Ost ist Ost und West ist West …

oder

Das West – Östliche Missverstehen am Beispiel von Orientalismus und Islamismus

 

Orientalismus ist die Beschreibung des abendländischen Verständnisses vom kulturellen Leben der Menschen im Morgenland. Islamismus ist die westliche Beschreibung des Aufstandes von Muslimen in ihrer von europäischen Ländern besetzten Heimat in der Angst um den Verlust ihrer Identität durch Überfremdung in einem Gemisch von heimatlicher Kultur und westlicher Zivilisation.

Beide Begriffe sind Beweis dafür, in welchem Umfang Europa seit dem Beginn des Zeitalters der Kolonisation sich des Restes der Welt zu bemächtigen suchte in der Überzeugung, es handle sich durchwegs um neu-europäisches Territorium, umzugestalten nach europäischer Geisteshaltung, die Menschen darin nichts als eben jene Objekte aus der westlichen Vorstellungswelt. Dass diese Menschen ihre eigene Kultur tatsächlich lebten, also tatsächliche Subjekte waren und sind, nicht Zinnsoldaten der westlichen Vorstellungswelt, kam manchen Beschreibern – es gab auch Ausnahmen – der okkupierten Territorien nicht wirklich in den Sinn. Demgemäß regierten und missionierten sie, erwarteten, dass aus diesen Objekten im besten Falle eben europäische Subjekte würden. So verfielen Kulturen wie der indische Kreis in der Weise, wie Naipaul ihn in „India. A Wounded Civilization“ [i] beschrieb. Demgemäß auch wurde bis ins 20. Jahrhundert alles Nicht-Europäische beschrieben wie Kuriositäten in einem Zoo, mit jener der Xenophobie eigenen Ambivalenz, teils also wie gefährliche oder kranke Ungeheuer (siehe Papageno und Monostatos in Mozart’s und Schikaneder‘s Zauberflöte, oder die Unsicherheit und Frage mancher Entdecker, ob die in Busch und Urwald gefundenen Wilden überhaupt Menschen seien), teils wie exotische Welten und Kuriositäten, die viele Menschen aus dem Westen heute im Urlaub in alle Länder der Welt locken. Diese Spiegelung eigenen Denkens und Verhaltens gibt dem Westen die Möglichkeit, und den Auftrag, diese eigene relativistische Haltung zu ändern in eine der Begegnung auf der Ebene gleicher Menschenwürde, in der Bereitschaft zum Treffen in der Mitte, zwecks Besprechung gemeinsamer Interessen als Beginn von Gemeinsamkeit.[ii]

 

Bezüglich des Kontaktes, der Kommunikation zwischen Kulturen mag große Ähnlichkeit bestehen zur Kommunikation zwischen Individuen: zunächst ist auch das Gegenüber ein Objekt. Subjekt ist man nur selbst. Erst am Erkennen vergleichbaren Verhaltens erkennt und anerkennt ein Subjekt ein anderes Subjekt. Zwischen beiden entsteht eine Kommunikation wie ein Ratespiel, im Rahmen dessen der Eine die Sprache des Anderen errät, und ursprünglich, die Weise, auf welche Sprache entstand: als Abkommen zwischen Beiden, wie sie Beide künftig eine Entität der Umwelt benennen wollten, damit man beginne, einander zu verstehen – beginne, und rate, denn sobald es um das Subjekt geht, bleibt es ein Ratespiel: Schmerzerleben ist ein Beispiel: wir verstehen voneinander, was mit Schmerz im großen und ganzen gemeint ist. Aber wir können nicht erfahren, wie der Eine oder Andere seine Schmerzen erlebt. So verhält es sich mit der Kommunikation zwischen Kulturen: nie kann ein westlicher Mensch aus dem christlichen Kulturkreis erfahren, auf welche Weise ein Muslim seine Hadsch erlebt, nie auch ein Muslim verstehen, wie ein Europäer seine Weihnachtserlebnisse aus der Kinderzeit erinnert und in seine weitere Lebenswelt einbaut.

 

Eine Globalisierung der Kulturen, eine global multikulturelle Gesellschaft, waren politisch motivierte Ideologien von relativ kurzer Lebensdauer. Viele von diesen Anderen sind von Europa verwundet, verletzt, entwürdigt. Der Groll schwelt tief im kollektiven Unterbewussten von Völkern des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens, des Westens und Südens.

