Subsidiaritätsprinzip und Demokratie

Herkömmliche vs. Neue Subsidiarität

Als soziales Funktionsprinzip reicht es zurück bis zu den Anfängen der schriftlich dokumentierten Philosophie. In der europäischen Neuzeit wurde es vor allem zu einer sozialethischen Strategie der Calvinisten und auch der Katholischen Kirche (z.B. Enzyklika  „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 und „Quadragesimo Anno“ von Papst Pius XI. aus 1931).  Das „moderne“ Subsidiaritätsprinzip der politischen Philosophie des 19. Jahrhunderts ist ein Kind des Liberalismus: es zielte zunächst auf die Befreiung des Individuums von religiöser und staatlicher Dominanz und Bevormundung (mit der Ausnahme der gesetzlichen). Im Weiteren sollten jedoch – und darin lag das Interesse der Kirche – Gruppen und Vereinigungen, Gemeinden und Regionen, die Freiheit der weitgehenden Selbstverwaltung erhalten, insoweit sie nicht mit den Interessen anderer Gruppen kollidieren. Verordnungen und Vorschriften sollten also von der niedrigst-möglichen administrativen Ebene ergehen und dadurch weitreichende Autonomie erlauben. Damit begann das Zeitalter der säkularen wie auch konfessionellen gemeinnützigen Vereine, aber auch der Gewerkschaften. Der Staat sollte nicht mehr länger einen Selbstzweck darstellen, sondern das Volk als dessen Diener repräsentieren und sogar verpflichtet sein, untergeordneten Administrationsebenen im Fall der Hilfsbedürftigkeit zur Seite zu stehen. Auf der untersten Ebene dieses Systems steht das Individuum in seiner privaten Autonomie.

Bedauerlicherweise fehlt der Subsidiarität im wirklichen Leben auf jeder ihrer Ebenen die ethische Qualität des reziproken Altruismus: sie verfällt, wie der Liberalismus, dem Individualismus und dem Stammesdenken, jeglicher Form von Gang-Kultur. Das Subsidiaritätsprinzip tritt darüber hinaus, mehr oder weniger gleichzeitig mit der modernen Demokratie entstanden, mit ihr in Konkurrenz, denn Subsidiarität treibt ein demokratisches System in einen Konflikt zwischen der Regierung der Mehrheit einerseits und der Regel der Souveränität bzw. Autonomie von Interessensgruppen andererseits. Im Ergebnis agiert das Subsidiaritätsprinzip häufig als eine anarchische Kraft innerhalb der Demokratie. Initiativen nach diesem Prinzip verursachten und verstärkten die Polarisierung von Gesellschaftsgruppen und damit den Klassenkampf, wenn auch in bester Absicht, zum Beispiel durch die Forderung nach Rechten der Arbeiter-klasse. Letztlich also konkurrieren Demokratie und Subsidiarität einerseits mit-einander, während sie andererseits gemeinsam die Demokratie durch Polarisierung und Spaltung von Gesellschaftsgruppen in die Knie zwingen. Aus noch-mal anderer Sicht hält Subsidiarität den Niedergang der Demokratie auf, indem sie im Sinne der „Monitory Democracy“ und von Eigeninitiativen der Zivilgesellschaft wirkt, wie ich sie im Abschnitt „Demokratie überlebt nur, weil sie nicht funktioniert“ (S. 234) diskutierte. Außerdem muss man sich auch sehr davor hüten, dieser „Zivilgesellschaft“ unrecht zu tun. Denn eine Vielzahl von Eigen-initiativen aus dem Volk zeigt deutlich, dass dort mehr soziales Verantwortungsgefühl existiert und in die Tat umgesetzt wird, als dies der Mut ihrer Politiker zu dringend erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Umwelt vermuten ließe: Einzelne Bürger motivieren Massen zu Aktionen wie „Urlaub ohne Flugreise“.[1] Bürgerinitiativen appellieren für mehr direkte Demokratie vor allem auf regionaler Ebene, eine Bewegung, die mittlerweile bereits auf einer gemeinsamen internationalen Plattform tätig ist: „Democracy International“.[2]

Zweifellos verursacht Subsidiarität somit einen Konflikt vergleichbar mit jenem zwischen staatlicher Souveränität und Schutz der Menschenrechte, sobald die Frage auftritt, ab wann höhere Ebenen gegen Tätigkeiten autonomer Gruppen einschreiten sollen. 

Subsidiarität und Demokratie sind einander also gleichzeitig Freund und Feind, Ergänzung und Konkurrenz.

Subsidiarität muss also „sozial“ werden: um für eine künftige Gesellschaft als zusätzlicher Wert oder Nutzen auf Dauer friedensbildend sein zu können, müsste eine „Neue Subsidiarität“ die Ethik des reziproken Altruismus als das höhere Gut über Autonomie praktizieren, und auch ordnende Hierarchie akzeptieren. Die Chaos- und Anarchie-erzeugende Eigenschaft der Subsidiarität wird am Beispiel von Katastrophenereignissen besonders deutlich, wenn zahllose NGOs einander konkurrieren – alle in bester Absicht, aber eben unkoordiniert. Dasselbe gilt für viele gemeinnützige aber private Initiativen, die nach dem Subsidiaritätsprinzip wirken, aber die für den gleichen Bereich verantwortlichen staatlichen Institutionen ignorieren oder gar konkurrenzieren; einige davon arbeiten sogar illegal, wie zum Beispiel politisch aktive konfessionelle Vereinigungen unter dem Deckmantel gemeinnütziger Vereine. Eine koordinierende Autorität ist also auch bei allem guten Willen unverzichtbar, eine, die das Prinzip der minimalen Interferenz, der Entscheidungen auf der niedrigst-möglichen Ebene in fairer Weise wahrt. Weist man jedoch auf den ethischen Unterbau aller Entscheidungen, das Handeln auf der Basis von Äquivalenz und reziprokem Altruismus, so lösen sich darauf sämtliche derartige Konflikte und Spannungen von selbst auf; Voraussetzung dafür ist allerdings auch die Akzeptanz des evidenzbasierten Handelns, ohne das eine faire Hierarchie der Subsidiaritätsebenen nicht erzielbar wäre.[3]


[1] https://www.greencity.de/2019-mach-ich-urlaub-ohne-flugzeug/ abgefragt am 30.05.2019.

[2] Democracy International, https://www.democracy-international.org

abgefragt am 14.06.2019

[3] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020, S. 305ff.

Aus der negativen Freiheit von Unterdrückung in die positive Freiheit zur Selbstbeschränkung

Es geht mir hier vor allem um die Aufklärung einer seit Jahrhunderten falsch eingefädelten politischen Reaktion auf asoziales Verhalten des menschlichen Individuums. Die Kette der Re-Interpretationen seit Aristoteles ist lang: er hatte sich von der Ideenlehre Platons ab- und dem wirklichen menschlichen Dasein zugewandt. Machiavelli griff diesen Lösungsansatz in seinem „Principe“ mit dem Hinweis auf, dass man die Dinge so sehen müsse, „wie sie sind“, und nicht „wie sie sein sollen“.[1] Dies galt auch für das menschliche Streben nach Freiheit und Glückseligkeit: das belebende  Wiedererstarken dieses Bestrebens in der Renaissance, verbunden mit der Befreiung aus der religiösen Umklammerung und Bevormundung, resultierte schrittweise in ein Verfallen aus der einen in die andere Unmündigkeit, nämlich aus der religiösen Bevormundung zunächst in eine durch die absolutistische weltliche Macht, und nach deren Abschüttelung in eine Hörigkeit gegenüber den individuellen Wünschen und körperlichen Bedürfnissen: Freiheit als Inbegriff des revolutionären Traumzieles wurde missverstanden als Freiheit des Individuums von den gesellschaftlichen Zwängen, der Gemeinschaft, ihrer Kultur, also negative Freiheit. Liberale Demokratie repräsentiert somit das schrittweise Nachgeben einer egozentrischen  Tendenz der Individuen, in der sie sich alle einig sind, der sie gemeinsam verfallen, im Sinne eines Sozial-Hedonismus.

Wenn hier von Erneuerung die Rede sein soll, dann nicht von einer Rückkehr zu einer Ideenlehre, einer Ideologie von einem „Soll-Menschen“. Vielmehr will ich auf die vermeidbar selbstzerstörerischen Eigenschaften des Menschen hinweisen: auch sie sind „Dinge, wie sie sind“, allerdings Dinge, wie sie besser nicht sein sollten, weil eben asoziale Verhaltenseigenschaften des Individuums diesem selbst und seiner Gemeinschaft Schaden zufügen können.

Kant beschrieb mit seinem Aufruf zur Aufklärung [2] – fünf Jahre vor Beginn der Französischen Revolution – dass die Volksmassen mit ihrer Befreiung nun auch Gefahr laufen, aus einer Unmündigkeit in die nächste zu verfallen, z.B. verführt von neuen Machthabern oder anderen Verführern im Interesse gegen das Gemeinwohl. Daher beschwor er seine Mitmenschen, zu bedenken, dass wahre Freiheit, Mündigkeit, nur aus der Erkenntnis resultieren könne, dass nur freiwillige Selbstbeschränkung mit dem Ergebnis eines sozial kompatiblen Verhaltens als wahre Freiheit gelten könne.

