Man trägt wieder Krawatte

All you need is love – Ende und Wiederbeginn der Krawatte

oder

Man trägt wieder Haltung, man trägt wieder Krawatte

 

Rational verständlich ist das alles natürlich nicht; im Gegenteil: aus der Ferne beobachtet meint man einem Haufen Verrückter zuzusehen. Ein Beispiel:

Katholikentag in Leipzig. Dort, wo kaum Katholiken leben. Die Medien fragen sich: warum dort? Und sie fragen Passanten: eine Frau sagt: find ich gut. Wer weiß, ob nicht auch dort Leute vorbeikommen und sagen, dass ihnen gefällt, was es dort so an Veranstaltungen gibt, und schauen dann wieder einmal in einer Kirche vorbei, stellen fest, dass man dort schöne Musik spielt.

 

Dass die Krawatte in den 50er Jahren auch für Studenten Pflicht gewesen sei, ist falsch: sie wurde nur bei Prüfungen und Promotion getragen. Aber sonst gab es kaum einen Büro- bzw. Geschäftsmann, der nicht Krawatte getragen hätte, so wie die jungen Männer bis 1918 unbedingt Bart tragen mussten, wenn sie als Erwachsene ernst genommen werden wollten.

Im Jahr 2011 war es akzeptiert zu fragen, wann „Krawatte überhaupt noch gesellschaftsfähig“ sei, ob Krawatte im Dienst weiter eine Regel sein solle oder nicht[1]: die klare Antwort war: das geht niemanden etwas an, ob ich eine Krawatte trage oder nicht, ist Ausdruck meiner Persönlichkeit, nicht Befolgung einer Regel. Fazit: der moderne Mensch der westlichen Welt in liberalen demokratischen Gesellschaften lässt sich nichts mehr vorschreiben – sogar das Gesetz, an das er sich hält, hat er selbst bei seinen gewählten Politikern in Auftrag gegeben. Also reagierten die Politiker: immer mehr schlossen sich dem Trend an: man demonstrierte: ich bin selbstverständlich einer von euch, euer Diener, liberal bis geht nicht mehr, jeder kann tun was er will, so lange er die Gesetze beachtet. Politik ist nicht mehr Macht, sie ist Dienst am Kunden.

Dass auch Milliardäre durch „Hemd offen und oben ohne“ demonstrieren, wem die Welt gehört, ist fehlgedeutet, ist nochmal hinters Licht geführt: die Demo von Volksnähe, „ich bin einer von euch“ war eine lächerliche Farce, die nur wenige geglaubt, aber fast alle mitgemacht haben (man muss eben „mit der Zeit gehen“) – zynischer geht es kaum.

Ein Autor, damals, 2011, hatte immerhin den Mut, die Lüge dahinter aufzudecken und zu schreiben: „Nie war es rebellischer, eine Krawatte zu tragen“, und davon sprach, dass es auch Würde gebe, die man damit ausdrücken könne.

Mit der Lässigkeit kam die Nachlässigkeit: bei immer mehr Gelegenheiten wurde Politikern ihr Mangel an Durchblick, Weitblick, Führungsstärke, Staatsmannschaft vorgeworfen.

Nur die Rechtsradikalen kamen mit kurz geschorenen Haaren, strammem Scheitel – und Krawatte.

 

Mit dem Rechtsruck also kommen die Krawatten wieder – vorzüglich blau, mit Hinweis auf Hoffnungsträger also – denn die Politikverdrossenheit hat trotzdem zugenommen. Die Leute wollen gar keine schlampig daherschlurfenden lässigen Typen, die Volksnähe mimen, obwohl sie eine breite Spur von Realitätsferne hinter sich herziehen. Sie wollen Führung, auf die man vertrauen kann. Sie wollen Führer, die etwas darstellen, die Vertrauen einflößen. Die Politiker haben die Abfuhr verstanden; jetzt ziehen sie ihre Krawatten wieder an.

Dabei ist blau nicht neu. Dezember 2009 in der „Bild“: „Obama legte die bis dato allgegenwärtige rote Krawatte beiseite (in USA war das nämlich immer schon anders als in Europa, ganz zu schweigen von Japan oder gar China) und ersetzte sie durch eine blaue! Und die Welt folgt ihm in Sachen Krawatten in beinahe unheimlicher Geschlossenheit.“[2]

Es folgte der irrige Versuch einer „Fotographenlegende und Stilikone“, 2010 zur Trendwende aufzurufen: „zurück an die Krawatte!“[3]. Doch das mit „Krawatte in blau“ hielt nur so lange wie Obama der Heilsbringer war, hoechstens 100 Tage. Dann war es wieder aus mit Krawatte, vor allem aus mit blau!

2014 war die Krawatte wieder einmal „kurz davor, vergessen zu werden“, weil „das wohl unmodischste Kleidungsstück unserer Zeit“  und Relikt aus Zeiten, da sie für männliche Selbstverwirklichung und Spießertum, Symbol männlicher Dominanz gestanden sei.[4]

Dementsprechend hat sich eine Journalistin – vielleicht in unbewusstem Wunschdenken – geirrt, als sie im Dezember 2015 schrieb: „Das Ende der Krawatte. Niedergang eines Machtsymbols.“[5] Der größte Irrtum war der gute Rat der Mode-Experten an die Manager-Gattinnen für Weihnachten 2015, bloß keine Krawatte zu schenken: denn kurz danach brach die zweite Epidemie der blauen Krawatten aus.

Dabei gab es doch 2015 die „Fifty Shades of Grey“ im Kino! Und die hätten eine Trendwende bewirkt, Krawatten seien seither wieder „so was von heiß“[6]. Und sogar James Bond trug in „Spectre“ Krawatte, wenn auch eine zu kurze.[7]

Heute sehen wir an „Krawatte“ oder „keine Krawatte“, ob einer den Rechtsruck zwecks Verhinderung der Rechtsradikalen schon kapiert hat oder nicht.

 

Die Krawatte ist zur Zeit Ludwigs XIV. In Frankreich Mode geworden, als dem König das Halstuch kroatischer Söldner gefiel: so trug man Tücher „a la cravate“, also auf kroatische Art. [8]

Spätestens seit „All you need is love“ der Beatles war das Ablegen der Krawatte zum Symbol der sexuellen Befreiung geworden.

 

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[1] T. Bärnthaler: Krawatte im Büro- ja oder nein?, Süddeutsche Zeitung 36, 2011.

[2] http://www.bild.de/lifestyle/mode-beauty/welchen-schlips-obama-und-andere-stars-tragen-und-welche-sie-verschenken-koennen-10826986.bild.html

[3] F.C. Gundlach, „Eine Bindung fürs Leben“, Zeit Online, 04.02.2010, http://www.zeit.de/2010/06/Gundlachs-Schlipse

[4] http://www.taz.de/!5035739/

[5] Bettina Weiguny, Das Ende der Krawatte. Frankfurter Allgemeine, 22.12.2015

[6] http://www.mentoday.de/news/krawatten-trends-2015/210.html

[7] http://www.nzz.ch/lebensart/stil/traegt-007-seine-krawatte-zu-kurz-ld.4006

[8] http://www.taz.de/!5035739/

 

 

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