach dem Ursprung. Diese Frage wurde an verschiedenen Stellen der Beobachtung dieses Prozesses, der konkreten Vorstellbarkeit wegen, immer wieder bildlich auf den zeitlichen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Henne und Ei bezogen. Es ist die Frage nach dem „a priori“[1] hinter dem Vorhang der für uns ergründbaren Welt. Aus dem religiösen Glauben resultiert „Gott“ als Antwort, aus der Quantenphysik die „Möglichkeit“, wobei letztere mitunter zur „Wahrscheinlichkeit“ umgerechnet wird. Dazwischen regieren abwechselnd Spielformen dessen, was man auch als „intellektuellen Optimismus“[2] bezeichnete, weitere Arten mehr oder weniger politisch korrekter Überzeugtheit, des Glaubens also, immer jedoch – meist im Hintergrund als das Unbewusste – die „unbelehrbaren Lehrmeister“[3], unser Spontanverhalten, dirigiert aus dem tiefen Brunnen der Evolution.

In dieser dunklen Tiefe schlummert, döst- und träumt angeblich, auch das Gemeinsame, „Kollektive“[4]. Von dort drängt einsam ans Licht das Alleinige, Unteilbare[5]; im Licht seines Gewahrseins will es nur als Geist seine Kreatur genieβen, selbstvergessen seiner Herkunft als Teil des Gesamten, Gemeinsamen. Ans Licht will dieser Geist[6] als Geist Europas, einzig und alleinig für Alle wähnt er sich[7].

Wie die Spore eines primitiven Schleimpilzes[8] ist der individuelle Mensch die einzige Verwirklichung in diesem Prozess, die ihn in Gang halten kann. Der Mensch, Objekt der Menschwerdung, wird zum Subjekt, das er gleichzeitig ist und nicht ist: denn nichts in dem für ihn erkennbaren Universum sonst kann dies denken; aber allein lernt er dieses Denken nicht, nicht ohne Sprache, nicht ohne Kommunikation mit seinesgleichen, aufgezogen in ein Denk- und Vorstellungsgebäude, seine Heimat aus Vorbildern und Vorschriften.

Subjekt der ihrer selbst bewusst gewordenen Welt. Regieren aber tut sie der Geist dazwischen, er regiert die Welt. Die Physiker nennen ihn „die Eigenschaften der Materie, der Energie“, die Katholiken erkennen in ihm den „Heiligen Geist“, reduktionistische Forscher sehen nur „Kommunikation“ und „Interaktion“.

Das Geheimnis bleibt; es spann sich nach vorne entlang der Schöpfung, der Evolution, entdeckt sich jetzt zurück auf diesem Pfad als Erkenntnis, Forschung, Wissen, und bleibt doch Geheimnis. Ohne Menschen konnte kein Mensch zum Menschen werden, ohne Andere nicht sich selbst. Ohne Menschen aber wurde der erste Mensch Mensch, ohne Tier das erste Tier Tier, ohne Leben das erste Wesen lebendig, aus dem Nichts das All. Das einzig Verbleibende am Punkt des Beginns und davor ist eine theoretische Vorstellung von jenen Eigenschaften, die all dies Werdende bedingen, Eigenschaften, die zu existieren vermögen ohne All, ohne Null, ohne Davor.

So wird der Mensch – und ist doch nicht – selbst, wird dennoch selbst im Denken an das Werden, einsam, aber nicht allein, wieder verlustig seiner selbst in der Masse, Teil eines Ganzen und doch alleiniger Repräsentant dieses Gewahrseins in der Wirklichkeit.

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[1] Immanuel Kant, Der Kategorische Imperativ, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Kritik der praktischen Vernunft.

[2] Jose Ortega y Gasset, Eine Interpretation der Weltgeschichte. Rund um Toynbee. Mueller Verlag Muenchen 1964, S.77.

[3] Konrad Lorenz, Die Rueckseite des Spiegels. DTV 1981 (Erstausgabe Piper 1973)

[4] C.G. Jung, Das Kollektive Unbewusste

[5] Das Unteilbare lat. “Individuum”

[6] Goethe, zit. nach Ortega y Gasset, Eine Interpretation der Weltgeschichte, Rund um Toynbee. Mueller Verlag Muenchen 1964, S.82.

[7] Kritik am westlichen Universalismus

[8] Dictyostelium, Myxomycet.

Medien und Macht

Die Medien haben den Auftrag zur neutralen Berichterstattung. Vielfach werden sie diesem Auftrag auch gerecht und halten uns damit informiert über den aktuellen Stand der Ereignisse weltweit. Manchmal gehen Journalisten ein erhebliches persönliches Risiko ein, um uns über die Situation in Ländern zu benachrichtigen, Informationen, an die wir und oft auch die Politiker im Westen andernfalls nicht kämen, nicht einmal mit ihren Geheimdiensten. Am anderen Ende der Skala moderner Medien stehen allerdings Trends, die mit dem ursprünglichen Verständnis von Pressefreiheit nur noch schwer, wenn überhaupt, zu vereinbaren sind, dort, wo sie zu interpretativ, meinungsbildend und damit manipulativ zu werden droht, ein Trend, der mitunter nachgerade unschuldig einreiβt, aber auch einer, der mitunter offenherzig mit Macht betrieben wird.

Ein teil dieser Freiheit wird seit geraumer Zeit in gefährlichem Umfang missbraucht – mitunter vielleicht wieder nicht bewusst, darum aber nicht minder gefährlich, dann aber wieder in noch gefährlicherem Maβe verteidigt, und zwar auf die Weise eines Militärputsches: nur das Militär verfügt über ein Waffenarsenal; nur die Medien verfügen über die Mittel zur Meinungsverbreitung an Massen, und damit zur Manipulation.

Der Begriff der „Freiheit der Medien“ hat offenbar ermöglicht, dass sich stillschweigend ein Missbrauch eingeschlichen hat, nämlich jener der freien Meinungsäuβerung zwischen den Zeilen der Berichterstattung – und mittlerweile zwischen den einzelnen Berichten selbst. Das Recht auf freie Meinungsäuβerung für das Individuum wird dabei stillschweigend übertragen auf die Medien: dort geben Journalisten, Reporter, Moderatoren ihre individuelle Meinung zwischen den zu erstattenden Berichten bekannt. Die Methode wird langsam und leise eingeschlichen mit Hilfe von Interviews einzelner Bürger, deren Meinung für den Tatsachenbericht nicht relevant sind, die allenfalls eine Mehrheitsmeinung im Volk suggerieren. Die Medienvertreter schütteln mit gespielter Verständnislosigkeit den Kopf oder verfolgen den Meinungsträger in den Massenmedien, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass ein Unterschied zwischen der freien Meinung im Kopf eines Bürgers und der Meinung eines Journalisten im Fernsehen besteht, auch dann, wenn diese Meinung als „Kommentar“ bezeichnet wird. Der Eine genieβt seine Meinungsfreiheit, der Andere beeinflusst mit seiner Meinung Millionen.