In einigen weiteren Schritten geschah dann alles Erdenkliche teils gleichzeitig teils hintereinander: Rückkehr zum Absolutismus (Restitution und Pentarchie nach dem Wiener Kongress), radikale Volksherrschaft der armen Massen, ihrerseits wieder verführt in eine Despotie (Kommunismus), gemäßigte Volksherrschaft der Armen im Verbund mit der Bürgerschaft (Sozialismus), Nationalismus und Weltenbrand, gegenseitige und Selbstzerfleischung im Kampf der Nationen und Ideologien  … Ausströmen in eine sich zunehmend verhärtende Front individualistischer Systeme mit unterschiedlicher Ausprägung von Demokratie einerseits, gegen kollektivistische Systeme mit absolutistischer Machtstruktur andererseits.

In der von mir angesprochenen Erneuerung sollen alle Individuen durch ihre Erziehung mündig werden, sollen erkennen, durch Erfahrung und Belehrung einsehen, dass sie soziale Wesen sind, die voneinander abhängen und nur miteinander in Frieden, Freiheit und Wohlbefinden leben können,[3] sollen einsehen, dass sich Verzicht auf Befriedigung individueller Wünsche auf der einen Seite bezahlt macht, weil Andere einem dieselbe Zurückhaltung entgegenbringen, und nicht nur das, auch Verständnis, Respekt und sogar Hilfe in Phasen der Bedürftigkeit. Diese Einsicht ist es, die krankhaftem Individualismus und Hedonismus Grenzen setzt, die aber auch Gewaltherrschaft durch Autokraten oder Gesetze weitgehend überflüssig machen, weil die individuelle Einsicht zum Gesetz in den Individuen geworden ist, weitgehend entsprechend Kants kategorischem Imperativ.

Ein Aspekt der Erneuerung besteht auch darin, einzusehen, dass diese Moral als Ausdruck gegenseitiger Rücksichtnahme kein Naturgesetz ist, (Siehe Kants  Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir [4]) sondern Ergebnis von Kultur, von Erziehung und Hineinwachsen in eine solche Kultur.

Das Grundprinzip der Erneuerung besteht jedoch darin, dass sich die kulturelle Entwicklung umkehrt, weg von einem Hineinerziehen in eine Ideologie (Platons Ideenlehre, Netzwerk von Gesetzen als Negativabdruck des Soll-Menschen), hin zu einer Kultur, in der die Individuen durch Einsicht zu Repräsentanten eines sozialen Systems werden, eines, das existiert, weil die Menschen es in ihrer Mündigkeit verkörpern. Die jeweils neue Generation soll also nicht durch erzieherisches Überstülpen eines Formengerüsts von Erwartungen in die Gemeinschaft hineinwachsen. Insofern stimme ich mit Montesquieus Überzeugung überein, wo er die Demokratie mit dem Prinzip „Tugend“ in Verbindung bringt, wie V. Pesch unter Hinweis auf Montesquieus 19. Buch des „Esprit des Lois“ schreibt: „Darin geht es um die spezifische „Geisteshaltung“ eines jeden Volkes und die Notwendigkeit, die politische Ordnung auf diese Geisteshaltung hin auszurichten und nicht umgekehrt zu glauben, man könne Menschen durch Erziehung in eine auf dem Reißbrett entworfene politische Ordnung einpassen“,[5] also einen „Soll-Menschen“ erziehen, der in das System passt.  Vielmehr soll der Mensch dies erreichen durch Verständnis der Dinge, wie sie sind, Einsicht darein, wie der Mensch kraft seiner biologischen Evolution heute ist und wie er vermeiden kann, die asozialen Verhaltensanteile davon selbst zu bändigen.

Autonomie nach Kant besteht darin, dass Jeder „sich selbst und alle andere[n) niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst behandeln“ soll ––  Autonomie  als „Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur“ ist die Freiheit eines jeden „sofern sie mit jedes anderen Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann“ – [6]    —  das entspricht exakt meiner Feststellung des sich Eingebens in die Gesellschaft zur Hälfte im Sinne reziproken Altruismus‘ und der „Goldenen Regel“ religiöser und säkularer Ethik-Systeme. Die „Gleichursprünglichkeit“ von Volkssouveränität und Freiheit, wie Habermas sie vertrat,[7] kann demnach nur in einer Gemeinschaft mündiger Bürger existieren. Denn Freiheit des Individuums ist jener Anteil, zu dem es nicht Teil der Gemeinschaft ist, ursprünglich abhängig, eingenistet und eingebunden. Die Einsicht Aller in diesen Umstand erbringt Allen jene Freiheit, die man einander gewährt, jene Hälfte, zu der man sich nicht in die Gemeinschaft einbringt, sondern individuell souverän ist. Erst die Gesamtheit dieser individuellen Souveränität ergibt die Volkssouveränität, eine Souveränität, in der es keine Herrscher mehr gibt sondern nur noch ein Netzwerk von Teilsouveränitäten und Teilabhängigkeiten in einander zugestandener Würde und einander entgegengebrachter Empathie, auch eingedenk deren Nützlichkeit – eben von reziprokem Altruismus.[8]


[1] Niccolò Machiavelli, Il Principe, XV, zit. von R. Speth in Niccolò Machiavelli, in P. Massing, G. Breit, H. Buchstein Hrsg., Demokratie-Theorien, Wochenschau Verlag 2017, S. 88.

[2] Immanuel Kant, Was ist Aufklärung?, Berlin. Monatsschr., 1784, 2, S. 481–494

[3] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

[4] Immanuel Kant, Kritik der Praktischen Vernunft, Zweiter Teil, Methodenlehre der Praktischen Vernunft, Beschluss (AA163), S.903, Anaconda Verlag Köln 2015.

[5] V. Pesch, Charles de Montesquieu,  in P. Massing, G. Breit, H. Buchstein Hrsg., Demokratie-Theorien, Wochenschau Verlag 2017, S. 121f.

[6] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Werkausgabe in zwölf Bänden… Bd. 7, Suhrkamp 1968, S. 66,   zit. in J. Habermas, Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte, in: J. Habermas, Zur Verfassung Europas, Suhrkamp 2011, S. 29.

[7] J. Habermas, zit. bei H. Buchstein in P. Massing, G. Breit, H. Buchstein Hrsg., Demokratie-Theorien, Wochenschau Verlag 2017, S. 320.

[8] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020, S. 271ff.

Gleichheit, Menschenwürde und Menschenrechte bei Jürgen Habermas

Dazu kann man zunächst bedenken, dass es „Würde“ an sich nicht gibt außer in der Beziehung zwischen Menschen. Aus demselben Grund kann es auch kein Naturrecht im Sinne von John Locke auf Leben und Freiheit geben, sondern nur einen Anspruch als Folge der Entwicklung menschlicher Gemeinschaften, deren Individuen sich kraft ihrer Erkenntnisfähigkeiten von einem rein instinktiven Leben gelöst hatten. In diesem Milieu entwickelten sich Wille und Absicht zur Kontrolle von Instinkten wie auch der daraus erwachsenden Sozialhierarchie, Umgangsformen zur Wahrung der Würde der Mitglieder einer Gruppe. Wille und Absicht unterliegen dabei einer historischen Entwicklung bis in unsere Tage: Habermas spricht von Menschenwürde in unserem heutigen Verständnis als der „paradoxen Verallgemeinerung eines Begriffs, der ursprünglich nicht auf eine gleichmäßige Anerkennung der Würde eines jeden, sondern auf Statusdifferenzen zugeschnitten war“.[1] An dieser bis heute im Alltag sichtbaren Differenz der „Würde“ verschiedener Personen und Gruppen entlarvt sich von selbst das bis heute gültige Gemisch von evolutionär in Jahrmillionen ausgebildeter Sozialhierarchie und diesem Willen, die Einzigartigkeit und damit die Würde jedes einzelnen Menschen zu respektieren. Im europäischen Kulturkreis entstand das Verständnis von Menschenwürde vor allem aus der jüdisch-christlichen Überlieferung, in der „Jeder … als unvertretbare und unverwechselbare Person vor dem Jüngsten Gericht [erscheint]“.[2] Das Recht, das Menschenrecht auf diese gleiche Würde Aller, musste in Revolutionen erkämpft werden, um heute wenigstens theoretisch in demokratischen Rechtsstaaten beansprucht und eingefordert werden zu können. „Die Berufung auf Menschenrechte “, schreibt Habermas, „zehrt von der Empörung der Beleidigten über die Verletzung ihrer menschlichen Würde“.[3] Und weiter: „ … und zu Bewusstsein gebracht haben, was den Menschenrechten implizit von Anbeginn eingeschrieben war – nämlich jene normative Substanz der gleichen Menschenwürde eines jeden, welche die Menschenrechte gewissermaßen ausbuchstabieren“.[4] Und schließlich: „Die Gewährleistung dieser Menschenrechte erzeugt erst den Status von Bürgern, die als Subjekte gleicher Rechte einen Anspruch darauf haben, in ihrer menschlichen Würde respektiert zu werden“.[5]

Diese Aussagen verdeutlichen die Diskrepanz zwischen einer klaren philosophischen Darlegung des theoretischen Konzepts einer demokratischen Gesellschaft und der alltäglichen und grundsätzlichen politischen Wirklichkeit: Eine Verwechslung von biologischer Ungleichheit mit sozialer Gleichwertigkeit aus moralischen Gründen wurde politisch billigend in Kauf genommen, indem man zuerst von „Bürgerrechten“ im Staat sprach, ohne auf deren Ursprung hinzu-weisen, nämlich die Würde aller Einzelnen als einzigartigen Menschen, im Gegensatz zum herkömmlichen Konstrukt von „Würde“ als Ausdruck einer Machtposition in der Sozialhierarchie. Hinter dem politischen Slogan von „Gleichheit“ bleibt das Faktum unüberwindlicher „natürlicher“ Ungleichheiten verborgen [6] und gaukelt den Menschen vor, nunmehr automatisch gleich mächtig zu sein. Nicht „Gleichheit“ an sich, sondern „Gleichwertigkeit“ an Würde hatten die Menschen aber gefühlsmäßig im Sinn, als sie als Revolutionäre ihre Würdenträger stürzten.