Erst muss der Westen lernen, die anderen Kulturen als eben tatsächlich anders zu akzeptieren und zu respektieren, muss also noch einmal auf Distanz gehen, aus Respekt, um erst dann wieder in vorsichtigen Schritten eine Annäherung auf Augenhöhe versuchen zu können: wieder ganz im eigentlichen Sinne von Rudyard Kipling [iii]:

East is East, and West is West …

But there is neither East nor West …

When two strong men stand face to face ….

 

[i] V.S. Naipaul, India. A Wounded Civilization. Penguin 1979 (Deutsch 1977).

[ii] Ludwig M. Auer, Europa. Wunsch, Wahn und Wirklichkeit. Band 1: Zur Geschichte von Migration und Kultur, BoD 2019, Band 2: Hoffnungen und Grenzen, BoD, im Druck 2020.

[iii] R. Kipling, The Ballad of East and West, 1889.

Mauern um Athen. Oder: wann kommt der deutsche Kurz

Oder eigentlich: wann kommt der Kurz für Europa

 

Mit dem heutigen Tag werden sich das wohl viele Bürger der Mitte fragen, das hoffe ich jedenfalls, für Deutschland, und für Europa. Denn heute hat der Ӧsterreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz den ewig aggressiv-Misstrauischen eine erste verheiβungsvolle Tat präsentiert, auch wenn nicht einmal Euronews sie zur Kenntnis nehmen will, sondern immer noch in die rechtsradikale Ecke schielt und stellt[i]:

Burschenschaft Germania: Regierung leitet Auflösungsverfahren ein[ii]

Ja, und es war in der Tat nicht nur China, und die a priori Medienschelte gegen Trump wird auch zusehends unsicher. Zweimal mussten die Athener sie errichten, ihre Mauern zwischen der Stadt und den Hafenanlagen (die Stadtmauern selbst dreimal). Das zweite Mal wurden die Stadtmauern nach der Niederlage gegen die Perser unter Xerxes ab 461 v.Chr. errichtet, gefolgt von 6 km-langen Mauern zum Piraeus. Und danach noch ein weiteres Mal nach den Peloponnesischen Kriegen ab 393 v.Chr. Die Athener Demokraten hatten sie errichtet, immer wieder, und immer wieder verraten von ihren eigenen Leuten, Oligarchen und Tyrannen; zugegeben, auch ihre Frauen, Kinder und Sklaven werden mitgeholfen haben, die damals noch nicht wählen durften – allemal eine eindrucksvolle Leistung angesichts eines Bauwerkes von über 30 km Länge, zurecht gefeiert als ein Triumph der Demokratie. Die letzte Version davon hielt bis 86 v.Chr., als Sulla mit den Römischen Legionen Griechenland endgültig dem Reich einverleibte.

Und: ja, eine Mauer, eine gewaltige Mauer zum Schutz der Demokratischen Gesellschaft des Stadtstaates Athen, unserer Wiege der Demokratie.

Man muss darüber jetzt nicht betreten schweigen. Wir sind ja alle Demokraten mit Streitkultur. Also kann man ohne weiteres zugeben, dass sich Frau Merkel damals bei Herrn Kurz nicht öffentlich bedankt hat, als er die Schlieβung der Balkanroute bewirkte und Mitteleuropa, vor allem aber auch Deutschland, vor einer weiteren Invasion bewahrte – Zivilgesellschaft hin oder her; die Leute wollten eben nicht andauernd für die Fehler ihrer Politiker geradestehen, die vergessen hatten, den Menschen in den Fluchtgebieten rechtzeitig Hilfe zukommen zu lassen und vorort Asylantragsstellen einzurichten. Sie waren Herrn Kurz letztlich allesamt sehr dankbar, die Einen laut, die Anderen insgeheim, aber doch wohl.

Uebrigens eine alte Regel der Hubschrauberrettung: das oberste Gebot ist, dass Hubschrauber und Pilot unbeschädigt bleiben; nur so können in Katastrophenfällen Viele gerettet werden. Oder mit anderen Worten: Sich um Menschen in Not kümmern kann man sich auch vorort, vor der Mauer. Auch hereinnehmen kann man Menschen, zur Ausbildung zum Beispiel, auch als Arbeitskräfte im Rotasystem, um keinen braindrain zu verschulden. Man muss nicht zwingend warten, bis sie zu Hunderttausenden ins Land drängen und die gesamte Infrastruktur krisenhaft lahmlegen.