Diese Verantwortung in vollem zu tragen und zu meistern, ist gewiss keine leichte Aufgabe, deshalb aber nicht weniger zwingend erforderlich. Zu oft wird ignoriert, oder verleugnet, dass diese Form der Informationsverbreitung manipulativ ist wie Werbung: was früher für die Print-Medien galt im Sinne von „sie glauben was sie lesen“, gilt nun im Fernsehen für Meinungsbildung im Halbschlaf am Sofa. Ist der Bürger selber Schuld, oder haben die Medien ihren Auftrag verfehlt?

Freiheit der Medien wurde aus bitterer Erfahrung in demokratische Systeme eingeführt, um zu verhindern, dass politische Agitatoren Massen manipulieren und politische Macht für Zwecke missbrauchen, die gegen die Interessen des Volkes sind. Nun haben die Medien die Macht, sich zu den Nachfolgern dieser Agitatoren zu werden, indem sie ihre Freiheit zur neutralen Berichterstattung missbrauchen, indem sie dem Volk ihre eigene Meinung vortragen, ihre politische Überzeugung, jene, von der sie meinen, alle anderen sollten sie teilen. Zum Beispiel: Mitte ist gut, Links ist schlecht, Rechts schlecht, Rechtsextrem ist extrem schlecht.

Dazu kommt noch eine weitere, noch besser verborgene Methode, nämlich jene der Verleumdung unter dem Deckmantel der Berichterstattung: demokratisch gewählte Politiker, Mobbing-Opfer jeglicher Provenienz, sie alle werden nach freier Auswahl durch mediale Nachrichtenverbreitung diskreditiert und verleumdet, indem mögliche, zweifelhafte Verdachtsmomente als Meldungen dargestellt verbreitet werden – Gerüchteküche also in der neuen Verbrämung der „Freien Presse“, der „Neutralen Berichterstattung“.

Niemand weiβ besser als die Medienvertreter selbst, dass der Bürger im Durchschnitt nur weiβ, was ihm die Medien vorsetzen. Das ist zunächst unschuldige Manipulation a priori, aber dennoch auf der Ebene der pre-selection-bias, derer sich verantwortungsvolle Medien bewusst sein müssen: ist diese Macht zur Auswahl mancher Berichte und gleichzeitigen Unterdrückung anderer Meldungen noch Gegenstand der „Neutralen Berichterstattung“? Darf „Pressefreiheit“ tatsächlich dahingehend interpretiert werden, dass Medienvertreter entscheiden, was der Bürger wissen, was er erfahren soll und was nicht?

Wer macht darauf aufmerksam, dass mit dieser Form der „Freien Presse“ nichts anderes geschieht als dass die Macht der Meinungsbildung und Manipulation von potentiell totalitären Politikern auf die Medien übertragen wird? Oder dass sich die Medien diese Macht selbst aus der ihnen übertragenen Freiheit titrieren können? Aus machtbrüllenden Diktatoren können dadurch fast unbemerkt leise, umso gefährlichere Meinungsmanipulatoren werden. Mit den oder gegen die regierenden Politiker(n) eines Landes sind dessen Bürger der Meinung, dass Trump schlecht und Clinton gut sei, oder umgekehrt, weil die Medien ihre Berichte dementsprechend mit Meinungen manipulativ durchsetzen. Rechtsgerichtete Politiker sind schlecht, regierende Politiker sind gut – und das ist dann neutrale Berichterstattung. Auch in einem demokratischen Land, in dem viele Bürger diese rechtsgerichtete Politik gewählt haben?

Wahlergebnisse sind das einzige Zeichen, das Bürger setzen können; sie signalisieren nun die Entfremdung zwischen Volk und Berichterstattung: Fällt das Wahlergebnis anders aus, als die Medien suggeriert haben, dann wir die Schuld daran lautstark an jene Politiker abgegeben, die man „Populisten“ schimpft, so, als verstünde kein Mensch mehr, was „Populismus“ ursprünglich bedeutet. Wenn nun aber Volk zu verstehen gibt, dass es lieber „Populisten“ folgt als manipulativen Medien? Erdogan setzt sich über seinen eigenen Rechtsstaat hinweg. Die Medien prangern an, verurteilen, verdammen – aber das Volk will Erdogan, das Volk protestiert nicht mehrheitlich. Medien gegen Erdogan. Medien – Partei gegen das Volk? Ist es die Aufgabe der Medien, das Volk wachzurütteln mit einer politischen Überzeugung gegen eine andere? Oder soll „Freie Presse“ nun bedeuten: Machtkampf zwischen Politik und Medien um die Voksmeinung: „wer manipuliert erfolgreicher“?

Was man an Ungarn beobachten kann: Freie Presse schuetzt nicht vor Autokratie. Orban foerdert die Linientreuen und treibt die anderen in den Ruin, legal. Nur Bildung, Erziehung schuetzen vor Usurpatoren der Macht. Fuer Opposition braucht man nicht „Freie Presse“ sondern Opposition! Die aber besteht aus Opponenten, also Menschen. Meint die „Freie Presse“, ihr Auftrag zur neutralen Berichterstattung sei gleichzusetzen dem Auftrag, mit den Nachrichten den Aufruf zur Opposition zu verbreiten? Autokratie ist auch nicht das Grundproblem, wie manche Monarchen der Geschichte gezeigt haben. Usurpatoren sind das Problem.

Wer also sägt hier aktiver am Ast, auf dem die Demokratie sitzt?

Sind die Medien neutrale Berichterstatter oder designierte Mahner im Interesse der Demokratie? Ich meine, es wäre eindeutig der Auftrag der Medien, neutral zu berichten, nicht aber, darüber zu wachen, ob sich das Volk so verhält, wie dies eine Gruppe von Meinungsträgern möchte.