Zu der Art und Weise, wie man zu einer „Statusordnung von Staatsbürgern“ in reziprokem Altruismus gelangen könnte, schreibt Habermas: „Der Übergang von der Vernunftmoral zum Vernunftrecht verlangt einen Wechsel von den symmetrisch verschränkten Perspektiven der Achtung und Wertschätzung der Autonomie des jeweils Anderen zu den Ansprüchen auf Anerkennung und Wertschätzung der jeweils eigenen Autonomie vonseiten des Anderen“.[7] Außerdem steht in der neuen, demokratischen Staatsordnung der Einzelne sogar mit einem Rechtsanspruch vor allen Anderen: „Der Begriff der Menschenwürde überträgt den Gehalt einer Moral der gleichen Achtung für jeden auf die Statusordnung von Staatsbürgern, die ihre Selbstachtung daraus schöpfen, dass sie von allen anderen Bürgern als Subjekte gleicher einklagbarer Rechte anerkannt werden“.[8] 

„Die Menschenrechte“, schreibt Habermas, „bilden insofern eine realistische Utopie, als sie nicht länger die sozialutopisch ausgemalten Bilder eines kollektiven Glücks vorgaukeln, sondern das ideale Ziel einer gerechten Gesellschaft in den Institutionen der Verfassungsstaaten selbst verankern“.[9]  


[1]  J. Habermas, Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte, in: J. Habermas, Zur Verfassung Europas, Suhrkamp 2011, S. 24.

[2] ebd, S. 28.

[3] ebd, S. 16.

[4] ebd, S. 17.

[5] ebd, S. 21.

[6] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

[7] [7]  J. Habermas, Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte, in: J. Habermas, Zur Verfassung Europas, Suhrkamp 2011, S. 25.

[8] ebd, S. 26.

[9] ebd, S. 33.

Das Ende der alten Welt

Diese Welt zeigt, dass es mit ihr zu Ende geht. Die Menschen erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie fühlen, dass ein Sturm von Wandel aufkommt. Manche suchen ein Versteck, Andere Ablenkung im Weitermachen wie bisher. Wieder Andere sehen darin ihre Chance, jetzt loszuschlagen und aus der Verunsicherung der Anderen das große Los für sich zu ziehen. Sturm kommt auf. Propheten haben ihn vorhergesagt. Aber was haben diese Propheten gesehen, was haben sie beschrieben? Haben sie die Lösung aus dem Dilemma beschrieben, oder die Ausweglosigkeit? Oder waren sie gar keine Propheten, sondern Erkennende, die warnen wollten vor einem drohenden Ende ihrer zu Ende gedachten Welt? Ändert euch, oder ihr werdet untergehen? Geht in euch, dort findet ihr die Lösung dieses Rätsels? Warnung, nicht Prophetie? Endzeit für die alte Welt nur, nicht Ende, wenn die Neue beginnt, bevor die alte zu Ende.

Die Natur hat einen Webfehler in sich entdeckt. Sie hat den Menschen hervor-gebracht, damit er ihr diesen Webfehler ausgleiche. Der Mensch sollte die Fähigkeit bekommen, den Weg der Natur durch die Zeit nachzuzeichnen und über ihr Ziel nachzudenken. Darüber sollte er den Webfehler entdecken und verstehen, dass, wollte er überleben, dies nur gelingen kann, wenn er diesen Webfehler ausgleicht. Der Mensch sollte erkennen können, dass er selbst der Ausdruck dieses Webfehlers der Natur ist, der leibhaftige Repräsentant dieses Fehlers in der wirklichen Welt. Er sollte aber auch die Fähigkeit erhalten, einen Ausweg zu finden, die Lösung des Rätsels. Er würde also in der Welt stehen, als Webfehler, der sich selbst reparieren könnte, wenn, ja wenn er sich denn ans Werk machte.

Der Mensch ist der Repräsentant einer zur Selbstbewusstheit verwirklichten Evolution.

Irgendwann müssen die Gene „erkannt haben“, dass sie mit der Methode, auf Kosten der Anderen zu überleben,[1] am Ende nicht überleben werden, wenn der letzte, das letzte Lebewesen, allein dasteht [2] – das könnte nur eine Pflanze sein, kein Tier, das von Tier oder Pflanze lebt.

Stehen zwei Menschen einander gegenüber, die wissen, dass beide sterben, wenn sie nuklear losschlagen, was werden sie tun?

Nur der Mensch erkennt, der Mensch repräsentiert, der Mensch ist diese Erkenntnis der Gene der tierischen Lebewesen: wenn “Überleben auf Kosten der Anderen“ das Überlebensprinzip der Gene schlechthin ist, dann kommt der Punkt, an dem der Siegerpool vor dem Nichts steht, der letzte Überlebende, denn er kann von nichts mehr leben. Diese Erkenntnis muss das Resultat des Erkenntnisprozesses der Gene im Laufe der Evolution geworden sein: dass ihre Strategie letztlich zur Selbstvernichtung führen muss. Also bedurfte es der Erfindung eines Auswegs: er besteht darin, dass die Evolution sich mit ihrer Erkenntnis einrollte, um sich spiegeln zu können, um diese Erkenntnis auf einen Spiegel projizieren zu können, als Selbsterkenntnis ihrer Erkenntnis. Diese Selbsterkenntnis ist verwirklicht im Bewusstsein, in der Selbst-Bewusstheit des menschlichen Denkens: in diesem Denken rollt sich die im Laufe der Evolution gemachte Erfahrung aus, wird zurückverfolgt bis zu ihren Anfängen und dem Beginn des Universums, und von dort zurück herauf bis in die Gegenwart, dort, wo dieses Denken vor der Frage steht: was nun?

Diese Frage darf natürlich nicht erst gestellt werden, wenn der letzte Genpool sich alleine auf der Welt stehen sieht, denn das ist die Zeit kurz vor dem Ende.

Die Antwort muss also spätestens im vorletzten Moment gefunden werden: sie wird gesucht in und zwischen den letzten beiden Überlebenden, die einander umstreifen mit der Überlegung, wie sie den anderen überwinden können, um als alleiniger Sieger übrigzubleiben. An dieser Stelle spielen zwei Informationen eine entscheidende Rolle: erstens: der atomare Radikalschlag scheidet aus, weil er die leicht erkennbare gleichzeitige Selbstvernichtung bedeutet. Es kann also nur auf dem Wege konventioneller Waffen gelingen. Zweitens: der Mensch lebt in Gedanken planend in der Zukunft, aufbauend aus seinen Erfahrungen, die seine Erinnerung füllen. Planend in die Zukunft schauend überlegen sich also diese beiden Letzten, die da einander gegenüberstehen: was käme als nächster Schritt, wenn ich den anderen besiegt haben würde? Spätestens jetzt erkennen also beide, dass sie mit der Überwindung des letzten Gegners sich selbst vernichten, weil es für einen Einzelnen keine Überlebensbasis mehr gibt.

Sie stehen also einander gegenüber und erkennen Jeder im Blick des Anderen diese Erkenntnis. Sie sehen einander an wie Kain den Abel und Abel den Kain. Sie verstehen den Wahn, an dessen Endpunkt sie beide diese Erkenntnis haben, eine, die Kain und Abel noch nicht hatten, die sie hätten haben können, die sie aber nicht hatten: gleich, wer wen von beiden tötet, du tötest dich damit letztlich selbst. Also erfüllen sie den Plan der Gene, nehmen den Ausweg aus dem Dilemma und schließen eine Allianz der Vernunft in Reziprozität. Die beiden Letzten können wir sein, die Menschen der Gegenwart: wir können zu den Gründern eines neuen Sozialsystems werden, das eine friedliche Welt der Regionen und Kulturen ordnet, globale Demokratie der Demokratien in Reziprozität.[3]

Vernunft besteht jetzt also darin, aus der Erkenntnis des Dilemmas der Gene, dass sie ihrer Selbstvernichtung entgegensteuern, (und zu ihrer eigenen Rettung den Menschen geschaffen haben, der sie davor retten soll), aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, dass Reziprozität Alle überleben lässt. Der Repräsentant dieser Vernunfterkenntnis in der wirklichen Welt ist der Mensch.