Und heute müssen dennoch einige unbeirrte Nazi-Mahner betreten zu schweigen beginnen, unbelehrbare Anti-Nationalisten, vor allem jene, die den Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus vergessen oder nie gelernt haben: Herr Kurz hat verlangt, dass man die Germania-Burschenschaft verbieten soll. Obwohl er in Koalition mit der FPӦ regiert. Hatte er nicht allen Unkern höflich geantwortet, sie mögen ihn doch bitte an den Taten seiner Regierung messen?

Sicher: unsere heutige Demokratie ist dringend reparaturbedürftig. vor allem: dass rechthaberisches Hocken in unterschiedlichen Ecken der Republik demokratische Politik sein soll, ist schwer vermittelbar. Da ist der Stil der Zusammenarbeit in der Regierung von Herrn Kurz schon überzeugender. Oder worauf wollen die Damen und Herren der bisher regierenden Parteien damit hinaus, dass sie den kalten Krieg der Parteien, der dem Volk ohnehin nicht mehr verkäuflich ist, auf die Spitze treiben bis zum Stillstand von Politik? Fronten verhärtet zwischen politischen Parteien, Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Dabei hat es sich doch schon herumzusprechen begonnen, dass dem Klassenkampf besonders in Zeiten allgemeinen relativen Wohlstandes der Treibstoff ausgeht, auch, dass zunehmende globale Migration archaische soziale Verhaltensmuster aktiviert und auch Erinnerungen an die eigene Kultur weckt – man spricht rücksichtsvoll von „Werten“, um nicht wieder in die Diskussion um Kultur und Multikulturalität verwickelt zu werden. Mit Patrioten geht man da schon weniger zimperlich um: sie werden der Einfachheit halber oft rasch und kurzerhand zu Rassisten erklärt, wenn nicht gleich zu Nazis.

Was ist demokratischer? Zehn bis fast dreiβig Prozent – in manchen Regionen sogar die Mehrheit (Sachsen) – der eigenen Bevölkerung als Radikale und Asoziale zu beschimpfen und zu dämonisieren? Ein Volk mit erlogenen Zahlen zu spalten wie die Briten, Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen wie die USA, einander als Undemokraten ins Gefängnis zu stecken wie die Spanier? Oder repräsentative Demokratie in wohlwollendem Gespräch miteinander zu pflegen? Oder gar, mit diesem verachteten Teil des zerstrittenen Souveräns, des Volkes, freundlich Meinungen auszutauschen und Vernunftlösungen im Interesse des Landes zu finden, sogar auch Europas, mitten in der Mitte sich treffen, still sich freuend zuzusehen, wie sie von rechts und links zurückkommen? Was ist richtiger, die gegenseitige Dämonisierung, oder das Heimholen Williger in die Mitte der Gesellschaft?

A propos Europa: Mittlerweile sind ja nun so gut wie Alle für den Schutz der Auβengrenzen, nach der einen oder anderen Wende in den Wind. Gegen illegale Migration. Ist nicht tatkräftige, beispielhafte Entwicklungshilfe ein würdiger, konkreter, verheiβungsvoller Plan für eine Europäische Union, ein gemeinsames Ziel für ein endlich doch noch Vereintes Europa? Hat nicht jener Kontinent, der 500 Jahre lang zwischen sich selbst und dem Rest der Welt als unterentwickeltem, frei ausbeutbarem Territorium unterschied, ohnehin eine moralische Verantwortung aus der Sicht der eigenen kulturellen Entwicklung, nun diesem „Rest der Welt“, jedenfalls dem hilfsbedürftigen, tatkräftig zu helfen, ehrlich, nicht nur opportunistisch, Entwicklungshilfe tatsächlich als Hilfe zur eigenen Entwicklung anzupacken, auch unter eigenen Opfern? Aufbau Süd so zu sehen wie den Aufbau Ost der Deutschen- nach Möglichkeit sogar etwas besser? Haben wir Europäer nicht reichlich gemeinsam zu tun, um vieles von dem gutzumachen, was Vorfahren im Wettstreit gegeneinander weniger gut angefangen haben?