Das Dilemma von Demokratie liegt nun offen zutage, nach Brexit, Wahlen in USA, Medien-geschürter Angst vor allen möglichen drohenden Gefahren ist klar, dass Massenmeinung als irrationales Ergebnis weitgehend unbekannter Mechanismen entsteht, dass sie aber auch manipuliert werden kann, intuitiv oder professionell: ist Demokratie, wenn die Mehrheit despotisch auf der Umsetzung der von ihr vertretenen Programme gegen die Minderheit besteht, oder ist Demokratie, wenn eine Minderheit medial gegen eine von ihr verachtete und vermeintlich irregeleitete Mehrheit wettert und aufwiegelt?

 

Die warnenden und mahnenden Medien kritisieren Akteure, nicht die Schwäche im System, an dem sie selbst usurpierender Teilhaber sind.

 

Politiker der Mitte, die es wagen, die vernünftigen Argumente rechtsgerichteter Politiker selbst umzusetzen, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, balancieren haarscharf am Rande der medialen Populismus-Schelte, setzen sich regelmäβig der Kritik aus, Abweichler vom Kurs der einzig tragbaren Politik zu sein. Herausragendes Beispiel hierfür sind die führenden CSU-Politiker Deutschlands und manche konservative Politiker Österreichs.

Murrende Bürger, die es wagen, diese Form von Medienmacht zu kritisieren, werden immer wieder von den Medien zu suspekten Rechtsradikalen stilisiert. Meinungsbildung im Volk basiert dann nicht auf Fakten sondern auf der Fakteninterpretation und -selektion durch die Medien, Selektion von aktuellen Nachrichten, Selektion von Teilnehmern an Talkshows und so fort.

Wie selbstverständlich führt sich damit dieses demokratische System ad absurdum, indem es Medien erlaubt, Freiheit zu missbrauchen, Mitmenschen in gespielter Gleichheit und Brüderlichkeit zu manipulieren und zu verleumden, das Ziel von „Freier Presse“ eigensüchtig zu verraten.

Wenn die Medien ihre Macht missbrauchen, indem sie dem Bürger einhämmern, was man unter Demokratie, unter Freiheit, unter „richtig“ und „falsch“ zu verstehen habe, dann verfehlen sie ihren Auftrag.

Denn es wäre Aufgabe von Politikern, Philosophen, Autoren aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten, die Menschen zum Nachdenken darüber anzuregen, mit welchen neuen Mitteln und Wegen Missbrauch, Nepotismus, Massenmanipulation verhindert werden können, auf welche Weise Demokratie von ihrer gefährlichen Schwäche befreit werden kann, nämlich der Entstehung von unsinnigen Zufallsergebnissen. Die Medien dürfen darüber berichten, nachdenken darf der Bürger selbst, ohne mediale Manipulationsversuche. Journalisten dürfen ohnehin Bücher schreiben. Aber es sollte nicht erlaubt bleiben, dass sie in Massenmedien Meinung manipulieren.

Meinungsfreiheit, damit wäre ursprünglich gemeint gewesen, dass jeder Bürger der Meinung sein darf, dass die gegenwärtige Form von Demokratie mit ihren ungeliebten, unverstandenen und völkerspaltenden Zufallsergebnissen nicht die beste aller möglichen Regierungsformen sein muss, dass auch Justiz fehlbar, politisch manipuliert und korrupt sein kann, dass also auch Rechtsstaatlichkeit baufällig ist, und dass Medien mit dem derzeitigen Umfang ihrer Freiheit in höchstem Maβe dem Risiko ausgesetzt sind, die Massen willkürlich und unkontrolliert zu manipulieren. Und all dies, ohne dass die Medien über eine solche individuelle Meinung herfallen und den Menschen hinter solchen Meinungen erdrücken oder sonstwie verlässlich vernichten dürfen.

 

Moderne Massenmedien: leider zu oft Ausdruck missinterpretierter, allenfalls unverstandener Freiheit, Freiheit statt Neutralität, Libertinismus statt Fairness. Wenigstens erschrecken sie noch ab und zu über ihre eigene Respektlosigkeit, zum Beispiel, wenn sie palavernd ex post erkennen, dass Satire doch nicht alles darf, und hoffentlich, indem sie im Spiegel ihres Kritisierens übergangener Menschenrechte erschrocken sehen, wie oft sie selbst Menschenwürde im Marktgeschrei der Sensations-News mit Füβen treten.

Trump Eleven Nine

Die Grünen Deutschen weisen besorgt darauf hin, dass an diesem deutschen Jahrestag des Mauerfalls ein amerikanischer Präsident gewählt wurde, der neue Mauern bauen wolle.

Der Super-Kapitalist gibt dem Sklavenaufstand gegen den unkontrollierten Kapitalismus und Welthandel eine Stimme und setzt sich selbst an seine Spitze. – Trump wird Präsident der USA. Die Zurückgelassenen, viele am Rande des Wohlstands, oder gar in der Gosse des reichen Westens vegetierend, viele davon arbeitslos, nochmehr bedroht von den technokratischen Visionen einer arbeitsfreien Welt der Industrieroboter, viele Mittelständler, die sich zurückgelassen sehen im zunehmenden „social divide“, sie alle sind damit gesammelt. Die Widerspruechlichkeit menschlichen Verhaltens erreicht einen neuen Höhepunkt. Dass Trump diese Massen so leicht verführen konnte, liegt auf der Hand: ein Sklavenaufstand braucht einen Gladiator, einen Spartakus. Dass die Zeit dafür reif war, dies zu ertasten hat er offensichtlich die Gabe. Er, der andere Sklaven in der Arena tötete, um selbst zu überleben, er, der vielleicht schon ein notorischer Genuss-Killer geworden ist aus unheilbarem Hass auf die zynischen und korrupten Politik-Arrivierten, wird nun Anführer der Sklaven. Sie vergeben ihm seine Morde, vergeben ihm alles, denn er hat ihnen Freiheit versprochen, Freiheit zur Rache.

This is not a victory, this is a movement”: so fasste es Trump selbst zusammen.

Eine Prophetenstimme unter den Auguren hatte die „Bewegung“ erkannt: „den Ausschlag bei der kommenden Wahl könnten Jene geben, die Trump heimlich wählen, obwohl sie dies niemals öffentlich einzugestehen wagten.“ Drei Prozent der Deutschen hätten Trump gewählt, aber die AfD erreichte zweistellige Prozentwerte, heimlich gewählt. Der Effekt der medialen Manipulation ist nun mal das eine, das andere die Folge eigener Erfahrung im eigenen Land.