Die Natur, die Gene, haben erkannt, dass der Pflegetrieb als Garant der Sicherung des eigenen Fortbestehens in künftigen Generationen nicht ausreicht, weil die erwachsenen Individuen allesamt dem Prinzip des Überlebens auf Kosten der Anderen folgen, und damit am Ast sägen, auf dem der Genpool selbst sitzt. Der Pflegetrieb schützt Nachkommen und Familie, Clan, bestenfalls Nation. Doch schon die Nationen fressen sich selbst innerlich auf, indem Stämme dort gegen-einander, die einen auf Kosten der anderen, zu überleben suchen, Jeder in Hedonismus des Anderen Feind wird. Letztlich schließt sich der Kreis dort, wo die zwei letzten überlebenden Nationen, bzw. deren Repräsentanten, einander gegenüberstehen mit der Frage, ob jemand überleben wird. Jedenfalls scheint sich zu erweisen, dass im Überlebensfall die Entscheidung durch Umsetzen von Erkenntnis, geschöpft aus bewusster Denkkraft fällt, wie schon Lebon in der Überschau seiner Erfahrungen meinte.A81 

Auch eine weitere Erkenntnis weist den Weg: die Erkenntnis des Erkennen-könnens  und Beherrschenkönnens der eigenen blinden Überzeugtheit, von Verhaltensforscher Konrad Lorenz benannt als unsere „unbelehrbaren Lehrmeister“. Lorenz selbst entmutigt zwar zunächst, indem er meint: „Ganz offenbar müssen überwältigend starke Faktoren am Werke sein, die imstande sind, der individuellen Vernunft des Menschen die Führung so vollständig zu entreißen, und die außerdem völlig unfähig sind, daraus zu lernen”.[4] Unbelehrbar ist sie wohl, diese Überzeugtheit. Dazu kommt, dass jede neue Generation nicht willens ist zu glauben, dass die Folgen der eigenen Eigenschaften tatsächlich dorthin führen, wohin sie bereits frühere Generationen führte. Jede Generation glaubt, das läge an persönlichen Fehlern der Vorgenerationen, nicht an einem Systemproblem menschlichen Verhaltens. Dies bedeutet aber nicht, dass man sie nicht überlisten könnte. Ich meine jedenfalls, dass es nicht richtig ist zu behaupten, dass wir völlig unfähig wären, aus der Beobachtung unseres Verhaltens zu lernen, unser Verhalten zu ändern. Denn man kann sagen, dass wir den freien Willen hätten, entgegen drängender innerer Überzeugtheit zu entscheiden und zu handeln, wir sind also nicht unfähig, sondern allenfalls unwillig aus selbstzerstörerischer instinktiver Dummheit. Ich meine, dass auch in dieser Erkenntnisfähigkeit, ebenso wie angesichts des instinktiven eigenen Überlebenwollens auf Kosten der Anderen,  eine Überlebenschance für die Art „Homo sapiens“ liegt, zusammen mit der Erkenntnis, dass in dieser unbelehrbaren Überzeugtheit ein fataler Fehler der Evolution liegt, eine Erkenntnis, mittels derer sich die Evolution mit Hilfe des durch sie entstandenen Menschen selbst heilen könnte, eine Erkenntnis, die um Jahrtausende älter ist als die Biologie. Denn es nützt uns nicht zu erkennen, dass „Alle diese erstaunlichen Widersprüche … eine zwanglose Erklärung [finden] und sich lückenlos einordnen [lassen], sowie man sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat, dass das soziale Verhalten des Menschen keineswegs ausschließlich von Verstand und kultureller Tradition diktiert wird, sondern immer noch allen jenen Gesetzlichkeiten gehorcht, die in allem phylogenetisch entstandenen instinktiven Verhalten obwalten, Gesetzlichkeiten, die wir aus dem Studium tierischen Verhaltens recht gut kennen,”[5]  nicht, solange wir daraus die Konsequenz nicht ziehen, mit deren Hilfe wir uns selbst am Schopf packen und retten.


[1] Richard Dawkins, The Selfish Gene, Oxford Univ. Press 2006 (1976)

[2] Elias Canetti hat das Phänomen als paranoische Machtkrankheit beschrieben (Masse und Macht, Claassen 1960).

[3] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

[4] K. Lorenz, Das sogenannte Böse.  DTV 2010 (1963), S.223

[5] K. Lorenz, Das sogenannte Böse.  DTV 2010 (1963), S.223

Papst Franziskus‘ Kampf gegen das technokratische Paradigma

Nicht „das technokratische Paradigma“ beherrscht Wirtschaft und Politik und damit den Menschen, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“ schreibt [1] und damit auf R. Guardini verweist,[2] sondern Menschen in ihrer Machtgier missbrauchen jegliche sich bietende Möglichkeit zur Ausbeutung, als Selbstzweck, ohne natürliche Hemmung, bis hin zu der von Canetti beschriebenen paranoischen Machtkrankheit.[3]

Allerdings trifft zu, dass „Das technokratische Paradigma … heute so dominant geworden [ist], dass es sehr schwierig ist, auf seine Mittel zu verzichten, und noch schwieriger, sie zu gebrauchen, ohne von ihrer Logik beherrscht zu werden. Es ist „kulturwidrig“ geworden, wieder einen Lebensstil mit Zielen zu wählen, die zumindest teilweise von der Technik, von ihren Kosten und ihrer globalisierenden und vermassenden Macht unabhängig sein können“. Umso größer ist also die Verantwortung derer, die ohne Hemmung und Vernunft die wachsende und z.T. instinktgebundene Abhängigkeit der Menschen schaffen und missbrauchen – besonders verdeutlicht in der Glücksspielindustrie und die dafür eingesetzte TV-Werbung. Denn häufig wird unterschätzt, wie sehr der durchschnittliche Mensch ein Kind seiner „Kultur“ ist, geprägt von der Umgebung, in die er hineinerzogen oder – meist weitgehend unerzogen – hineingewöhnt wurde. Danach von diesen Menschen ein Gewissen zu fordern, das in der Lage ist, Unrecht zu erkennen und gegen die herrschende öffentliche Meinung und „Kultur“ zu leben und zu handeln, ist die Forderung nach „Selbstverheiligung“.

Betreffend die Notwendigkeit zu einer Veränderung, einer Neuen Aufklärung, muss zuerst erkannt und gewürdigt werden, dass die Evolution selbst den Menschen durch die Entstehung der Bewusstheit an den Punkt solcher Entscheidungsnot gebracht hat: Bewusstheit entfaltet drei entscheidende Kräfte in diesem Endstadium der Evolution: die intelligente Neugier und den Forscherdrang; die Verführung zum Genuss im Selbstzweck; und drittens als entscheidende Kraft die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis all dessen, ja zur Selbsterkenntnis der Evolution in dieser menschlichen Bewusstheit: diese letztere Kraft gilt es in einer neuen Aufklärung, hinein in eine neue Kultur, zu entfalten: die Fähigkeit, nicht nur zu erkennen, dass der mächtige Sog zum Handeln und Genießen als Selbstzweck in die Selbstvernichtung führt, sondern Wege zu finden, dieser Verführung zu widerstehen und damit zu überleben.

Einer dieser Wege ist eine Neue Aufklärung zur Erziehung in eine neue Gesellschaft, die der Ethik eines reziproken Altruismus folgt. Wann immer das Anthropozän enden sollte, oder auch nur die Neuzeit, selbst wenn es „nur“ der Untergang des Abendlandes sein sollte, es wäre deshalb, weil die betroffenen Menschen nicht willens waren, von dieser ihrer Fähigkeit Gebrauch zu machen und ihr Leben entsprechend dieser Erkenntnis zu gestalten.

Weiter bei Papst Franziskus: „Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann. In diesem Kontext scheint es unmöglich, dass irgendjemand akzeptiert, dass die Wirklichkeit ihm Grenzen setzt. Ebenso wenig existiert in diesem Gesichtskreis ein wirkliches Gemeinwohl. Wenn dieser Menschentyp in einer Gesellschaft tendenziell der vorherrschende ist, werden die Normen nur in dem Maß respektiert werden, wie sie nicht den eigenen Bedürfnissen zuwiderlaufen“.[4] Papst Johannes Paul II. sprach von einem „Gefühl der Ungewissheit und der Unsicherheit, das seinerseits Formen von kollektivem Egoismus […] begünstigt[5] Dieser „kollektive Egoismus“ mit dem wissenschaftlichen Namen „Sozial-Hedonismus“ ist neben der Förderung von freier Marktwirtschaft mit nahezu unbegrenztem Raubkapitalismus eine weitere autodestruktive Schwäche liberaler Demokratie mit der Gefahr des Abgleitens in Mediokratie und auch Autokratie.[6]


[1] Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus, §108. http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html#_ftnref88

[2] Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 63-64. Grünewald 2016

[3] Elias Canetti, Masse und Macht, Claassen 1960.

[4] http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html#_ftnref154, § 204, abgefragt am 15.05.2020.

[5] Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 1: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 1; AAS 82 (1990), S. 147, zit. bei Laudato si § 204.

[6] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

Krönung in der Endzeit?

 

Corona und die Erkenntnis vom freien Willen

 

„Diese Welt zeigt, dass es mit ihr zu Ende geht. Die Menschen erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie fühlen, dass ein Sturm von Wandel aufkommt. Manche suchen ein Versteck, Andere Ablenkung im Weitermachen wie bisher. Wieder Andere sehen darin ihre Chance, jetzt loszuschlagen und aus der Verunsicherung der Anderen das große Los für sich zu ziehen. Sturm kommt auf. Propheten haben ihn vorhergesagt. Aber was haben diese Propheten gesehen, was haben sie beschrieben? Haben sie die Lösung aus dem Dilemma beschrieben, oder die Ausweglosigkeit? Oder waren sie gar keine Propheten, sondern Erkennende, die warnen wollten vor einem drohenden Ende ihrer zu Ende gedachten Welt? Ändert euch, oder ihr werdet untergehen? Geht in euch, dort findet ihr die Lösung dieses Rätsels? Warnung, nicht Prophetie? Endzeit für die alte Welt nur, nur, nicht Ende, wenn die Neue beginnt, bevor die alte zu Ende.

