Trump Eleven Nine

Die Grünen Deutschen weisen besorgt darauf hin, dass an diesem deutschen Jahrestag des Mauerfalls ein amerikanischer Präsident gewählt wurde, der neue Mauern bauen wolle.

Der Super-Kapitalist gibt dem Sklavenaufstand gegen den unkontrollierten Kapitalismus und Welthandel eine Stimme und setzt sich selbst an seine Spitze. – Trump wird Präsident der USA. Die Zurückgelassenen, viele am Rande des Wohlstands, oder gar in der Gosse des reichen Westens vegetierend, viele davon arbeitslos, nochmehr bedroht von den technokratischen Visionen einer arbeitsfreien Welt der Industrieroboter, viele Mittelständler, die sich zurückgelassen sehen im zunehmenden „social divide“, sie alle sind damit gesammelt. Die Widerspruechlichkeit menschlichen Verhaltens erreicht einen neuen Höhepunkt. Dass Trump diese Massen so leicht verführen konnte, liegt auf der Hand: ein Sklavenaufstand braucht einen Gladiator, einen Spartakus. Dass die Zeit dafür reif war, dies zu ertasten hat er offensichtlich die Gabe. Er, der andere Sklaven in der Arena tötete, um selbst zu überleben, er, der vielleicht schon ein notorischer Genuss-Killer geworden ist aus unheilbarem Hass auf die zynischen und korrupten Politik-Arrivierten, wird nun Anführer der Sklaven. Sie vergeben ihm seine Morde, vergeben ihm alles, denn er hat ihnen Freiheit versprochen, Freiheit zur Rache.

This is not a victory, this is a movement”: so fasste es Trump selbst zusammen.

Eine Prophetenstimme unter den Auguren hatte die „Bewegung“ erkannt: „den Ausschlag bei der kommenden Wahl könnten Jene geben, die Trump heimlich wählen, obwohl sie dies niemals öffentlich einzugestehen wagten.“ Drei Prozent der Deutschen hätten Trump gewählt, aber die AfD erreichte zweistellige Prozentwerte, heimlich gewählt. Der Effekt der medialen Manipulation ist nun mal das eine, das andere die Folge eigener Erfahrung im eigenen Land.

Niemand soll zu behaupten wagen, es habe sich nicht angekündigt, amerikaweit, europaweit, weltweit: schlagartig gibt es nun Briten im Wind der Gegenwart, die gestern noch herb grinsend riefen „wer wird schon diesen Unsinn stammelnden Affen wählen“, und heute überzeugend formulieren, wie sehr sich in dieser Wahl der Drang des Volkes zu neuen Ufern ausdrücke, wie sich dies schon mit dem Brexit angekündigt habe. In der Tat hat der Brexit die Verwirklichung eines globalen Trends eingeläutet: die Briten aber, Hegemonialmacht bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts, hätten die Verantwortung zum Bemühen um globale Zusammenarbeit, und, die dafür notwendigen Opfer in den Vordergrund zu stellen, eine Verantwortung für eine tatsächliche Entwicklung der früheren Kolonien, nicht wieder eine verdeckte Ausbeutung. Stattdessen werden die Briten nationalistisch: wir, die Westmächte, wir, die Herren, die früheren Kolonialherren, haben weiterhin kein Interesse an romantischen Vorstellungen von Verantwortung zur Gemeinsamkeit in der Globalisierung. Globalisierung bedeutet globaler Markt, und den gedenken wir für uns zu nutzen, nur für uns. Da haben auch Fremde keinen Platz, auch keine fremd aussehenden Gesichter, auβer sie ordnen sich unter. Die Herren segelten noch einmal an mit ihren Kanonenbooten, auf den Falklands, 1982, als die Argentinier ihr altes Recht aus 1820 zu behaupten wagten – es war ihnen 1000 Menschenleben wert. Schluss mit gemimter Toleranz, mit vorgetäuschtem Glauben an Multikulturalität, mit vorgeschobenem Verantwortungsbewusstsein für die Entwicklung der ausgelaugten Kolonien, Schluss mit gequälten Zusagen zu Kompromissen im Interesse einer weltweit zusammenwachsenden Staatengemeinschaft. Wirtschaftskrieg? Who knows.