Niemand soll zu behaupten wagen, es habe sich nicht angekündigt, amerikaweit, europaweit, weltweit: schlagartig gibt es nun Briten im Wind der Gegenwart, die gestern noch herb grinsend riefen „wer wird schon diesen Unsinn stammelnden Affen wählen“, und heute überzeugend formulieren, wie sehr sich in dieser Wahl der Drang des Volkes zu neuen Ufern ausdrücke, wie sich dies schon mit dem Brexit angekündigt habe. In der Tat hat der Brexit die Verwirklichung eines globalen Trends eingeläutet: die Briten aber, Hegemonialmacht bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts, hätten die Verantwortung zum Bemühen um globale Zusammenarbeit, und, die dafür notwendigen Opfer in den Vordergrund zu stellen, eine Verantwortung für eine tatsächliche Entwicklung der früheren Kolonien, nicht wieder eine verdeckte Ausbeutung. Stattdessen werden die Briten nationalistisch: wir, die Westmächte, wir, die Herren, die früheren Kolonialherren, haben weiterhin kein Interesse an romantischen Vorstellungen von Verantwortung zur Gemeinsamkeit in der Globalisierung. Globalisierung bedeutet globaler Markt, und den gedenken wir für uns zu nutzen, nur für uns. Da haben auch Fremde keinen Platz, auch keine fremd aussehenden Gesichter, auβer sie ordnen sich unter. Die Herren segelten noch einmal an mit ihren Kanonenbooten, auf den Falklands, 1982, als die Argentinier ihr altes Recht aus 1820 zu behaupten wagten – es war ihnen 1000 Menschenleben wert. Schluss mit gemimter Toleranz, mit vorgetäuschtem Glauben an Multikulturalität, mit vorgeschobenem Verantwortungsbewusstsein für die Entwicklung der ausgelaugten Kolonien, Schluss mit gequälten Zusagen zu Kompromissen im Interesse einer weltweit zusammenwachsenden Staatengemeinschaft. Wirtschaftskrieg? Who knows.

Und dennoch, vergessen wir nicht: Trump altert, Alter lässt an Vermächtnis denken, macht sentimental und nostalgisch, Alter macht milder. Dieser alternde Trump, der Kapitalist, der nun den Eindruck vermittelt, er habe nur mal gegen die Folgen des Kapitalismus poltern und den Verarmten aus dessen Folgen helfen wollen: fast zögernd betritt er die Bühne, leiser, so wie ratlos, sicher überrascht, vom nicht erwarteten Erfolg. Er wollte weiter Spartakus sein, weiter poltern gegen „das Establishment“, das ihn wohl stets als unangenehmen Nebeneffekt des Kapitalismus beiseitegeschoben und damit verletzt hatte. Erstmals sieht er nicht die Begeisterung seiner Anhänger, sondern den Hass in ihren Gesichtern, den Hass, jene Kraft, die ihn nun auf den Schild gehoben hat. Da steht nun ein alternder Trump, mit der Angst der Soldatenkaiser im Herzen. Ein Teil von ihm wollte, sein Schatten könnte nun dort auf der Bühne stehen, und er selbst könnte seine Ruhe haben.

Und noch etwas: da ist eine Anti-Brexit Kraft an ihm: Trump gab ein Signal, das kein Politiker seit 1989 laut und deutlich zu geben wagte: der Westen hat versäumt, als ersten Schritt nach dem Zusammenbruch der UdSSR den Russen die Tür zu öffnen und die Hand zu reichen, in jeglichem nur machbaren Umfang, eingedenk der Tatsache, dass Russland vor 1914 Europa war, dass der Kommunismus eine europäische Ideologie ist, dass die NATO eine fortgesetzte Drohgebaerde war und ist. Wenn Trump dies nun tatsächlich erfolgreich nachholt, wenn er es schafft dafür zu sorgen, dass Russland als Groβmacht anerkannt und damit befriedet wird, rehabilitiert nach der Erniedrigung, die von den USA genossen worden war, dann wird er der Welt einen groβen Dienst erwiesen haben.

Auch eine andere Art von Hass – und Langeweile – kam mit dieser „Bewegung“ an die Oberfläche: viele Verbitterte, Verärgerte, Enttäuschte schlieβen sich Spartakus an, diese kranke Welt zu zerschlagen, frustriert von einer zunehmend brutalisierten Welt, politisch verwaltet von einem Gemisch von professionell Deformierten, engstirnig Verbohrten, kleingeistigen Schreiern und skrupellos Korrupten in kranken Rechtsstaaten. Das Risiko dieses Experiments ist es ihnen wert, mit der Fortsetzung der bekannten zahnlosen Politik profilloser Verwalter als Platzhirsch-Könige ohne Land zu brechen. Auch Gelangweilte schlieβen sich an, die an nichts mehr glauben, wohlhabend bürgerlich kokonisiert, vermeintlich aus sicherer Distanz. Die Gräben in der amerikanischen Gesellschaft sind nicht „während des Wahlkampfes aufgetreten“, wie sich der deutsche Aussenminister heute äuβerte, sondern durch diesen Wahlkampf öffentlich geworden – vorhanden waren diese Gräben schon lange, soweit sie nicht schon immer die USA geprägt haben.

Am Ende seiner Sieger-Ansprache geht Trump durch die Reihen. Man spielt Musik: „You Can’t Always Get What You Want“, den Song der „Rolling Stones“. Ob das Absicht war? Die Stones haben umgehend protestiert. Clintons geben sich gefasst und verweisen auf die Bibel.

Die Menschenwelt bewegt sich weg von ihrer Globalisierung, zurück in ihre Nationen, bereit, den freien Kapitalismus zu zerschlagen, dem ein Teil dieser Menschen den Wohlstand verdankt, den jede Gruppe gleichzeitig für sich allein weiter gebrauchen zu können meint, den Kapitalismus, von dem die Zurückgelassenen endlich auch ihren Anteil zu bekommen hoffen, wenn sie den Palästen der Reichen Türen und Fenster eintreten. Es könnte widersprüchlicher nicht sein. Die Geschichte zeigt und lehrt, dass es bei zerschlagenem Glas nicht bleibt, dass Paläste in Flammen aufgehen und Schüsse fallen. Mahnungen von Alten, die so etwas überlebt haben, sind leise geworden, sehr leise. Jedoch: eigene Erfahrung und warnend erhobene Finger – das ist nun einmal zweierlei; auch das zeigt die Geschichte von uns Menschen, seit wir aufgewacht sind hinein in das Gewahrsein unserer Bewusstheit.