Die Natur hat einen Webfehler in sich entdeckt. Sie hat den Menschen hervorgebracht, damit er ihr diesen Webfehler ausgleiche. Der Mensch sollte die Fähigkeit bekommen, den Weg der Natur durch die Zeit nachzuzeichnen und über ihr Ziel nachzudenken. Darüber sollte er den Webfehler entdecken und verstehen, dass, wollte er überleben, dies nur gelingen kann, wenn er diesen Webfehler ausgleicht. Der Mensch sollte erkennen können, dass er selbst der Ausdruck dieses Webfehlers der Natur ist, der leibhaftige Repräsentant dieses Fehlers in der wirklichen Welt. Er sollte aber auch die Fähigkeit erhalten, einen Ausweg zu finden, die Lösung des Rätsels. Er würde also in der Welt stehen, als Webfehler, der sich selbst reparieren könnte, wenn, ja wenn er sich denn ans Werk machte.

Der Mensch ist der Repräsentant einer zur Selbstbewusstheit verwirklichten Evolution.

Irgendwann müssen die Gene „erkannt haben“, dass sie mit der Methode, auf Kosten der anderen zu überleben, am Ende nicht überleben werden, wenn der letzte, das letzte Lebewesen, allein dasteht – das könnte nur eine Pflanze sein, kein Tier, das von Tier oder Pflanze lebt. Stehen zwei einander gegenüber, die wissen, dass beide sterben, wenn sie nuklear losschlagen, was werden sie tun?

Nur der Mensch erkennt, der Mensch repräsentiert, der Mensch ist diese Erkenntnis der Gene der tierischen Lebewesen: wenn “Überleben auf Kosten der anderen“ das Überlebensprinzip der Gene schlechthin ist, dann kommt der Punkt, an dem der Siegerpool vor dem Nichts steht, der letzte Überlebende, denn er kann von nichts mehr leben. Diese Erkenntnis muss das Resultat des Erkenntnisprozesses der Gene im Laufe der Evolution geworden sein: dass ihre Strategie letztlich zur Selbstvernichtung führen muss. Also bedurfte es der Erfindung eines Auswegs: er besteht darin, dass die Evolution sich mit ihrer Erkenntnis einrollte, um sich spiegeln zu können, um diese Erkenntnis auf einen Spiegel projizieren zu können, als Selbsterkenntnis ihrer Erkenntnis. Diese Selbsterkenntnis ist verwirklicht im Bewusstsein, in der Selbst-Bewusstheit des menschlichen Denkens: in diesem Denken rollt sich die im Laufe der Evolution gemachte Erfahrung auf, wird zurückverfolgt bis zu ihren Anfängen, und von dort zurück herauf bis in die Gegenwart, dort, wo dieses Denken vor der Frage steht: was nun?

Diese Frage darf natürlich nicht erst gestellt werden, wenn der letzte Genpool sich alleine auf der Welt stehen sieht, denn das ist die Zeit kurz vor dem Ende.

Die Antwort muss also spätestens im vorletzten Moment gefunden werden: sie wird gesucht in und zwischen den letzten beiden Überlebenden, die einander umstreifen mit der Überlegung, wie sie den anderen überwinden können, um als alleiniger Sieger übrigzubleiben. An dieser Stelle spielen zwei Informationen eine entscheidende Rolle: erstens: der atomare Radikalschlag scheidet aus, weil er die leicht erkennbare gleichzeitige Selbstvernichtung bedeutet. Es kann also nur auf dem Wege konventioneller Waffen gelingen. Zweitens: der Mensch lebt in Gedanken planend in der Zukunft, aufbauend aus seinen Erfahrungen, die seine Erinnerung füllen. Planend in die Zukunft schauend überlegen sich also diese beiden Letzten, die da einander gegenüberstehen: was kommt als nächster Schritt, wenn ich den anderen besiegt habe? Spätestens jetzt erkennen also beide, dass sie mit der Überwindung des letzten Gegners sich selbst vernichten, weil es keine Überlebensbasis mehr gibt.

Sie stehen also einander gegenüber und erkennen Jeder im Blick des Anderen diese Erkenntnis. Sie sehen einander an wie Kain den Abel und Abel den Kain. Sie verstehen den Wahn, an dessen Endpunkt sie beide diese Erkenntnis haben, eine, die Kain und Abel noch nicht hatten, die sie hätten haben können, die sie aber nicht hatten: gleich wer wen von beiden tötet, du tötest dich damit letztlich selbst. Also erfüllen sie den Plan der Gene, nehmen den Ausweg aus dem Dilemma und schließen eine Allianz der Vernunft in Reziprozität. Die beiden Letzten können wir sein, die Menschen der Gegenwart: wir können zu den Grün-dern eines neuen Sozialsystems werden, das eine friedliche Welt der Regionen und Kulturen ordnet, globale Demokratie der Demokratien in Reziprozität.

Vernunft besteht jetzt also darin, aus der Erkenntnis des Dilemmas der Gene, dass sie ihrer Selbstvernichtung entgegensteuern, (und zu ihrer eigenen Rettung den Menschen geschaffen haben, der sie davor retten soll), aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, dass Reziprozität Alle überleben lässt. Der Repräsentant dieser Vernunfterkenntnis in der wirklichen Welt ist der Mensch.

Die Natur, die Gene, haben erkannt, dass der Pflegetrieb als Garant der Sicherung des eigenen Fortbestehens in künftigen Generationen nicht ausreicht, weil die erwachsenen Individuen allesamt dem Prinzip des Überlebens auf Kosten der Anderen folgen, und damit am Ast sägen, auf dem der Genpool selbst sitzt. Der Pflegetrieb schützt Nachkommen und Familie, Clan, bestenfalls Nation. Doch schon die Nationen fressen sich selbst innerlich auf, indem Stämme dort gegeneinander, die einen auf Kosten der anderen, zu überleben suchen. Letztlich schließt sich der Kreis dort, wo die zwei letzten überlebenden Nationen, bzw. deren Repräsentanten, einander gegenüberstehen mit der Frage, ob jemand überleben wird. Jedenfalls scheint sich zu erweisen, dass im Überlebensfall die Entscheidung durch Umsetzen von Erkenntnis, geschöpft aus bewusster Denkkraft fällt, wie schon Lebon in der Überschau seiner Erfahrungen meinte“.N86  [i] 

Ob Meteor, Supervulkan oder Pandemie: unsere Umwelt bestimmt die Evolution; auch ihr Ende. Ihr Anfang liegt jenseits, in der Ungewissheit der Wahrheit, wo sich im Kosmos Wissen an der Wirklichkeit von Materie und Energie bricht, an deren Eigenschaften und der Herkunft der Eigenschaften.  Wir sind nicht die Herren von Anfang und Ende dieser Welt  –  Aber dazwischen regieren wir Menschen, kraft unserer Erkenntnisse – wäre da nicht die ständige Gegenkraft aus der Kreatürlichkeit, die uns wie in einen Strudel der Selbstzerstörung zieht.

Warum aber Corona, und warum Endzeit?

Diese Krise hat immerhin Alle zum Einhalten gezwungen, zum Nachdenken eingeladen, zur Readjustieren allen Planens aufgefordert. Dieses Nachdenken kann bewirken, dass wir wieder sehen, was schon lange direkt vor uns steht: die Tatsache zum Beispiel, dass mittlerweile nicht nur die Umwelt uns, sondern auch wir die Umwelt zerstören können – dass wir unentwegt in nahezu ungebremstem Wahnsinn an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen, in verrücktem Glauben an ewiges Wirtschaftswachstum und andere selbstzerstörerische Irrbilder in Gier Erblindeter –  wer daran nichts Endzeitliches erkennt …

Welcher Wandel steht bevor? Hat Leben hier  noch andere Chancen als unsere Erkenntnis des Nutzens von Reziprozität und Altruismus, die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit, und der Notwendigkeit, diesmal aber auch danach zu handeln?

Wollen wir die Rufe und Klagen der schon wieder aus Mangel an rechtzeitiger Vorsorge (siehe Fluch aus dem Hades) Geopferten diesmal wieder nicht hören, weil wir möglichst umgehend wieder zur bisherigen Normalität zurückkehren müssen, beruhigt darüber, dass es ja ohnehin nur Andere erwischt hat?

Manche beantworten die Frage nicht positiv:

Salman Rushdie in den Mitternachtskindern: „Geschichte ist natürliche Auslese … Die Schwachen, die Anonymen, die Besiegten hinterlassen wenig Spuren“.[i]  Ingeborg Bachmann: „Die Opfer sind die Opfer.“[ii]

Aber die Möglichkeit besteht weiterhin, nach unseren Erkenntnissen zu leben, noch – wie lange noch? Es will scheinen, dass dies der Punkt ist, an dem sich die Existenz des freien Willens erweist: noch haben wir die Wahl, uns gegen die Selbstzerstörung auf allen Ebenen zur Wehr zu setzen.

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[i] L. M. Auer, Demokratie 4.0, Evidenz statt Macht, BoD 2019, S. 506 (N321)

[i] S. J. Al-Azm, Unbehagen in der Moderne. Aufklärung im Islam, Fischer 1993, S. 47

[ii] Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr. Unter Mördern und Irren.DTV München1980.

