Keine Sorge, nur noch 3 Minuten Lesezeit, dann hast du alles drin – so eilt und drängt es von vielen Websites der online- Zeitungen. Rasch eine Neuigkeit aufgeschnappt – und auch gleich weitergewhatsapped – hast Du schon gehört ….

Und schon drängt die nächste Neuigkeit nach; gierig nehmen wir sie auf, süchtig nach Abwechslung und Sensation. Keine Sorge- dauert nur einen Moment, dann haben wir dir unsere Meinung eingebrannt, irgendwo in deinem Unterbewusstsein, wo sich dann aufsammelt und festsetzt, wie wir deine Reaktion, dein Verhalten wollen und für unsere Zwecke brauchen. So wird flüchtige Information zu unreflektierter Meinung, zu angeblichem Wissen, das unkritisch geglaubt wird, von Verstandenhaben redet keiner mehr. Auch von Glaubwürdigkeit reden immer Weniger, denn man gewöhnt sich an das Gezwitscher von Trump und Co., man beeilt sich sogar zunehmend, sie zu imitieren. Glaubwürdig oder nicht, „alternative“ oder „false“ – Hauptsache sensationell, aufregend oder beruhigend, je nach momentanem Bedarf – und vor allem: kurz!

Was bewirken die sozialen Medien eigentlich wirklich? Erhöhen sie etwa die Dichte unserer Kommunikation, unser gegenseitiges Verständnis, unser Miteinander und Für-einander? Unser kritisches Denken, diese Voraussetzung für sinngebende Individualität?

Die Rolle der sozialen Medien

“Dieses Thema ist eng mit der Sozial-Epistemologie (siehe z.B. S. 48,  Anm. N228) und dem Glauben an Gerüchte (S. 65 – siehe hier nächster Abschnitt) –  verbunden, also mit der Frage nach der Relevanz von Meinungen großteils nicht speziell gebildeter Leute, deren Wissen geprägt ist von ungefilterten Informationen aus dem Netz. Diesbezügliche Ansichten und Untersuchungen erhalten derzeit große Aufmerksamkeit.[i]

Die modernen sozialen Medien sind keine Voraussetzung für das Zusammentreffen von Menschengruppen oder –massen; sicher aber wirken sie als Beschleuniger, so wie sie auf soziale Brennpunkte wie ein Vergrößerungsglas und eine Brennlinse einwirken. Solche Ansammlungen sind jedoch oft nichts als der Ausbruch eines irrationalen Massenphänomens ohne jegliche kritische Bedachtnahme auf ein tatsächliches Ereignis, berufen sich vielmehr eher auf Gerüchteküche und Flüsterpropaganda, stürzen lediglich die soziale Ordnung in ein Chaos – alles geht schneller, spiegelt aber nur die alte Irrationalität. Meuten sind rasch und leicht erregbar, das Monster ohne eigenes Gehirn gerät unbedacht in Rage; der wahre Hintergrund und Auslöser bleibt oft unbekannt oder unbeachtet. Nie zuvor war es daher leichter, Sinn auf Knopfdruck umzukehren in Wahnsinn. Darüber hinaus ergeben Analysen von “chats“ auf sozialen Medien, dass diese gegenseitige Versicherung von Überzeugungen innerhalb gleichgesinnter Gruppen “extreme politische Spaltung [hervorrufen muss]”.*58 Einer der gefährlichsten Aspekte der sozialen Medien ist, dass sie wirken wie Nektar in Blumenblüten für Bienen: die Leute genießen die Lust am scheinbar geheimen Zugang zu Themen und Optionen, von denen sie niemals zugeben würden, dass sie daran interessiert sind – teilweise werden sie dazu mit subliminalen psychologischen Tricks verführt. Auf der anderen Seite sitzt verborgen eine Armee von Spionen, die tatsächliche Motivation mit diesen neuen Diensten: wie wir alle wissen, durchsuchen sie den riesigen Datenberg, der sich bei ihnen ansammelt, werten ihn aus und verkaufen ihr Wissen an Händler, die damit wiederum unser Kaufverhalten zu steuern versuchen.58 An diesem Punkt verweist der Datenforscher Stephens-Davidowitz auf die Worte von Tristan Harris, seinerseits ein Beobachter derer, die uns beobachten: “Tausende von Leuten sitzen auf der anderen Seite des Bildschirms, deren Job es ist, deine Selbstkontrolle zu brechen “.* 58 Auf längere Sicht sogar noch gefährlicher ist die nivellierende Wirkung auf die individuelle Urteilskraft und Kommunikationsfähigkeit, wie Schischkoff schon vor mehr als 50 Jahren  besorgt feststellte:N152 siehe übernächsten Abschnitt – die zunehmende Vermüllung des Alltags mit Tele- und Pseudo-Kommunikation scheint einherzugehen mit einer Verarmung der eigentlichen, tatsächlichen, Kommunikation unter Einsatz aller Sinne.” [ii]