So rollt und ächzt und drückt und formt die Straβenwalze des Lebens weiter ihrer Geschichte entgegen: sie ist angetrieben von geheimen Kräften, den Eigenschaften der Materie, deren Herkunft wir nicht erkennen koennen. Die lebende Generation auf der Oberfläche der Walze muss immer wieder in der Überzeugung handeln, die prägende Kraft dieser Geschichte zu sein.

Vom Sprechen und Denken

Ein Kommentar zu „Sprachliche Indizien“ auf per5pektivenwechsel.wordpress.com

 

Wie immer beginnt alles mit, und hängt an, der Definition: und für kaum einen anderen Bereich ist dies bedeutsamer als für „Denken“: auch ohne die neurowissenschaftlichen Hintergründe genauer diskutieren zu müssen, stellen wir alle schon durch einfache Selbstbeobachtung fest, dass wir teilweise „verbal“ denken (manchmal sogar laut oder durch stilles Bewegen der Lippen), manchal jedoch „non-verbal“, wenn ein Ablauf derart selbstverständlich und geübt ist, dass der Gedankenlauf schneller ist als unser verbales Mitdenken dazu (im Sinne von: weiß ich schon, brauche ich nicht nochmal zur Gänze aussprechen…). Inwieweit wir das bewusst mitvollzogene, eigene, spontane gedankliche Reagieren noch als „Denken“, sozusagen als noch weiter darunter gelegenes Denken, bezeichnen wollen, ist eben Definitionssache; alle Vorgänge sind Hirnfunktionen – welche davon wir als „Denken“ benennen, rückt im Zuge der immer rascher zunehmenden neurowissenschaftlichen Erkenntnisse immer näher an babylonische Sprachverwirrung.

Zur Sprache erkenne ich eine „äußere“ Sprache, also das laute Sprechen, und eine „innere Sprache“, also jener Vorgang, der dem verbalen Denken gleichzusetzen ist. „Bewusstheit“ im Sinne von „Gewahrsein des eigenen Gewahrseins“ („only when I am aware that I am aware, am I aware“[i]) hängt wohl eng mit der sprachlichen Einordnung von Denkinhalten zusammen, aber hier kommen die Nebel des Geheimnisses über der Wahrheit auf – wir wissen nicht, was Bewusstsein ist (manche glauben nahe dran zu sein, aber dennoch), daher gibt es auch keine Ableitungen davon oder konkrete Verbindungen zu Sprache und Denken.

Mein zweiter Gedanke ist, dass „Sprache“ zunächst eine körperliche Reaktion ist (und wohl ursprünglich ausschließlich war), nämlich eine motorische: nur bewegen sich nicht mehr Beine, Arme, Hände, Finger, sondern Kehlkopf, Zunge, Gaumen und Lippen. So konnte z.B. aus brachialer eine verbale Auseinandersetzung werden.

Womit wir bei meinem dritten Gedanken wären, dort, wor sich die Spur in einem scheinbar – und wohl tatsächlich – unergründlichen Geheimnis verliert: „Sprache“ ist wohl, wie erwähnt, unzertrennlich, wenn auch auf unbekannte Weise, mit der Entwicklung von „Bewusstheit“ verbunden, demnach die Entwicklung der Bewusstheit in uns als Individuum – phylogenetisch und ontogenetisch. „Sprache“ ist aber auch, ebenso „primär“ wie für die Bewusstheit, Voraussetzung für die Kommunikation: Sprache dient der Kommunikation, „ist“ Kommunikation (auch wenn sie an einzelnen Stellen als Urlaut einfach nur Ausdruck einer Reaktion ist, wie z.B. „aauuuhh“). Kommunikation jedoch ist einem „Sozialkontrakt“ unterworfen: es kam zu einer Vereinbarung, die hieß: hiermit nennen wir diesen Gegenstand einen „Baum“. Bevor dies geschehen war, konnte ich als Individuum nicht „Baum“ sagen, und auch jenen Gegenstand damit bezeichnen, den auch die anderen darunter verstehen.

Das Geheimnis beginnt nun bei der Ortung des Primates: was war zuerst? Ich kann nicht Baum sagen und bewusst verbal „Baum“ denken, ohne dass der Sozialkontrakt über die Kommunikation mit anderen entstanden wäre. Der Sozialkontrakt jedoch kann nicht ohne bewusste Denker entstanden sein, Wesen, die in der Lage sind, etwas in sich bewusst zu denken, was erst durch die Kommunikation mit anderen entstanden sein kann … eigentlich ist uns also eine logische Erklärung der Entstehungsgeschichte nicht möglich. Wahrscheinlich handelt es sich um einen „fuzzy“ verwurschtelten millionenfach verworrenen und verwickelten phylogenetischen Prozess des Dialogs zwischen beiden Instanzen, dem Individualgehirn und der …. ja was? Der Gemeinschaft? Dem, was „geistig“ zwischen den Individuen entstand, bzw. gleichzeitig in allen Gehirnen, die an der Gemeinschaft beteiligt waren?

Eines ist zumindest sicher, so meinen wir, nämlich, dass ein Nachdenken über den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken ohne Bewusstheit unmöglich sei – jedoch nur für einen Augenblick, bis dann nämlich, wenn uns ein Gedanke zu diesem Thema „einfällt“, den wir „Einfall“ nennen, weil wir nicht wissen, woher er plötzlich gekommen ist, aus welchem Nichts …. oder doch aus den tieferen Schichten unserer Hirntätigkeit, dort, wo etwas abläuft, von dem wir nicht sicher sind, ob wir es „denken“ nennen dürfen, schon allein deshalb, weil es ohne Sprache abgelaufen ist?

Am Ende tiefer Gedanken kehren wir letztlich immer doch wieder nur zu uns selbst zurück, wie in einer Spiegelung, oder in einem Zirkelschluss, dort, wo es dann heißt: zumindest weiß ich dieses eine, nämlich, dass ich nichts weiß. Damit fängt aber – welch ein Widerspruch – das Wissen an, und schafft sich, mühsam, im Laufe der Jahrtausende, eine halbwegs sichere Plattform, wie eine Brücke mit immer größer werdenden Aufbauten, die jedoch hinten und vorne im Nichts endet, weil wir nicht wissen, woher wir kommen, und wohin wir gehen. Kein Problem, vorausgesetzt wir haben „Wissen“ definiert. Was täten wir also nur ohne die Philosophie?