 

 

 

Raum, Zeit, Ereignis, Imagination – und Macht

Ereignis schafft nicht nur Zeit sondern auch Raum

Ob es Ereignisse ohne Raum und Zeit gibt, sei vorerst dahingestellt; aber ohne Ereignis gibt es weder Raum noch Zeit; beide sind sogar eine Folge, eine Funktion von Ereignis.

Allerdings schafft auch die Betrachtung eines Bildes von einem Raum diesen Raum in der Vorstellung, imaginär. Es mag zutreffen, dass Raum – wirklicher wie imaginärer – auch das Produkt sozialer Beziehungen sein kann,[i] aber mit der Einschränkung, dass mindestens eine der in sozialer Beziehung stehenden Personen im wirklichen Leben steht, also ein Prozess stattfindet, im Sinne der These, dass Ereignis Zeit und Raum schafft.

Was meist nicht bedacht wird, ist die Vorstellung von Raum im Zusammenhang mit Macht, als Machtanspruch, Ausdruck äußerer Körperfühlsphäre von Raum, der von einem oder mehreren oder vielen Wesen beansprucht und verteidigt wird, ähnlich der Theorie von Bourdieu,[ii] [iii] Schroer [iv] u.a.

Ich weiß nicht, ob Elias Canetti sich mit dem „äußeren Raum“, der äußeren Körperfühlsphäre befasst hat, dem beanspruchten physischen Raum als Ausdruck von Macht als ein „sich aneignen“ – in der Fortsetzung  oder als Abstraktion – von Macht als Form von „sich einverleiben“.[v], [vi]

 

[i] D. Massey, For Space, Sage 2009, zit. in Fürlinger S. 471.

[ii] P. Bourdieu, Psychischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum , in Stadt-Räume, edt. M. Wentz, Campus 1991, S. 26-34.

[iii] P. Bourdieu, Social space and symbolic power, Sociol. Theory 7, 1989, S. 14-25.

[iv] M. Schroer, Räume, Orte, Grenzen, Suhrkamp 2006.

[v] Elias Canetti, Masse und Macht, Claassen 1960

[vi] L. M. Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, dritte Auflage, BoD 2019, S. 403 (N108), S. 408 (N113).

Ost ist Ost und West ist West …

oder

Das West – Östliche Missverstehen am Beispiel von Orientalismus und Islamismus

 

Orientalismus ist die Beschreibung des abendländischen Verständnisses vom kulturellen Leben der Menschen im Morgenland. Islamismus ist die westliche Beschreibung des Aufstandes von Muslimen in ihrer von europäischen Ländern besetzten Heimat in der Angst um den Verlust ihrer Identität durch Überfremdung in einem Gemisch von heimatlicher Kultur und westlicher Zivilisation.

Beide Begriffe sind Beweis dafür, in welchem Umfang Europa seit dem Beginn des Zeitalters der Kolonisation sich des Restes der Welt zu bemächtigen suchte in der Überzeugung, es handle sich durchwegs um neu-europäisches Territorium, umzugestalten nach europäischer Geisteshaltung, die Menschen darin nichts als eben jene Objekte aus der westlichen Vorstellungswelt. Dass diese Menschen ihre eigene Kultur tatsächlich lebten, also tatsächliche Subjekte waren und sind, nicht Zinnsoldaten der westlichen Vorstellungswelt, kam manchen Beschreibern – es gab auch Ausnahmen – der okkupierten Territorien nicht wirklich in den Sinn. Demgemäß regierten und missionierten sie, erwarteten, dass aus diesen Objekten im besten Falle eben europäische Subjekte würden. So verfielen Kulturen wie der indische Kreis in der Weise, wie Naipaul ihn in „India. A Wounded Civilization“ [i] beschrieb. Demgemäß auch wurde bis ins 20. Jahrhundert alles Nicht-Europäische beschrieben wie Kuriositäten in einem Zoo, mit jener der Xenophobie eigenen Ambivalenz, teils also wie gefährliche oder kranke Ungeheuer (siehe Papageno und Monostatos in Mozart’s und Schikaneder‘s Zauberflöte, oder die Unsicherheit und Frage mancher Entdecker, ob die in Busch und Urwald gefundenen Wilden überhaupt Menschen seien), teils wie exotische Welten und Kuriositäten, die viele Menschen aus dem Westen heute im Urlaub in alle Länder der Welt locken. Diese Spiegelung eigenen Denkens und Verhaltens gibt dem Westen die Möglichkeit, und den Auftrag, diese eigene relativistische Haltung zu ändern in eine der Begegnung auf der Ebene gleicher Menschenwürde, in der Bereitschaft zum Treffen in der Mitte, zwecks Besprechung gemeinsamer Interessen als Beginn von Gemeinsamkeit.[ii]

 

Bezüglich des Kontaktes, der Kommunikation zwischen Kulturen mag große Ähnlichkeit bestehen zur Kommunikation zwischen Individuen: zunächst ist auch das Gegenüber ein Objekt. Subjekt ist man nur selbst. Erst am Erkennen vergleichbaren Verhaltens erkennt und anerkennt ein Subjekt ein anderes Subjekt. Zwischen beiden entsteht eine Kommunikation wie ein Ratespiel, im Rahmen dessen der Eine die Sprache des Anderen errät, und ursprünglich, die Weise, auf welche Sprache entstand: als Abkommen zwischen Beiden, wie sie Beide künftig eine Entität der Umwelt benennen wollten, damit man beginne, einander zu verstehen – beginne, und rate, denn sobald es um das Subjekt geht, bleibt es ein Ratespiel: Schmerzerleben ist ein Beispiel: wir verstehen voneinander, was mit Schmerz im großen und ganzen gemeint ist. Aber wir können nicht erfahren, wie der Eine oder Andere seine Schmerzen erlebt. So verhält es sich mit der Kommunikation zwischen Kulturen: nie kann ein westlicher Mensch aus dem christlichen Kulturkreis erfahren, auf welche Weise ein Muslim seine Hadsch erlebt, nie auch ein Muslim verstehen, wie ein Europäer seine Weihnachtserlebnisse aus der Kinderzeit erinnert und in seine weitere Lebenswelt einbaut.

 

Eine Globalisierung der Kulturen, eine global multikulturelle Gesellschaft, waren politisch motivierte Ideologien von relativ kurzer Lebensdauer. Viele von diesen Anderen sind von Europa verwundet, verletzt, entwürdigt. Der Groll schwelt tief im kollektiven Unterbewussten von Völkern des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens, des Westens und Südens.

Erst muss der Westen lernen, die anderen Kulturen als eben tatsächlich anders zu akzeptieren und zu respektieren, muss also noch einmal auf Distanz gehen, aus Respekt, um erst dann wieder in vorsichtigen Schritten eine Annäherung auf Augenhöhe versuchen zu können: wieder ganz im eigentlichen Sinne von Rudyard Kipling [iii]:

East is East, and West is West …

But there is neither East nor West …

When two strong men stand face to face ….

 

[i] V.S. Naipaul, India. A Wounded Civilization. Penguin 1979 (Deutsch 1977).

[ii] Ludwig M. Auer, Europa. Wunsch, Wahn und Wirklichkeit. Band 1: Zur Geschichte von Migration und Kultur, BoD 2019, Band 2: Hoffnungen und Grenzen, BoD, im Druck 2020.

[iii] R. Kipling, The Ballad of East and West, 1889.

Die digitale Gerüchteküche

Die digitale Gerüchteküche

 

Keine Sorge, nur noch 3 Minuten Lesezeit, dann hast du alles drin – so eilt und drängt es von vielen Websites der online- Zeitungen. Rasch eine Neuigkeit aufgeschnappt – und auch gleich weitergewhatsapped – hast Du schon gehört ….

Und schon drängt die nächste Neuigkeit nach; gierig nehmen wir sie auf, süchtig nach Abwechslung und Sensation. Keine Sorge- dauert nur einen Moment, dann haben wir dir unsere Meinung eingebrannt, irgendwo in deinem Unterbewusstsein, wo sich dann aufsammelt und festsetzt, wie wir deine Reaktion, dein Verhalten wollen und für unsere Zwecke brauchen. So wird flüchtige Information zu unreflektierter Meinung, zu angeblichem Wissen, das unkritisch geglaubt wird, von Verstandenhaben redet keiner mehr. Auch von Glaubwürdigkeit reden immer Weniger, denn man gewöhnt sich an das Gezwitscher von Trump und Co., man beeilt sich sogar zunehmend, sie zu imitieren. Glaubwürdig oder nicht, „alternative“ oder „false“ – Hauptsache sensationell, aufregend oder beruhigend, je nach momentanem Bedarf – und vor allem: kurz!

Was bewirken die sozialen Medien eigentlich wirklich? Erhöhen sie etwa die Dichte unserer Kommunikation, unser gegenseitiges Verständnis, unser Miteinander und Für-einander? Unser kritisches Denken, diese Voraussetzung für sinngebende Individualität?

