Mauern um Athen. Oder: wann kommt der deutsche Kurz

Oder eigentlich: wann kommt der Kurz für Europa

 

Mit dem heutigen Tag werden sich das wohl viele Bürger der Mitte fragen, das hoffe ich jedenfalls, für Deutschland, und für Europa. Denn heute hat der Ӧsterreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz den ewig aggressiv-Misstrauischen eine erste verheiβungsvolle Tat präsentiert, auch wenn nicht einmal Euronews sie zur Kenntnis nehmen will, sondern immer noch in die rechtsradikale Ecke schielt und stellt[i]:

Burschenschaft Germania: Regierung leitet Auflösungsverfahren ein[ii]

Ja, und es war in der Tat nicht nur China, und die a priori Medienschelte gegen Trump wird auch zusehends unsicher. Zweimal mussten die Athener sie errichten, ihre Mauern zwischen der Stadt und den Hafenanlagen (die Stadtmauern selbst dreimal). Das zweite Mal wurden die Stadtmauern nach der Niederlage gegen die Perser unter Xerxes ab 461 v.Chr. errichtet, gefolgt von 6 km-langen Mauern zum Piraeus. Und danach noch ein weiteres Mal nach den Peloponnesischen Kriegen ab 393 v.Chr. Die Athener Demokraten hatten sie errichtet, immer wieder, und immer wieder verraten von ihren eigenen Leuten, Oligarchen und Tyrannen; zugegeben, auch ihre Frauen, Kinder und Sklaven werden mitgeholfen haben, die damals noch nicht wählen durften – allemal eine eindrucksvolle Leistung angesichts eines Bauwerkes von über 30 km Länge, zurecht gefeiert als ein Triumph der Demokratie. Die letzte Version davon hielt bis 86 v.Chr., als Sulla mit den Römischen Legionen Griechenland endgültig dem Reich einverleibte.

Und: ja, eine Mauer, eine gewaltige Mauer zum Schutz der Demokratischen Gesellschaft des Stadtstaates Athen, unserer Wiege der Demokratie.

Man muss darüber jetzt nicht betreten schweigen. Wir sind ja alle Demokraten mit Streitkultur. Also kann man ohne weiteres zugeben, dass sich Frau Merkel damals bei Herrn Kurz nicht öffentlich bedankt hat, als er die Schlieβung der Balkanroute bewirkte und Mitteleuropa, vor allem aber auch Deutschland, vor einer weiteren Invasion bewahrte – Zivilgesellschaft hin oder her; die Leute wollten eben nicht andauernd für die Fehler ihrer Politiker geradestehen, die vergessen hatten, den Menschen in den Fluchtgebieten rechtzeitig Hilfe zukommen zu lassen und vorort Asylantragsstellen einzurichten. Sie waren Herrn Kurz letztlich allesamt sehr dankbar, die Einen laut, die Anderen insgeheim, aber doch wohl.

Uebrigens eine alte Regel der Hubschrauberrettung: das oberste Gebot ist, dass Hubschrauber und Pilot unbeschädigt bleiben; nur so können in Katastrophenfällen Viele gerettet werden. Oder mit anderen Worten: Sich um Menschen in Not kümmern kann man sich auch vorort, vor der Mauer. Auch hereinnehmen kann man Menschen, zur Ausbildung zum Beispiel, auch als Arbeitskräfte im Rotasystem, um keinen braindrain zu verschulden. Man muss nicht zwingend warten, bis sie zu Hunderttausenden ins Land drängen und die gesamte Infrastruktur krisenhaft lahmlegen.

Und heute müssen dennoch einige unbeirrte Nazi-Mahner betreten zu schweigen beginnen, unbelehrbare Anti-Nationalisten, vor allem jene, die den Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus vergessen oder nie gelernt haben: Herr Kurz hat verlangt, dass man die Germania-Burschenschaft verbieten soll. Obwohl er in Koalition mit der FPӦ regiert. Hatte er nicht allen Unkern höflich geantwortet, sie mögen ihn doch bitte an den Taten seiner Regierung messen?

Sicher: unsere heutige Demokratie ist dringend reparaturbedürftig. vor allem: dass rechthaberisches Hocken in unterschiedlichen Ecken der Republik demokratische Politik sein soll, ist schwer vermittelbar. Da ist der Stil der Zusammenarbeit in der Regierung von Herrn Kurz schon überzeugender. Oder worauf wollen die Damen und Herren der bisher regierenden Parteien damit hinaus, dass sie den kalten Krieg der Parteien, der dem Volk ohnehin nicht mehr verkäuflich ist, auf die Spitze treiben bis zum Stillstand von Politik? Fronten verhärtet zwischen politischen Parteien, Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Dabei hat es sich doch schon herumzusprechen begonnen, dass dem Klassenkampf besonders in Zeiten allgemeinen relativen Wohlstandes der Treibstoff ausgeht, auch, dass zunehmende globale Migration archaische soziale Verhaltensmuster aktiviert und auch Erinnerungen an die eigene Kultur weckt – man spricht rücksichtsvoll von „Werten“, um nicht wieder in die Diskussion um Kultur und Multikulturalität verwickelt zu werden. Mit Patrioten geht man da schon weniger zimperlich um: sie werden der Einfachheit halber oft rasch und kurzerhand zu Rassisten erklärt, wenn nicht gleich zu Nazis.