Und dennoch, vergessen wir nicht: Trump altert, Alter lässt an Vermächtnis denken, macht sentimental und nostalgisch, Alter macht milder. Dieser alternde Trump, der Kapitalist, der nun den Eindruck vermittelt, er habe nur mal gegen die Folgen des Kapitalismus poltern und den Verarmten aus dessen Folgen helfen wollen: fast zögernd betritt er die Bühne, leiser, so wie ratlos, sicher überrascht, vom nicht erwarteten Erfolg. Er wollte weiter Spartakus sein, weiter poltern gegen „das Establishment“, das ihn wohl stets als unangenehmen Nebeneffekt des Kapitalismus beiseitegeschoben und damit verletzt hatte. Erstmals sieht er nicht die Begeisterung seiner Anhänger, sondern den Hass in ihren Gesichtern, den Hass, jene Kraft, die ihn nun auf den Schild gehoben hat. Da steht nun ein alternder Trump, mit der Angst der Soldatenkaiser im Herzen. Ein Teil von ihm wollte, sein Schatten könnte nun dort auf der Bühne stehen, und er selbst könnte seine Ruhe haben.

Und noch etwas: da ist eine Anti-Brexit Kraft an ihm: Trump gab ein Signal, das kein Politiker seit 1989 laut und deutlich zu geben wagte: der Westen hat versäumt, als ersten Schritt nach dem Zusammenbruch der UdSSR den Russen die Tür zu öffnen und die Hand zu reichen, in jeglichem nur machbaren Umfang, eingedenk der Tatsache, dass Russland vor 1914 Europa war, dass der Kommunismus eine europäische Ideologie ist, dass die NATO eine fortgesetzte Drohgebaerde war und ist. Wenn Trump dies nun tatsächlich erfolgreich nachholt, wenn er es schafft dafür zu sorgen, dass Russland als Groβmacht anerkannt und damit befriedet wird, rehabilitiert nach der Erniedrigung, die von den USA genossen worden war, dann wird er der Welt einen groβen Dienst erwiesen haben.

Auch eine andere Art von Hass – und Langeweile – kam mit dieser „Bewegung“ an die Oberfläche: viele Verbitterte, Verärgerte, Enttäuschte schlieβen sich Spartakus an, diese kranke Welt zu zerschlagen, frustriert von einer zunehmend brutalisierten Welt, politisch verwaltet von einem Gemisch von professionell Deformierten, engstirnig Verbohrten, kleingeistigen Schreiern und skrupellos Korrupten in kranken Rechtsstaaten. Das Risiko dieses Experiments ist es ihnen wert, mit der Fortsetzung der bekannten zahnlosen Politik profilloser Verwalter als Platzhirsch-Könige ohne Land zu brechen. Auch Gelangweilte schlieβen sich an, die an nichts mehr glauben, wohlhabend bürgerlich kokonisiert, vermeintlich aus sicherer Distanz. Die Gräben in der amerikanischen Gesellschaft sind nicht „während des Wahlkampfes aufgetreten“, wie sich der deutsche Aussenminister heute äuβerte, sondern durch diesen Wahlkampf öffentlich geworden – vorhanden waren diese Gräben schon lange, soweit sie nicht schon immer die USA geprägt haben.

Am Ende seiner Sieger-Ansprache geht Trump durch die Reihen. Man spielt Musik: „You Can’t Always Get What You Want“, den Song der „Rolling Stones“. Ob das Absicht war? Die Stones haben umgehend protestiert. Clintons geben sich gefasst und verweisen auf die Bibel.

Die Menschenwelt bewegt sich weg von ihrer Globalisierung, zurück in ihre Nationen, bereit, den freien Kapitalismus zu zerschlagen, dem ein Teil dieser Menschen den Wohlstand verdankt, den jede Gruppe gleichzeitig für sich allein weiter gebrauchen zu können meint, den Kapitalismus, von dem die Zurückgelassenen endlich auch ihren Anteil zu bekommen hoffen, wenn sie den Palästen der Reichen Türen und Fenster eintreten. Es könnte widersprüchlicher nicht sein. Die Geschichte zeigt und lehrt, dass es bei zerschlagenem Glas nicht bleibt, dass Paläste in Flammen aufgehen und Schüsse fallen. Mahnungen von Alten, die so etwas überlebt haben, sind leise geworden, sehr leise. Jedoch: eigene Erfahrung und warnend erhobene Finger – das ist nun einmal zweierlei; auch das zeigt die Geschichte von uns Menschen, seit wir aufgewacht sind hinein in das Gewahrsein unserer Bewusstheit.

So rollt und ächzt und drückt und formt die Straβenwalze des Lebens weiter ihrer Geschichte entgegen: sie ist angetrieben von geheimen Kräften, den Eigenschaften der Materie, deren Herkunft wir nicht erkennen koennen. Die lebende Generation auf der Oberfläche der Walze muss immer wieder in der Überzeugung handeln, die prägende Kraft dieser Geschichte zu sein.

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