Die Rolle der sozialen Medien

“Dieses Thema ist eng mit der Sozial-Epistemologie (siehe z.B. S. 48,  Anm. N228) und dem Glauben an Gerüchte (S. 65 – siehe hier nächster Abschnitt) –  verbunden, also mit der Frage nach der Relevanz von Meinungen großteils nicht speziell gebildeter Leute, deren Wissen geprägt ist von ungefilterten Informationen aus dem Netz. Diesbezügliche Ansichten und Untersuchungen erhalten derzeit große Aufmerksamkeit.[i]

Die modernen sozialen Medien sind keine Voraussetzung für das Zusammentreffen von Menschengruppen oder –massen; sicher aber wirken sie als Beschleuniger, so wie sie auf soziale Brennpunkte wie ein Vergrößerungsglas und eine Brennlinse einwirken. Solche Ansammlungen sind jedoch oft nichts als der Ausbruch eines irrationalen Massenphänomens ohne jegliche kritische Bedachtnahme auf ein tatsächliches Ereignis, berufen sich vielmehr eher auf Gerüchteküche und Flüsterpropaganda, stürzen lediglich die soziale Ordnung in ein Chaos – alles geht schneller, spiegelt aber nur die alte Irrationalität. Meuten sind rasch und leicht erregbar, das Monster ohne eigenes Gehirn gerät unbedacht in Rage; der wahre Hintergrund und Auslöser bleibt oft unbekannt oder unbeachtet. Nie zuvor war es daher leichter, Sinn auf Knopfdruck umzukehren in Wahnsinn. Darüber hinaus ergeben Analysen von “chats“ auf sozialen Medien, dass diese gegenseitige Versicherung von Überzeugungen innerhalb gleichgesinnter Gruppen “extreme politische Spaltung [hervorrufen muss]”.*58 Einer der gefährlichsten Aspekte der sozialen Medien ist, dass sie wirken wie Nektar in Blumenblüten für Bienen: die Leute genießen die Lust am scheinbar geheimen Zugang zu Themen und Optionen, von denen sie niemals zugeben würden, dass sie daran interessiert sind – teilweise werden sie dazu mit subliminalen psychologischen Tricks verführt. Auf der anderen Seite sitzt verborgen eine Armee von Spionen, die tatsächliche Motivation mit diesen neuen Diensten: wie wir alle wissen, durchsuchen sie den riesigen Datenberg, der sich bei ihnen ansammelt, werten ihn aus und verkaufen ihr Wissen an Händler, die damit wiederum unser Kaufverhalten zu steuern versuchen.58 An diesem Punkt verweist der Datenforscher Stephens-Davidowitz auf die Worte von Tristan Harris, seinerseits ein Beobachter derer, die uns beobachten: “Tausende von Leuten sitzen auf der anderen Seite des Bildschirms, deren Job es ist, deine Selbstkontrolle zu brechen “.* 58 Auf längere Sicht sogar noch gefährlicher ist die nivellierende Wirkung auf die individuelle Urteilskraft und Kommunikationsfähigkeit, wie Schischkoff schon vor mehr als 50 Jahren  besorgt feststellte:N152 siehe übernächsten Abschnitt – die zunehmende Vermüllung des Alltags mit Tele- und Pseudo-Kommunikation scheint einherzugehen mit einer Verarmung der eigentlichen, tatsächlichen, Kommunikation unter Einsatz aller Sinne.” [ii]

Der Glaube an Gerüchte

“Ist es nicht gleichermaßen faszinierend und niederschmetternd zu sehen, wie leicht sich falsche Gerüchte unter Menschen verbreiten lassen, wie man sie mit gezielter Manipulation aufhetzen und dabei zusehen kann, wie Gerüchte zu Wahrheit werden, nur weil andere es wussten und weiterflüsterten? Viele Unschuldige wurden auf diesem Wege zu Opfern gemacht: die Juden während der mittelalterlichen Pocken-Epidemien, die koreanischen Gastarbeiter im Japan des Jahres 1910 nach dem Erdbeben in Tokyo: beiden Gruppen wurde nachgesagt, sie hätten den Leuten ihre Brunnen vergiftet und müssten deshalb verfolgt und getötet werden. Auch der unauslöschliche mittelalterliche Aberglaube an die Blutschande der Juden ist ein solch evolutionäres „kulturelles Erbe“ – auch die Ereignisse 1914 um den Beginn des Ersten Weltkrieges: wegen der Ermordung des österreichischen Kronprinzen in Sarajewo wurde die Bevölkerung durch Gerüchte zum Glauben daran manipuliert, dass alle Serben verdächtig und unverlässlich seien, deshalb müsse gegen Serbien Krieg geführt werden („Serbien muss sterbien“ war der Wahlspruch jener Tage). Ähnliche Überzeugungen kamen dort erneut hoch zwischen den Parteien im früheren Jugoslawien, alte Mythen wurden wieder hervorgekramt, um die Menschen in einem Gefühl der Gemeinsamkeit auf Basis fragwürdiger historischer Fakten in einem gefälschten kulturellen Gedächtnis zu vereinen (das von den Türken geschändete serbische Reich musste gerächt werden).N100

In heutigen Demokratien werden diese tief verwurzelten spontanen Überzeugungen weiter genährt, in vorurteilsbeladenen Pressemeldungen, psychologischer Manipulation mit Hilfe verschiedener Medien, auch in Form des sogenannten „whistle-blowing“, das mitunter lediglich ungestrafte Denunziation ist. Zusammen mit weiterem instinktivem Verhalten wie Xenophobie und Territorialität erzeugen sie die Vorurteile von heute, gefährlich missbraucht von gegnerischen politischen Parteien – Populismus, den alle praktizieren, nicht nur Jene, die politisch korrekt als solche dämonisiert werden.” [iii]

 

Die Sorge um diese sozialen Medien im digitalen Zeitalter hat schon eine erheblich lange Geschichte:

„Über all den neuen Medien moderner Kommunikation laufen wir Menschen in eine fundamental wirkende Gefahr; Schischkoff schrieb dazu: „Mit der Ausbildung und Ausweitung der Massenkommunikation auf die Größenordnung der modernen Zivilisation hat die eigentliche Kommunikationsfähigkeit der Menschen ihre wichtigste Komponente verloren. Das Kommunikative im Menschen bedingt nämlich nicht nur Mitteilbarkeit und Verbindung, sondern in gleichem Maße auch die Gegenseitigkeit und reflektierendes Aufeinander-Bezogensein … deren Zerstörung gleichbedeutend ist mit dem Abbau von Individualität und schöpferischer Kraft im Einzelnen“.441

„ … staatlich garantierte Freiheiten oder Förderungsmaßnahmen zur Entfaltung des Einzelnen, bleiben nur leere Formen, solange das herausfordernde Bewußtsein von dieser Bedrohung zum Zünden der individuellen Kräfte nicht ausreicht. Der Irrtum beginnt mit dem leichtfertigen Glauben, daß die modernen Einrichtungen und Zielsetzungen für Schulung und Erziehung ausreichende Gegenmaßnahmen zum großen Zerfallsprozeß seien und daß sie persönliche Abwehrkräfte im je einzelnen Bewußtsein zu zünden oder mindestens die Bedingungen dafür zu schaffen vermögen. Gerade das Gegenteil dürfte der Fall sein“.441 [iv]

In der Tat: Was bislang erreicht wurde auf dem neuen Weg ins digitale Zeitalter mit seiner Allseits-Beschleunigung und gewollten Multilateralisierung, ist Multi-Polarisierung. Gleichschwingende Gruppen und Massen nesteln und rotten sich effizienter zusammen, sind eindeutiger gegen die Anderen als je zuvor. Demokratien erklären sich zunehmend durch ihr Recht auf Massenaufläufe, Demonstrationen, Aufstände – gegeneinander aufgeschaukelt im Dunst digitaler Kommunikation. Staaten zerfallen, Kulturkreise belügen ihre eigenen Leute und einander und behorchen sich gegenseitig, rüsten ihre Meinungen gegeneinander.

Am Dorf braucht es keine sozialen Medien – die Menschen dort haben einander schon immer von hinterm Vorhang bewacht, wurden schon immer einer Meinung gegen Einen oder eine Gruppe von Anderen. In der Großstadt gibt es mehr Singles als je zuvor, die Wissenschaft weiß nichts von dichterer Kommunikation, warnt vor Isolation mitten in der virtuellen Kommunikation. Dabei heißen diese neuen Kommunikationsmedien „sozial“, und sie bieten unendlich viele nützliche Anwendungen – wären da nicht der Missbrauch durch Jene, die uns manipulieren wollen, und die Suchtgefahr bei uns selbst.