Man stelle sich vor, ein Kurz vermochte es, alle die Europäischen Bürger der Mitte aufzusammeln, und rechts und links davon, all Jene, die schon lange nichts anderes wollten als in ihrer Heimat so gut wie möglich ungestört leben zu bleiben, die auch bereit wären, dafür Opfer zu bringen, so wie sie es als „Zivilgesellschaft“ im Jahr 2015 bereitwillig taten. Und dieser Kurz würde der globalisierten Industrie Europas klar machen können, dass auch sie Entwicklungshilfe leisten muss, in bar und in Ausbildung, damit die dortige Infrastruktur sich der unseren angleichen kann, nach deren kulturellen Vorstellungen zwar, aber immerhin – ein wenig augenzwinkernder Opportunismus muss immer noch erlaubt bleiben – aber immerhin als neuer Weltmarkt, fünfmal so groβ wie der heutige, genug Zukunftsperspektiven für Alle. Ein Kurz, der nicht Europa will, weil damit Frankreich wieder groβ wird, oder Deutschland weiter am gröβten bleibt, oder so manche Anderen davon profitieren können, nehmen ohne beizutragen (Jeder kann etwas beitragen, es geht hier um guten Willen, nicht immer nur um Rechte), nein, ein Kurz, der es vermag, Alle über ihren gemeinsamen Interessen zusammenzuführen. Es wäre hoch an der Zeit, um nicht zu sagen, eine letzte Chance.

Ein Europa, als Start in eine neue Phase des Vereinigungsprozesses in diesem Interesse vereint dank der Regierung eines praktisch, unkompliziert pragmatisch und fair handelnden, wohlwollend empfangenden und integrierenden  Kurz – wann kommt er?

[i] http://www.euronews.com/2018/01/31/austria-s-social-democrats-under-fire-over-nazi-fraternity-songbook, vom 31.01.2018.

[ii] https://www.gmx.at/magazine/politik/burschenschaft-germania-regierung-leitet-aufloesungsverfahren-32776798, vom 31.01.2018

 

Die Europäische Mitte hat ihre Mitte verloren

Das politische Patt – ein psychiatrisches Problem der Volksparteien, ein psychisches Problem der Verwalter der Macht

 

 

Dass auch Politiker Menschen sind, dass das Schicksal ganzer Völker von der Befindlichkeit einzelner Machthaber abhängt, zeigt sich am Verhalten der Bürgerparteien nach den Wahlen von 2017: weil ein Mann mit einem anderen nicht gut kann, gehen die Volksparteien die dringend gebotene Koalition nicht ein. Beide sozialistischen Parteien werden ihrem demokratischen Auftrag nicht gerecht, reagieren nicht auf ihren Auftrag, übertragen von ihren Wählern, ziehen sich narzisstisch gekränkt in die Opposition zurück. Stattdessen sollten sie die Parteiführung austauschen und ihrerseits auf die konservativen Parteien zugehen mit der drängenden Bereitschaft zu Koalitionen. Wie anders können sie glaubwürdig bleiben mit ihrer Kritik an Populisten, die sie als schädlich bezeichnen und für drohende Gefahren vorbeugend verantwortlich machen? Doch nur, indem sie nicht mehr nur auf sich selbst und ihre eigenen Argumente als Partei hören, sondern auf das, was aus dem Volk tatsächlich offenbar wird. Nicht, dass man – selbst populistisch – alle diese Töne und Befindlichkeiten hörig in Politik umsetzen müsste, nein, es geht um das Wissen darum, um das ehrliche Befassen damit im Sinne des Auftrags, der ihnen vom Volk gegeben wurde: Verantwortungsvoll für das „gemeinsame Gut“ zu handeln, nicht für eine Spaβgesellschaft und nicht für die Macht einer Partei.

Wie konnten die Konservativen nur hoffen, glaubwürdig zu bleiben, indem sie einerseits sagten, ihre Protestwähler hätten die Rechten nicht aus Überzeugung gewählt, nur um dann erst recht die Rechten regieren zu lassen, Jene, von denen sie sagen, dass ihre davongelaufenen Protestwähler sie gar nicht wirklich wollten?