Der Glaube an Gerüchte

“Ist es nicht gleichermaßen faszinierend und niederschmetternd zu sehen, wie leicht sich falsche Gerüchte unter Menschen verbreiten lassen, wie man sie mit gezielter Manipulation aufhetzen und dabei zusehen kann, wie Gerüchte zu Wahrheit werden, nur weil andere es wussten und weiterflüsterten? Viele Unschuldige wurden auf diesem Wege zu Opfern gemacht: die Juden während der mittelalterlichen Pocken-Epidemien, die koreanischen Gastarbeiter im Japan des Jahres 1910 nach dem Erdbeben in Tokyo: beiden Gruppen wurde nachgesagt, sie hätten den Leuten ihre Brunnen vergiftet und müssten deshalb verfolgt und getötet werden. Auch der unauslöschliche mittelalterliche Aberglaube an die Blutschande der Juden ist ein solch evolutionäres „kulturelles Erbe“ – auch die Ereignisse 1914 um den Beginn des Ersten Weltkrieges: wegen der Ermordung des österreichischen Kronprinzen in Sarajewo wurde die Bevölkerung durch Gerüchte zum Glauben daran manipuliert, dass alle Serben verdächtig und unverlässlich seien, deshalb müsse gegen Serbien Krieg geführt werden („Serbien muss sterbien“ war der Wahlspruch jener Tage). Ähnliche Überzeugungen kamen dort erneut hoch zwischen den Parteien im früheren Jugoslawien, alte Mythen wurden wieder hervorgekramt, um die Menschen in einem Gefühl der Gemeinsamkeit auf Basis fragwürdiger historischer Fakten in einem gefälschten kulturellen Gedächtnis zu vereinen (das von den Türken geschändete serbische Reich musste gerächt werden).N100

In heutigen Demokratien werden diese tief verwurzelten spontanen Überzeugungen weiter genährt, in vorurteilsbeladenen Pressemeldungen, psychologischer Manipulation mit Hilfe verschiedener Medien, auch in Form des sogenannten „whistle-blowing“, das mitunter lediglich ungestrafte Denunziation ist. Zusammen mit weiterem instinktivem Verhalten wie Xenophobie und Territorialität erzeugen sie die Vorurteile von heute, gefährlich missbraucht von gegnerischen politischen Parteien – Populismus, den alle praktizieren, nicht nur Jene, die politisch korrekt als solche dämonisiert werden.” [iii]

 

Die Sorge um diese sozialen Medien im digitalen Zeitalter hat schon eine erheblich lange Geschichte:

„Über all den neuen Medien moderner Kommunikation laufen wir Menschen in eine fundamental wirkende Gefahr; Schischkoff schrieb dazu: „Mit der Ausbildung und Ausweitung der Massenkommunikation auf die Größenordnung der modernen Zivilisation hat die eigentliche Kommunikationsfähigkeit der Menschen ihre wichtigste Komponente verloren. Das Kommunikative im Menschen bedingt nämlich nicht nur Mitteilbarkeit und Verbindung, sondern in gleichem Maße auch die Gegenseitigkeit und reflektierendes Aufeinander-Bezogensein … deren Zerstörung gleichbedeutend ist mit dem Abbau von Individualität und schöpferischer Kraft im Einzelnen“.441

„ … staatlich garantierte Freiheiten oder Förderungsmaßnahmen zur Entfaltung des Einzelnen, bleiben nur leere Formen, solange das herausfordernde Bewußtsein von dieser Bedrohung zum Zünden der individuellen Kräfte nicht ausreicht. Der Irrtum beginnt mit dem leichtfertigen Glauben, daß die modernen Einrichtungen und Zielsetzungen für Schulung und Erziehung ausreichende Gegenmaßnahmen zum großen Zerfallsprozeß seien und daß sie persönliche Abwehrkräfte im je einzelnen Bewußtsein zu zünden oder mindestens die Bedingungen dafür zu schaffen vermögen. Gerade das Gegenteil dürfte der Fall sein“.441 [iv]

In der Tat: Was bislang erreicht wurde auf dem neuen Weg ins digitale Zeitalter mit seiner Allseits-Beschleunigung und gewollten Multilateralisierung, ist Multi-Polarisierung. Gleichschwingende Gruppen und Massen nesteln und rotten sich effizienter zusammen, sind eindeutiger gegen die Anderen als je zuvor. Demokratien erklären sich zunehmend durch ihr Recht auf Massenaufläufe, Demonstrationen, Aufstände – gegeneinander aufgeschaukelt im Dunst digitaler Kommunikation. Staaten zerfallen, Kulturkreise belügen ihre eigenen Leute und einander und behorchen sich gegenseitig, rüsten ihre Meinungen gegeneinander.

Am Dorf braucht es keine sozialen Medien – die Menschen dort haben einander schon immer von hinterm Vorhang bewacht, wurden schon immer einer Meinung gegen Einen oder eine Gruppe von Anderen. In der Großstadt gibt es mehr Singles als je zuvor, die Wissenschaft weiß nichts von dichterer Kommunikation, warnt vor Isolation mitten in der virtuellen Kommunikation. Dabei heißen diese neuen Kommunikationsmedien „sozial“, und sie bieten unendlich viele nützliche Anwendungen – wären da nicht der Missbrauch durch Jene, die uns manipulieren wollen, und die Suchtgefahr bei uns selbst.

[i] M. Leitner, edt., Digitale Bürgerbeteiligung: Forschung und Praxis – Chancen und Herausforderungen der elektronischen Partizipation, Springer Vieweg 2018

[ii] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, S. 174

[iii] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, S. 65

[iv] LM Auer, Demokratie 4.0. Evidenz statt Macht, zweite Auflage, BoD 2019, Anmerkung N152

Titelbild: PacoZea.com

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