[i] MR Bennett, PMS Hacker, Philosophical Foundations of Neuroscience, Blackwell 2010

Einschulung zur Rückkehr

Zur Nahostpolitik des Westens

Ein Kommentar zum Artikel von B.Ulrich (Zeit-online 25.03.2016): Vom Rassismus zum Realismus

 

Endlich eine vernünftig tieffassende Stimme (endlich auch ungeschützte Kritik in freiem Fahrwasser betreffend die Position gegenüber Saudi-Arabien; Lob, obwohl in Ihrer Kritik die deutschen Lizenzen für die Herstellung deutscher Waffen in Saudi-Arabien nicht enthalten ist).

Und selbstverständlich nicht ohne weitere Kritikpunkte meinerseits – aber anders kann es zwischen Menschen aus offenbar biologischen Gründen (Jeder von uns ist aus unterschiedlichen Erfahrungen zusammengesetzt) nicht gehen, selbst dann, wenn sie einander den Respekt gegenseitigen Zuhörens erweisen:

Übereinstimmung am entscheidenden Punkt: dort, wo Sie darauf verweisen, dass unsere derzeitige Situation eine Quittung ist. Dies trifft zu bis hinein in die Tiefenpsychologie (wo der böse Sohn der Zeit, der ungeliebte, ausgegrenzte, durch die Hintertür hereinkommt mit Mord und Brand).  Meine Kritik an dieser Stelle ist, dass der Verweis fast höflich zurückhaltend bleibt, gibt es doch fast keinen der Diktatoren im Nahen Osten seit Ende des Zweiten Weltkriegs, der nicht vom Westen inthronisiert worden wäre, nicht nur den einen konkret Benannten.

Wenn Sie darauf hinweisen, dass „sie“ ja ohnehin schon bei uns wohnen, dann geschah dies ohne Querverweis darauf, dass kein europäisches Land die Integration dieser Immigranten gewollt oder sonstwie geschafft hätte, vor allem, dass jetzt die Öffentlichkeit mit der Nachricht konfrontiert wird, nunmehr würden die Neuen, die Flüchtlinge, umgehend umfassend integriert: denn wen wundert ein AfD-Erfolg angesichts derart entmündigender Verdummungsversuche? Man könnte hier den Gedankenfaden etwas weiterspinnen mit dem Hinweis darauf, dass die Briten diese Integration ihrer früheren Kolonialvölker noch am besten geschafft hätten. Ich sage dies aber nur, um dann darauf hinweisen zu können, dass dieser Anschein fatal trügt; dafür zwei Beispiele:

  1. Es gibt Städte wie z.B. Birmingham oder Leicester, in denen gerade mal noch die Hälfte der Bevölkerung britisch ist und indisch-stämmige Einwohner als zweitgrößte Gruppe mehr als ein Drittel ausmachen, stellenweise das öffentliche Leben prägen, so sehr, dass man sich daran erinnern muss, dass man nicht in einem besseren Viertel von New Delhi ist sondern in England.
  2. England war das erste Land in Europa, wo um die Forderung nach Scharia-Law öffentlich politisch gekämpft wurde – Integration?

 

Ja, sie wohnen schon bei uns, sagen Sie richtig. Aber: was Inder in Großbritannien können, werden auch Moslems in Deutschland tun: ich habe zu viele Briten indischer Abstammung getroffen (besonders auf Reisen zwischen UK und Indien [„I am from India, but I live in the UK; ah, you mean „the Britishers, those Britischers“ …] die mir mit gelassenem Grinsen versicherten: wait another couple of generations, then we will take over that whole business of little Britain.

Die Forderungen werden lauter. Das Nachreichen von Familienmitgliedern nimmt zu.

England?

„ln Deutschland können Vorschriften der Scharia nach dem deutschen lnternationalen Privatrecht zur Anwendung kommen. Wenn ein in Deutschland lebender Ausländer vor Gericht zieht, dann bestimmt das lnternationale Privatrecht, welches Recht in seinem Fall anzuwenden ist.“  

(http://www.religionen-im-gespraech.de/thema/scharia-eine-gefahr-fuer-das-deutsche-recht/hintergrund/scharia-deutschland)

Ist das Integration?

 

Dies führt mich zum nächsten Kritikpunkt:

Freilich rufen Sie zurecht nachgerade dazu auf, dass es an uns ist, etwas zu tun, etwas zurechtzurücken in unseren Köpfen – aber was? Was genau, nicht nur bezogen auf die historische Schuld unserer Vorfahren und unser selbst, sondern für die Zukunft unserer Kinder?

Das Beste am Artikel von Precht und Welzer in der Zeit-Ausgabe vom 17.März war zu diesem Thema die Erwähnung der Neudeck-Idee betreffend die Adoption von Problemstaaten durch Länder des Westens. Denn damit wird an die Notwendigkeit erinnert, jetzt dringend nicht nur eine eigene europäische Nahost-Politik zu entwickeln, sondern konkrete Pläne zur Wiedergutmachung von Sünden der Kolonialmächte. Ich meine, dazu gehört zuallererst eine ernst gemeinte und durchgezogene Hilfe zur Selbsthilfe, endlich aufzuhören mit der Ausbeutung von Resourcen, endlich fair umzugehen mit den Menschen. Maßgeblich in diesem Zusammenhang wären markante, hörbare, sichtbare, spürbare Zeichen in den betreffenden Ländern. Dazu hat gestern der Präsident von Afghanistan mit seinem Interview für BBC einen entscheidenden Beitrag geleistet, eine Nachricht, die – so sonderbar es klingen mag – die Merkel’sche Willkommenskultur „mit Sofortintegration in die unbesetzten deutschen Arbeitsplätze“ nachgerade erneut beschämt als weiterhin kolonialistisch gedachte egozentrische Hintergedanken: Präsident Ghani sagt: was kann er der Attraktivität eines einladenden Deutschland entgegensetzen? Hunderttausende seines staatserhaltenden Mittelstandes laufen ihm davon, laufen einfach weg in dieses (mittlerweile zum Unwort unter den Rechtsgerichteten gewordenen) „better life“. Nur wirklich ernst gemeinte und dann auch wirklich ausgeführte Unterstützung von Ländern wie Afghanistan, Libyen, Algerien, etc. etc. für deren Entwicklung zu prosperierenden Staaten kann dieses Weglaufen ändern – nicht aber das Abdrainieren ihrer Eliten. Schon wieder, oder weiterhin, blüht also ein verdeckter Opportunismus unter dem Deckmantel des Samaritertums.  Auch dies müsste vordergründig kritisiert werden. Denn anders schaffen wir den Weg aus dieser Krise nicht auf friedlichem Wege. Sie schreiben ja: sie kommen ohnhin in jedem Fall. Die Frage ist: ob mit oder ohne Waffen (die dann noch dazu wie bisher jene wären, die wir ihnen verkauft haben). Dass wir mit zunehmender Prosperität in allen Entwicklungsländern eine erneut ansteigende freie Migration auslösen würden, ist klar, dann aber nicht mehr gefährlich. Bis dahin würden aber in jedem Fall noch einige Generationen über die Welt gehen.