Die Schuldigen an Ratlosigkeit und Verwirrung nach diesen Wahlen sind beide bürgerlichen Parteien: mit ihrem nachgerade narzisstischen Verhalten demonstrieren sie ihre wahre Motivation. Ginge es ihnen nicht nur um die eigene Macht, könnten sie ihren eigenen volkseinlullenden, selbstgerechten Populismus beenden, aufhören mit antinationalem Getöse, das alle Patrioten verschreckt, stattdessen die akzeptablen, „vernünftigen“ Argumente der abtrünnigen bürgerlichen Wähler übernehmen und gemeinsam eingedenk der bisher erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft gemeinsam ihre Länder weiter verwalten. All die gegenseitigen Bezichtigungen sind nichts als unglaubwürdiges Gerede, das verrät, dass dahinter nur der Machtwunsch drängt. Auch die direkte Koalition mit den Vertretern nationalistischer Argumente ist ein fataler Fehler, der sich in Kürze als Fortsetzung der immer schwächer werdenden Demokratie präsentieren wird. Zu Kurz gedacht, leider. Geifernd, mit bebenden Nüstern, stehen sie jetzt in den Startlöchern, Jene, die tatsächlich Nationalisten sind, Jene die den guten Ruf des Patriotismus zu zerstören schafften, indem sie die bürgerlichen Parteien zu antinationalen Parolen provozierten. Nicht sie aber, sondern die bürgerlichen Parteien haben diesen guten Ruf des Patriotismus zerstört und damit ihre Wähler verloren. Beide Länder der Mitte haben jetzt ihre Rechtsparteien in den Parlamenten sitzen, die Einen, weil sie sich sich über den Tisch ziehen lieβen, die Anderen, weil sie schmollend abzuwarten gedenken und gnädig mit den Kleinen verhandeln, beide, weil sie nicht willens und nicht imstande waren, ihre Sozialpartner, die Sozialisten, deren Viele als Arbeiter zu wohlhabenden Bürgern geworden sind und die Arbeiterpartei zu einer bürgerlichen Partei werden lieβen, zurück an den Tisch der Sozialpartnerschaft zu bringen und beispielgebend für das Europäische Projekt und das Beispiel Europas für die Welt zu wirken: als Vertreter von Völkern, deren Bürger fair miteinander umgehen wollen, miteinander, nicht gegeneinander als soziale Feinde in einem Kalten Krieg der Parteien. Nicht der Streit ist Demokratie, sondern die Gemeinsamkeit in Fairness, eingedenk der wirklichen Menschenwürde, nicht nur der kühlen Menschenrechte eines Rechtsstaates, der befiehlt, verbietet und sich als Diktator der Mehrheit entlarvt. Wer Demokratie als nichts anderes sieht denn als Mittel fuer persoenliche Freiheit, hilft der Demokratie scheitern und untergehen, wie es die Alten prophezeihten.

Diskussionen über Demokratie in unseren Tagen gehen weitgehend am Hauptthema vorbei: es wird zwar erwähnt, dass Viele die Politik als schwach erleben und meinen, die Macht hätten die Wirtschafts-Multis; aber dass es sich tatsächlich so verhält, dass die Wirtschaft die Gesellschaft quasi still und leise, jedenfalls unterschwellig, in eine Konsumgesellschaft umfunktioniert hat, in der man mehr betreten als hilflos diskutiert über die eigenen Werte – nein, diskutieren kann man das eigentlich nicht nennen – jedenfalls eine Gesellschaft, in der alle sogenannten Werte zugunsten vorgeschobener Argumente wie der Erhaltung von Arbeitsplätzen (die dann dennoch verloren gehen) geopfert werden, wenn auch oft heimlich in Übersee, dort, wo man es nicht täglich ansehen muss, heimlich auch, wenn dann plötzlich europäische Waffen in den Händen von Parteien auftauchen, gegen die europäische Länder als Hilfestellung vorgehen. Was noch erfolgreicher in politischer Korrektheit aus der öffentlichen Debatte ferngehalten wird, ist die Tatsache, dass diese „Wirtschaft“ von Milliardären regiert wird, denen es bisher erlaubt geblieben ist, einen social divide von noch nie dagewesenem Ausmaβ zu verursachen, mitten in – oder besser gesagt zwischen – demokratischen Staaten, die damit wieder alle ihre Werte mit Füβen treten – gerade mal noch einige „linke“ Politiker wagen es zu erwähnen; die Sozialisten sind längst Bürger neben den konservativen Bürgern mit flieβendem Übergang. Alle Bürger und Parteien der Mitte tun so, als wüssten sie von dieser Schande nichts, der Schande, dass eine Demokratie, eine Regierung „durch das Volk“ es so weit kommen lassen konnte – und nun diktiert die politische Korrektheit, dass man darüber nicht spricht, weder, dass es sich um einen schändlichen Ausverkauf der Demokratie handelt, und schon gar nicht, dass es sich um eine ernste Gefahr handelt: im letzteren Fall wird dann nämlich der Kritiker umgehend zum Radikalen erklärt, dem man dann nachsagt, er versuche das herbeizuführen, was der Kritiker den Politikern als Nachlässigkeit, als Trägheit vorwirft, nämlich, dass sie zulassen, ja sogar bewirken, dass es zu einer Rechtsbewegung kommt, weil die Menschen diesen Politikern nichts mehr zutrauen.