[i] M. Leitner, edt., Digitale Bürgerbeteiligung: Forschung und Praxis – Chancen und Herausforderungen der elektronischen Partizipation, Springer Vieweg 2018

[ii] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, S. 174

[iii] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, S. 65

[iv] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, Anmerkung N152

Titelbild: PacoZea.com

Ossis mit und wider Wessis 2019

Ossis mit und wider Wessis 2019

 

Viele der Argumente im ZDF-Beitrag über Ossis und Wessis [i] stimmen überein mit einer Diagnose, die ich von S. Satjukow[ii] übernommen habe; sie haben die Diagnose sogar noch aktualisiert und präzisiert: denn sie weisen darauf hin, dass die Folgen des Besatzungstraumas aus der UdSSR-Zeit – die Symptome im psychiatrischen Sinne – nun übertragen werden von den Russen auf die Westdeutschen. Die Einen wie die Anderen lösen in den Ostdeutschen das Gefühl des Unterlegenseins aus, der Minderwertigkeit und des von oben herab Behandeltwerdens:

Fremdenhass hat in Europa zwei unterschiedliche Ursachen, abhängig von regional unterschiedlicher Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs:

Im Osten, besonders im Osten Deutschlands, beeinflusste die Dauerokkupation durch das kommunistische Russland die Entwicklung xenophobischen Verhaltens: das Verhältnis begann als weithin unbeschränkter Hass russischer Soldaten gegenüber der ostdeutschen Bevölkerung;  die Deutschen hatten begründete Angst vor den Russen; massive Übergriffe hatten eine verständliche Langzeitwirkung. Annäherung versuchte man von russischer Seite das gesamte halbe Jahrhundert hindurch zu unterbinden. So entstand in der ostdeutschen Seele ein kompliziertes Gemisch von Vorurteilen gegenüber Fremden, das seitens der Besatzer durch den Widerspruch zwischen dem Bild von Bruderschaft und Freundschaft im Kommunismus einerseits, andererseits aber durch die Dauerpräsenz als überlegene Besatzungsmacht geprägt war.i In diesem Fall waren also offenbar die Ostdeutschen die Ausgegrenzten und Unterdrückten im eigenen Land, ein Zustand, der sich bei manchen Bürgern der gegenwärtigen Generation als genereller Fremdenhass ausdrückt, ein dumpfes Vorurteil, das sich nicht mehr nur als Fremdenfeindlichkeit, sondern eben als deren pathologische Variante ausdrückt: Hass. Fremdenfeindlichkeit in den anderen osteuropäischen bzw. früheren sowjetischen Satellitenstaaten scheint direkt zu korrelieren mit dem Maß, in dem sie gegen das Sowjet-Imperium eingestellt waren: Ungarn, Polen und die damalige Tschechoslowakei haben etwa in dieser Reihung am deutlichsten Widerstand gezeigt ….. “ [iii]

Darüber hinaus muss man aber auch bedenken, dass Kulturen und Nationen häufig dazu neigen, sich gegenüber fremden Gruppen überlegen zu fühlen – ggf. bis sie die Erfahrung machen, dass man am fremden System tatsächlich Vorteile erkennt, die bewirken, dass das Leben im Alltag besser wird – das Nachkriegseuropa des 20.Jh hat dies mit seiner teilweisen zivilisatorischen Amerikanisierung erlebt (Kultur erfuhr dabei eher eine Nivellierung).

Den trivialen Unterbau des Verhaltens bildet selbstverständlich die animalische Xenophobie (Fremdenscheu) und Territorialisierung, die bekanntlich in Gegenden umso stärker ausgeprägt ist, je weniger Fremde tatsächlich vorort sind – nur in Ballungs-zentren stumpft sie ab, weil sich in einem Schmelztiegel verschiedener Bevölkerungs-gruppen kaum noch eine regionale Subkultur bestehen bleiben kann:

„Diese Mechanismen sind nicht nur in archaischen menschlichen Gesellschaften als selbstverständliches evolutionäres Erbe anzunehmen; sie existieren auch heute unvermindert: Territorialität tritt in der modernen Welt in Form von Staatsgrenzen ebenso direkt zutage wie die Reviere mafiöser Verbände. Fremde Gesichter lösen eine spontane Reaktion aus so wie auch in der Kindheit; wenn auch meist verborgen hinter einer Maske der Neutralität, so verrät sie sich hin und wieder doch durch Verhalten wie Vermeiden des Blickkontakts und von größerer Distanz sowie durch Reserviertheit. Dieser spontane „unbelehrbare Lehrmeister“ ist dennoch in einer zweiten, nun bewussten, Reaktion kontrollier-bar und kann durch Übung und Gewöhnung – z.B. in Großstädten – überhaupt das ursprüngliche Spontanverhalten „im Zaum“ halten. Insgesamt bleibt jedoch ein trennender Graben, messbar in Fuß und Metern, abhängig vom Ausmaß der unterschiedlichen äußeren Erscheinung, von den kulturellen Gewohnheiten wie auch vom erkennbaren religiösen Hintergrund. 

Die tief verwurzelte Ambivalenz der Xenophobie, diese scheinbar widersprüchliche Mischung von Verhaltensmustern und Emotionen, tritt eindrucksvoll hervor, wenn man diese negativen und abstoßenden Gedanken und Meinungen über Gruppen anderer Ethnizität und Religion [iv] vergleicht mit unserer Bewunderung für ferne Kulturen und unseren Wunschträumen von Menschen in fernen Ländern, mit ihrer mysteriösen Erscheinung und ihren fremden Gebräuchen. Was zu weit entfernt ist um zu bedrohen, oder was von vornherein friedfertig wirkt, ist Gegenstand unserer Neugier und zieht uns an. Es gibt kaum Menschen in der westlichen Welt, die nicht davon träumen, auf einer Pazifik-Insel oder in einem Land des Fernen Ostens einen Urlaub zu verbringen, bei Leuten einer fremden Kultur mit ihrem überraschend fremden aber köstlichen Essen. Viele von uns können auch hin und wieder der Traumvorstellung von außerirdischen Wesen nicht widerstehen, ob es sie nicht doch irgendwo geben könnte, und wie sie wohl aussehen mögen. Niemand denkt daran, einen Abwehrwall gegen Außerirdische zu errichten (Asteroide sind hier natürlich nicht das Thema), solange sich nicht eine unmittelbare Bedrohung ankündigt.  

Das unmenschlich Menschliche

Wenn wir nun also diese Xenophobie als „unmenschlich“ bezeichnen, einmal weil dies derzeit als politisch korrekt gilt, dann aber auch grundsätzlich, weil es sich um Verhalten aus dem tierischen Erbe handelt, dann vergessen und ignorieren wir dabei unsere evolutionären Wurzeln, etwas, das Teil von uns ist wie Mund und Nase. Außerdem beseitigt eine solche Verbannung eines Teiles unserer selbst auch die positiven Anteile dieser ambivalenten Eigenschaft „Xenophobie“, unsere träumende, schnüffelnd- neugierige Sympathie mit den fremden anderen Wesen da draußen in einiger Distanz, die nur zur Gefahr werden, wenn sie eine rote Linie überschreiten und zu nahe kommen.    

Viele von uns werden sich heimlich eingestehen, dass wir hin und wieder spon-tan reserviert reagieren oder sogar innerlich zusammenzucken, wenn wir mit einem fremd erscheinenden Mitmenschen konfrontiert sind, bis wir uns zu besinnen beginnen und unser Verhalten kontrollieren. Nirgendwo in der Literatur wurde Xenophobie in charmantere und berührendere Worte gefasst wie in Schikaneder’s Libretto zu Mozart’s Oper „Die Zauberflöte“: der Vogelfänger Papageno, selbst angekleidet wie mit einem Vogelgefieder, trifft in der Dämmerung Sarastro, den Mohr; beide schrecken zurück in der Überzeugung, dem wahrhaftigen Teufel zu begegnen. Nach einer Weile aber beruhigt sich Papageno und sagt: unter den vielen Vögeln, die ich kenne, sind auch schwarze, warum also sollte es nicht auch schwarze Menschen geben? 24

Das also ist Xenophobie, die biologische Tatsache, Instinkt, entwickelt über Jahrmillionen im Laufe der Evolution, neuerdings politisch nachgerade verfolgt – die Natur antwortet, hält dagegen. Und dies ist Territorialität, sozial akzeptiert als ein Recht auf Besitz, auf Land mit Zaun drum herum, das von anderen ohne Einladung nicht betreten werden darf. Der weise legendäre König Numa aus der Monarchiezeit des frühen Alten Rom machte „private Grenzen“ sogar zu einer eigenen Gottheit.N54 Nicht primärer Hass, sondern primäre Abgrenzung des Individuums von der Umwelt, steht am Beginn.N107  –  Trotz allen Verständnisses dieser unserer eigenen spontanen Reaktionen, und unserer Bedachtnahme darauf, bleibt am Ende dennoch diese Tendenz zur Rückkehr in das eigene gewohnte Milieu, dem Verbleib darin und zu einem gewissen Abstand vom gewohnten Milieu Anderer, das uns selbst fremd ist. „Kultur“ gewinnt in diesem Zusammenhang die Bedeutung auch von „gewohntem Umfeld“ mit all seinen Komponenten. Wir vermissen es in der Fremde, leiden unter Heimweh. All dies ist ebenso Tatsache, und Teil von Xenophobie und Territorialität.

Ethnische Xenophobie 

Aus dieser biologischen, genauer ethologischen, Sicht ist das Fremdeln zwischen Menschen verschiedener Ethnien gar nichts anderes als eine der Ausdrucksformen von Xenophobie …..“.[v]

[i] J. Breyer, Am Puls Deutschlands – wasmichimostenstoert. ZDF-zoom vom 14. 08. 2019, https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-am-puls-deutschlands—wasmichimostenstoert-100.html

[ii] S. Satjukow, Besatzer. Die Russen in Deutschland, Vandenhoeck & Ruprecht 2008

[iii] Auszug aus L.M. Auer, „Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht“, zweite Auflage, BoD 2019, Kapitel „Aggression und Hass“, S.74f.

[iv] S. Stephens-Davidowitz, Everybody Lies. What the internet can tell us about who we really are. Bloomsbury 2018 (2017)

[v] L.M. Auer, „Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht“, zweite Auflage, BoD 2019, Kapitel „Xenophobie und Territorialität“, S. 68ff.

Titelbild: Weser Kurier, Zeichnungen einer Zäsur, 30.09.2015, Was vom Schrecken blieb: Barbara Henniger zeichnete die Karikatur mit dem Titel „Menschenmauer“ im Jahr 1998. ABBILDUNG: BARBARA HENNIGER (fr, KAS)