Zum Merkel’schen Versuch einer Versöhnung mit den Muslimen – wie Sie schreiben – bleibt dennoch das von der Kanzlerin geschaffene Problem der mangelnden Aufklärung / Information ihrer mitdenkenden Bevölkerung: warum Asyl unlimitiert und samt sofortiger Integration anstatt Gastrecht (laut Asyl-Antragsformular Aufenthaltsrecht für 1-3 Jahre), warum nicht Gastrecht anstatt Integration? Warum nicht Reform des Asylrechts angesichts einer sich dramatisch ändernden Welt? Warum nicht frühere Intervention in den Camps von Jordanien und Libanon, warum nicht rechtzeitig dort direkte Unterstützung? Warum erst jetzt Milliarden für die Türkei? (siehe: „Spätnachlese zur Merkel- Doktrin: Wir schaffen was? Mit sechzehn Fragen an Frau Merkel und Anmerkungen zur Diskussion, auf wordpress).

 

Zusammenfassend sollte meiner Ansicht nach also gelten: Wenn schon Schulung von Flüchtlingen vorort, dann Einschulung zur Rückkehr für den Aufbau bzw. Umbau der eigenen Heimat (es ist auch nicht fair, wenn jetzt westliche Soldaten ihr Leben in und über Syrien riskieren sollen, während Syrer für ein besseres Leben nach Europa kommen). All unsere Vorfahren haben jene Freiheiten bitter erarbeiten und erkämpfen müssen, von denen jetzt Andere gratis profitieren wollen, bei uns. Nicht unsere Heimat müssen wir ihnen geben, sondern ihre eigene müssen sie endlich voll und ganz in Besitz nehmen dürfen, mit unserer uneigennützigen Unterstützung, die ob des erheblichen Aufwandes nicht ohne Opfer abgehen kann – doch: wenn die Zivilgesellschaft meint, wir seien ihnen Hilfe schuldig, stimmt sie nicht gleichzeitig zu, dass wir ihnen erst recht diese Hilfe zur vollen, gleichrangigen Eigenständigkeit schulden?

Jugend an die Macht? Welche?

Jugend an die Macht? Welche?

Jugend? Ja! Aber erst mal erziehen, dann erst Macht.

Kommentar zum Artikel in DIE ZEIT vom 17.03.2016 von RD Precht und H Welzer

Kann mir gut vorstellen, dass Sie dieser Tage von einer Lawine von Zuschriften aus den Reihen grantiger 68er (und +) überschüttet werden.

Aber jetzt im Ernst:

Viele „Alte“ (ich mag diese Form von Aufruf von einem 57-Jährigen) werden, entgegen dem hier projizierten Anschein, mit Ihnen übereistimmen, dass die Außen- und Entwicklungshilfepolitik Deutschlands die gegenwärtige Entwicklung mit billigend in Kauf genommen haben. Auch darin, dass es in der Geschichte „kein freiwilliges Zurück“ geben kann, werden Ihnen Viele zustimmen, auch viele Ängstliche, die trotz ihrer derzeitigen Angst solche Erkenntnisse aus ihrer Lebenserfahrung und ihrem erworbenen so genannten Wissen zu schöpfen imstande sind. Viele Alte werden Ihnen auch beipflichten, dass nach der jahrhundertelangen Ära von Kolonialismus und sonstiger Ausbeutung verschiedener Formen im Rahmen der unaufhaltsamen Globalisierung der „Wille zu teilen“ das nicht nur sichtbare sondern auch für alle Menschen spürbare Signal des Westens sein muss, soll es für unsere Nachkommen eine Zukunft im Frieden geben. Hervorragend ist in diesem Sinne die im Artikel als Neudeck’sches Konzept vorgestellte Idee der „Adoption“ von Entwicklungsländern, vorausgesetzt man schafft es, dem zu befürchtenden Drang zur Bevormundung vorzubeugen und damit dem Beigeschmack erneuten oder verdeckt fortgeführten Kolonisierungsversuches (siehe Weltbankkredite).

Sie loben die Offenheit der Jugend und strafen die ängstliche Besitzstandswahrung der Alten; gleichzeitig jedoch, wie Sie Offenheit bei der Migration verlangen, sehen Sie die Notwendigkeit der Begrenzung; sie widersprechen sich hier selbst, vetreten keine nachvollziehbare Logik: Sie kritisieren die Kritiker der Willkommenskultur, ohne deutlich einzuräumen, dass diese Kritiker das Dogma der Unbegrenztheit bzw. Unbegrenzbarkeit fürchten könnten, nicht aber jegliche Zuwanderung.

Was also soll die Macht der Jugend bewirken, die im Überschwang unbegrenzt immigrieren ließe, um sich nachher dafür kritisieren lassen zu müssen, dass sie nicht bedacht hat, was die Folgen unbegrenzter Immigration, unkontrollierter Migration insgesamt, sein müssen?