Die deutschen Medien reden heute von Balanceakt an einem Punkt, wo sie sich weiterhin unehrlich verhalten und sich weigern einzugestehen, dass sie ueber Jahre mit der von ihnen propagierten politischen Korrektheit in ihrem Lande einfach falsch lagen: den Österreichischen Konservativen werfen sie vor, es den Rechtspopulisten nachzumachen; ihren eigenen Konservativen prognostizieren sie, dass sie einen Balanceakt vor sich hätten, neben den Rechtspopulisten in ihrem Parlament von Heimatliebe, von Patriotismus und Identität zu reden, ohne in denselben Verdacht zu geraten, obwohl sie wissen, dass ihre konservativen Bürger ihre Rechtspopulisten gewählt haben, weil sie Patrioten sein dürfen wollen, weil ihre Regierung bisher die politische Korrektheit des Anti-Nationalismus auch auf den Patriotismus ausgedehnt hat. Dies in einer Selbstgerechtigkeit, die offenbar auf dem Erfolg ihrer Wirtschaft ruht, ohne jegliches Recht darauf aus demokratischer Sicht: aus derselben Selbstgerechtigkeit heraus befragen diese Medien einen Interviewpartner, was da faul sei im Staate Malta, nur um sich sagen lassen zu müssen, dass deutsche Unternehmen die dortige Mafiastruktur für ihre Zwecke nutzen, und dass es auch in Deutschland selbst ähnliche Strukturen gäbe.

 

Demokratie, das moderne Instrument der Macht: Politiker pflegen sie darin, ihre Macht, die Reichen werden darin immer reicher, auf Kosten der anderen; die Medien kommentieren und manipulieren, statt sich auftragsgemäβ auf neutrale Berichterstattung zu beschränken.

Gewaltenteilung wird gespielt wie ein Theaterstück – die Wahrheit spielt sich hinter jenem Vorhang der politischen Korrektheit ab, der von Medien und Politik in beiderseitigem Interesse jeweils an den kritischen Stellen des Stücks herabgelassen wird. Weh‘ dem, der zu sagen wagt, er wisse, was sich dahinter verbirgt. Notfalls wird dann diese Form von Demokratie zur absolutistischen Herrschaft einer Volksmehrheit, deren angebliche Rechtsstaatlichkeit darin besteht, die Interessen der Macht zu schützen, nicht die des Volkes.

Liebe Leute, besonders ihr jungen Leute, die nach Neuem streben: auch wenn sich Geschichte niemals lückenlos wiederholen wird können, es gibt da, betreffend den Menschen an sich, seit gut 2500 Jahren nichts wesentlich Neues, jedenfalls seit es politologisches oder polit-philosophisches Schrifttum gibt. Es gibt nur: den Willen zur Fairness, oder die Ausbeutung, samt den jeweils dazugehörigen Versteckspielen. All dies beruht darauf, dass wir Menschen in unseren Genen und Kulturen vieles als Erbe mittragen müssen, das gute neunzig Prozent unseres Verhaltens bestimmt. Auch wenn wir Willen haben wollen und uns im Prinzip Imperativen beugen, es bleibt uns insgesamt doch nur der gute Wille als Wegweiser, und der erfordert Gemeinsamkeit, nicht Kalten Krieg der Parteien gegeneinander. Dabei nützt es nicht, einander als „Sozialpartner“ zu bezeichnen. Der gute Wille müsste schon wirklich und echt sein. Ich sage dies vor allem, weil ich jenen Historikern recht gebe, die meinen, ein kreisförmiges Kommen und Gehen von Kulturen und politischen Systemen[i] sei nicht zwingend[ii]. Allerdings: die Rettung vor dem drohenden anarchischen Chaos mit nachfolgender Diktatur von was auch immer, diese Rettung hängt vom guten Willen ab, dem unbedingten guten Willen zu gemeinsamen Lösungen in Fairness.

 

[i] Platon, Politeia, 8.Buch.

[ii] Z.B. Arnold Toynbee, Menschheit und Mutter Erde. Geschichte der grossen Zivilisationen.