Was ist demokratischer? Zehn bis fast dreiβig Prozent – in manchen Regionen sogar die Mehrheit (Sachsen) – der eigenen Bevölkerung als Radikale und Asoziale zu beschimpfen und zu dämonisieren? Ein Volk mit erlogenen Zahlen zu spalten wie die Briten, Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen wie die USA, einander als Undemokraten ins Gefängnis zu stecken wie die Spanier? Oder repräsentative Demokratie in wohlwollendem Gespräch miteinander zu pflegen? Oder gar, mit diesem verachteten Teil des zerstrittenen Souveräns, des Volkes, freundlich Meinungen auszutauschen und Vernunftlösungen im Interesse des Landes zu finden, sogar auch Europas, mitten in der Mitte sich treffen, still sich freuend zuzusehen, wie sie von rechts und links zurückkommen? Was ist richtiger, die gegenseitige Dämonisierung, oder das Heimholen Williger in die Mitte der Gesellschaft?

A propos Europa: Mittlerweile sind ja nun so gut wie Alle für den Schutz der Auβengrenzen, nach der einen oder anderen Wende in den Wind. Gegen illegale Migration. Ist nicht tatkräftige, beispielhafte Entwicklungshilfe ein würdiger, konkreter, verheiβungsvoller Plan für eine Europäische Union, ein gemeinsames Ziel für ein endlich doch noch Vereintes Europa? Hat nicht jener Kontinent, der 500 Jahre lang zwischen sich selbst und dem Rest der Welt als unterentwickeltem, frei ausbeutbarem Territorium unterschied, ohnehin eine moralische Verantwortung aus der Sicht der eigenen kulturellen Entwicklung, nun diesem „Rest der Welt“, jedenfalls dem hilfsbedürftigen, tatkräftig zu helfen, ehrlich, nicht nur opportunistisch, Entwicklungshilfe tatsächlich als Hilfe zur eigenen Entwicklung anzupacken, auch unter eigenen Opfern? Aufbau Süd so zu sehen wie den Aufbau Ost der Deutschen- nach Möglichkeit sogar etwas besser? Haben wir Europäer nicht reichlich gemeinsam zu tun, um vieles von dem gutzumachen, was Vorfahren im Wettstreit gegeneinander weniger gut angefangen haben?

Man stelle sich vor, ein Kurz vermochte es, alle die Europäischen Bürger der Mitte aufzusammeln, und rechts und links davon, all Jene, die schon lange nichts anderes wollten als in ihrer Heimat so gut wie möglich ungestört leben zu bleiben, die auch bereit wären, dafür Opfer zu bringen, so wie sie es als „Zivilgesellschaft“ im Jahr 2015 bereitwillig taten. Und dieser Kurz würde der globalisierten Industrie Europas klar machen können, dass auch sie Entwicklungshilfe leisten muss, in bar und in Ausbildung, damit die dortige Infrastruktur sich der unseren angleichen kann, nach deren kulturellen Vorstellungen zwar, aber immerhin – ein wenig augenzwinkernder Opportunismus muss immer noch erlaubt bleiben – aber immerhin als neuer Weltmarkt, fünfmal so groβ wie der heutige, genug Zukunftsperspektiven für Alle. Ein Kurz, der nicht Europa will, weil damit Frankreich wieder groβ wird, oder Deutschland weiter am gröβten bleibt, oder so manche Anderen davon profitieren können, nehmen ohne beizutragen (Jeder kann etwas beitragen, es geht hier um guten Willen, nicht immer nur um Rechte), nein, ein Kurz, der es vermag, Alle über ihren gemeinsamen Interessen zusammenzuführen. Es wäre hoch an der Zeit, um nicht zu sagen, eine letzte Chance.

Ein Europa, als Start in eine neue Phase des Vereinigungsprozesses in diesem Interesse vereint dank der Regierung eines praktisch, unkompliziert pragmatisch und fair handelnden, wohlwollend empfangenden und integrierenden  Kurz – wann kommt er?

[i] http://www.euronews.com/2018/01/31/austria-s-social-democrats-under-fire-over-nazi-fraternity-songbook, vom 31.01.2018.

[ii] https://www.gmx.at/magazine/politik/burschenschaft-germania-regierung-leitet-aufloesungsverfahren-32776798, vom 31.01.2018

 

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