Zu Zielen und Gründen: Auch wer etwas erreichen will, braucht Gründe, um die anderen zu überzeugen, und auch die, die etwas verhindern wollen, haben Ziele, nur eben andere, aber dies nur am Rande, um zu betonen, dass Sie selbst den Weg der offenen, demokratischen Diskussion mitunter zu verlassen drohen. In diesem unmittelbaren Zusammenhang ist wichtig, auch Ihren Hinweis auf die alles übertönende Bedeutung der Erziehungspolitik zu würdigen; nur, Sie sehen selbst an Ihrer eigenen Reaktion auf vorangegangene Meinungen in der Presse, dass ein Haupterziehungsinhalt das Gewahrsein dafür werden müsste, dass wir Alle spontan zunächst Opfer unserer Überzeugtheit sind, eines Du-blinden Glaubens an diese subjektiven, aus der Überzeugung konstruierten Gebildes, das wir als unsere Wahrheiten erleben. Diese Überzeugtheit überwinden und die Anderen als tatsächlich gleichwertig und gleich wichtig anerkennen zu lernen, wäre ebenso bedeutsam wie neue Technologien zur Erlösung der Umwelt von unserer selbstzerstörerischen Ausbeuterei. Ich gestehe ein, dass diese Worte gleich wieder nach neuer Ideologie klingen. Aber was, frage ich Sie, was in dieser Menschenwelt gleitet nicht ab in den Reigen der Ideologien, um von Gegen-Ideologien bekämpft zu werden?

Ihr Artikel ist ein teilweise agressives Fanal gegen die ängstlichen Bewahrer ; was hingegen völlig fehlt, ist die Kritik, ja die Agression gegen die am schwersten wiegende Bedrohung: den ungebremsten Kapitalismus mit der Folge des beängstigend, ja bereits destabilisierend wirkenden „social divide“. Sie verwenden das Wort „idiotisch“: hierzu kann ich ergänzen: am idiotischesten ist das blinde Rennen des Westens in das eigene Verderben, dort, wo am Ende des verheißenen endlosen Wachstums den Superreichen die Käufer ausbleiben und Alle alles verlieren. Die Jungen müssten also auch lernen, dass die derzeit nachgerade dogmatisch vor Kritik geschützte liberale Demokratie aus der Sicht dieser wirtschaftlichen Irrlehre ewigen Wachstums nur „sozialer Wohlstand und Friede auf Pump“ ist, geliehen von den Banken, gestohlen von der billigen Dritten Welt, den ehemals alten Kulturen, denen, die vorübergehend Kolonien hießen und jetzt Entwicklungsländer.

Und vielleicht doch noch ein Wort der Hoffnung zum Ausbruch aus diesem Kreis der Geschichte hinaus in eine Zukunft ohne sofortige Endzeitdrohungen: Selbstverständlich sollte Nationalismus (mein Unwort in spe für das 21.Jh.) der Vergangenheit angehören, aber, bitte, zeigen Sie mir jene Jugendmassen, die für faire Globalisierung die Fahnen schwenken, denen Sie die Macht überantworten wollen – nicht einmal am Lehrstuhl für „social entrepreneurship“ an der Said Universtität in Oxford glaubt man an die eigene Fahnenaufschrift und hätte am liebsten das „social“ wieder weg. Die einzigen fahnenschwingenden Jungen, die ich aus der Gegenwart kenne, die auch Macht übernehmen wollen, sind einerseits die von Europa ausgewanderten, und neuerdings auch die wiedergekehrten [angeblich 400 von den 5000], IS-Kämpfer, andererseits die Rechtsradikalen – ich setze stillschweigend voraus, dass Sie keiner dieser beiden die Macht übergeben wollten – wem aber dann?

Wir kommen also um die Aufgabe der Erziehung als ersten Schritt nicht herum, ein Kernproblem in einer Welt, in der alle arbeiten gehen und die Kinder unterbezahlten Nannies und hilflosen Lehrern überlassen, die überarbeitet und überfordert mit einer Jugend zurechtkommen sollen, der man versichert hat, sie bräuchten vor den Alten keinen Respekt mehr zu haben (darauf sind sie auch selbst sehr schnell gekommen). Wie Sie sehen, tue ich mir richtig schwer, die Evolutionsspirale von Rupert Riedl in Gang zu bringen in der Zuversicht auf ein Ziel in der ferneren Zukunft, raus aus dem Kreis der Geschichte. Dies auf friedlichem Wege zu schaffen, ist eine fast unvorstellbar große Herausforderung. Aber die Geschichte zeigt ohnehin, dass „es“ geschieht, was auch immer die Macher zu bewirken hoffen und glauben.

Dennoch: die von Ihnen kritisierten Alten und Umkehrer in die alte Welt sind nicht nur bekämpfens- und bedauernswert, sie sind uns Warnruf, denn sie haben zumindest mit ihrer Angst recht: sie ist undefiniert, diese Angst, aber sie setzt sich zusammen aus der Sensation von gestern (Flüchtlingskrise) und der Sensation von heute (Terror in der Großstadt). Diese beiden sind einander bedrohlich nahe gerückt, denn dazwischen kommt noch eine dritte, immer weniger unsichtbare, Kraft dazu: Die Schattenwesen am Photo in Ihrem Artikel könnten ebenso von den Unruhen in England im Jahr 2011 stammen, oder denen aus den Pariser Vorstädten 2005, oder Tourcoing/ Bourgogne 2015, oder Brüssel Molenbeek. Man hat sie weggesperrt aus der Wohlstandsgesellschaft, aber sie kommen wieder, einige davon am Umweg über Irak und Syrien, als der „Böse Sohn der Zeit“ aus Freud’s Psychoanalyse ,wahrscheinlich von Schiller’s Räuber inspiriert, dem ungeliebten Sohn, der, verstoßen, durch die Hintertür zurückkommt mit zerstörerischer Energie.

Jugend? Ja! Aber erst mal erziehen, dann erst Macht.

Allerdings, hier droht sich erneut ein Kreis zu schließen, denn der Philosoph von Ihnen beiden wird uns eingestehen müssen, wie es Sokrates mit seinem Erziehungsmodell, und wie es Aristoteles mit seinem Staat unter Führung der Philosophen erging.

Letztlich werden wir also wohl doch zurückgeworfen auf die Erkenntnis von JBS Haldane:

„ … we can foretell little of the future save that the thing that has not been is the thing that shall be; that no beliefs, no values, no institutions are safe. …. The future will be no primrose path. It will have its own problems.“[i]

 

[i] JBS Haldane, Daedalus, or, Science and the Future. A Paper read to the Heretics. Vortrag in Cambridge am 04. Februar 1923. Siehe z.B.:

http://www.unife.it/letterefilosofia/lm.lingue/insegnamenti/letteratura-inglese-ii-lm-lingue/programma-desame-2011-2012/J.%20B.%20S.%20Haldane-%20Daedalus-%20or-%20Science%20and%20the%20Future-%201923.pdf/view