Vom Sprechen und Denken

Ein Kommentar zu „Sprachliche Indizien“ auf per5pektivenwechsel.wordpress.com

 

Wie immer beginnt alles mit, und hängt an, der Definition: und für kaum einen anderen Bereich ist dies bedeutsamer als für „Denken“: auch ohne die neurowissenschaftlichen Hintergründe genauer diskutieren zu müssen, stellen wir alle schon durch einfache Selbstbeobachtung fest, dass wir teilweise „verbal“ denken (manchmal sogar laut oder durch stilles Bewegen der Lippen), manchal jedoch „non-verbal“, wenn ein Ablauf derart selbstverständlich und geübt ist, dass der Gedankenlauf schneller ist als unser verbales Mitdenken dazu (im Sinne von: weiß ich schon, brauche ich nicht nochmal zur Gänze aussprechen…). Inwieweit wir das bewusst mitvollzogene, eigene, spontane gedankliche Reagieren noch als „Denken“, sozusagen als noch weiter darunter gelegenes Denken, bezeichnen wollen, ist eben Definitionssache; alle Vorgänge sind Hirnfunktionen – welche davon wir als „Denken“ benennen, rückt im Zuge der immer rascher zunehmenden neurowissenschaftlichen Erkenntnisse immer näher an babylonische Sprachverwirrung.

Zur Sprache erkenne ich eine „äußere“ Sprache, also das laute Sprechen, und eine „innere Sprache“, also jener Vorgang, der dem verbalen Denken gleichzusetzen ist. „Bewusstheit“ im Sinne von „Gewahrsein des eigenen Gewahrseins“ („only when I am aware that I am aware, am I aware“[i]) hängt wohl eng mit der sprachlichen Einordnung von Denkinhalten zusammen, aber hier kommen die Nebel des Geheimnisses über der Wahrheit auf – wir wissen nicht, was Bewusstsein ist (manche glauben nahe dran zu sein, aber dennoch), daher gibt es auch keine Ableitungen davon oder konkrete Verbindungen zu Sprache und Denken.

Mein zweiter Gedanke ist, dass „Sprache“ zunächst eine körperliche Reaktion ist (und wohl ursprünglich ausschließlich war), nämlich eine motorische: nur bewegen sich nicht mehr Beine, Arme, Hände, Finger, sondern Kehlkopf, Zunge, Gaumen und Lippen. So konnte z.B. aus brachialer eine verbale Auseinandersetzung werden.

Womit wir bei meinem dritten Gedanken wären, dort, wor sich die Spur in einem scheinbar – und wohl tatsächlich – unergründlichen Geheimnis verliert: „Sprache“ ist wohl, wie erwähnt, unzertrennlich, wenn auch auf unbekannte Weise, mit der Entwicklung von „Bewusstheit“ verbunden, demnach die Entwicklung der Bewusstheit in uns als Individuum – phylogenetisch und ontogenetisch. „Sprache“ ist aber auch, ebenso „primär“ wie für die Bewusstheit, Voraussetzung für die Kommunikation: Sprache dient der Kommunikation, „ist“ Kommunikation (auch wenn sie an einzelnen Stellen als Urlaut einfach nur Ausdruck einer Reaktion ist, wie z.B. „aauuuhh“). Kommunikation jedoch ist einem „Sozialkontrakt“ unterworfen: es kam zu einer Vereinbarung, die hieß: hiermit nennen wir diesen Gegenstand einen „Baum“. Bevor dies geschehen war, konnte ich als Individuum nicht „Baum“ sagen, und auch jenen Gegenstand damit bezeichnen, den auch die anderen darunter verstehen.

Das Geheimnis beginnt nun bei der Ortung des Primates: was war zuerst? Ich kann nicht Baum sagen und bewusst verbal „Baum“ denken, ohne dass der Sozialkontrakt über die Kommunikation mit anderen entstanden wäre. Der Sozialkontrakt jedoch kann nicht ohne bewusste Denker entstanden sein, Wesen, die in der Lage sind, etwas in sich bewusst zu denken, was erst durch die Kommunikation mit anderen entstanden sein kann … eigentlich ist uns also eine logische Erklärung der Entstehungsgeschichte nicht möglich. Wahrscheinlich handelt es sich um einen „fuzzy“ verwurschtelten millionenfach verworrenen und verwickelten phylogenetischen Prozess des Dialogs zwischen beiden Instanzen, dem Individualgehirn und der …. ja was? Der Gemeinschaft? Dem, was „geistig“ zwischen den Individuen entstand, bzw. gleichzeitig in allen Gehirnen, die an der Gemeinschaft beteiligt waren?

Eines ist zumindest sicher, so meinen wir, nämlich, dass ein Nachdenken über den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken ohne Bewusstheit unmöglich sei – jedoch nur für einen Augenblick, bis dann nämlich, wenn uns ein Gedanke zu diesem Thema „einfällt“, den wir „Einfall“ nennen, weil wir nicht wissen, woher er plötzlich gekommen ist, aus welchem Nichts …. oder doch aus den tieferen Schichten unserer Hirntätigkeit, dort, wo etwas abläuft, von dem wir nicht sicher sind, ob wir es „denken“ nennen dürfen, schon allein deshalb, weil es ohne Sprache abgelaufen ist?

Am Ende tiefer Gedanken kehren wir letztlich immer doch wieder nur zu uns selbst zurück, wie in einer Spiegelung, oder in einem Zirkelschluss, dort, wo es dann heißt: zumindest weiß ich dieses eine, nämlich, dass ich nichts weiß. Damit fängt aber – welch ein Widerspruch – das Wissen an, und schafft sich, mühsam, im Laufe der Jahrtausende, eine halbwegs sichere Plattform, wie eine Brücke mit immer größer werdenden Aufbauten, die jedoch hinten und vorne im Nichts endet, weil wir nicht wissen, woher wir kommen, und wohin wir gehen. Kein Problem, vorausgesetzt wir haben „Wissen“ definiert. Was täten wir also nur ohne die Philosophie?

[i] MR Bennett, PMS Hacker, Philosophical Foundations of Neuroscience, Blackwell 2010

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