Papst Franziskus‘ Kampf gegen das technokratische Paradigma

Nicht „das technokratische Paradigma“ beherrscht Wirtschaft und Politik und damit den Menschen, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“ schreibt [1] und damit auf R. Guardini verweist,[2] sondern Menschen in ihrer Machtgier missbrauchen jegliche sich bietende Möglichkeit zur Ausbeutung, als Selbstzweck, ohne natürliche Hemmung, bis hin zu der von Canetti beschriebenen paranoischen Machtkrankheit.[3]

Allerdings trifft zu, dass „Das technokratische Paradigma … heute so dominant geworden [ist], dass es sehr schwierig ist, auf seine Mittel zu verzichten, und noch schwieriger, sie zu gebrauchen, ohne von ihrer Logik beherrscht zu werden. Es ist „kulturwidrig“ geworden, wieder einen Lebensstil mit Zielen zu wählen, die zumindest teilweise von der Technik, von ihren Kosten und ihrer globalisierenden und vermassenden Macht unabhängig sein können“. Umso größer ist also die Verantwortung derer, die ohne Hemmung und Vernunft die wachsende und z.T. instinktgebundene Abhängigkeit der Menschen schaffen und missbrauchen – besonders verdeutlicht in der Glücksspielindustrie und die dafür eingesetzte TV-Werbung. Denn häufig wird unterschätzt, wie sehr der durchschnittliche Mensch ein Kind seiner „Kultur“ ist, geprägt von der Umgebung, in die er hineinerzogen oder – meist weitgehend unerzogen – hineingewöhnt wurde. Danach von diesen Menschen ein Gewissen zu fordern, das in der Lage ist, Unrecht zu erkennen und gegen die herrschende öffentliche Meinung und „Kultur“ zu leben und zu handeln, ist die Forderung nach „Selbstverheiligung“.

Betreffend die Notwendigkeit zu einer Veränderung, einer Neuen Aufklärung, muss zuerst erkannt und gewürdigt werden, dass die Evolution selbst den Menschen durch die Entstehung der Bewusstheit an den Punkt solcher Entscheidungsnot gebracht hat: Bewusstheit entfaltet drei entscheidende Kräfte in diesem Endstadium der Evolution: die intelligente Neugier und den Forscherdrang; die Verführung zum Genuss im Selbstzweck; und drittens als entscheidende Kraft die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis all dessen, ja zur Selbsterkenntnis der Evolution in dieser menschlichen Bewusstheit: diese letztere Kraft gilt es in einer neuen Aufklärung, hinein in eine neue Kultur, zu entfalten: die Fähigkeit, nicht nur zu erkennen, dass der mächtige Sog zum Handeln und Genießen als Selbstzweck in die Selbstvernichtung führt, sondern Wege zu finden, dieser Verführung zu widerstehen und damit zu überleben.

Einer dieser Wege ist eine Neue Aufklärung zur Erziehung in eine neue Gesellschaft, die der Ethik eines reziproken Altruismus folgt. Wann immer das Anthropozän enden sollte, oder auch nur die Neuzeit, selbst wenn es „nur“ der Untergang des Abendlandes sein sollte, es wäre deshalb, weil die betroffenen Menschen nicht willens waren, von dieser ihrer Fähigkeit Gebrauch zu machen und ihr Leben entsprechend dieser Erkenntnis zu gestalten.

Weiter bei Papst Franziskus: „Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann. In diesem Kontext scheint es unmöglich, dass irgendjemand akzeptiert, dass die Wirklichkeit ihm Grenzen setzt. Ebenso wenig existiert in diesem Gesichtskreis ein wirkliches Gemeinwohl. Wenn dieser Menschentyp in einer Gesellschaft tendenziell der vorherrschende ist, werden die Normen nur in dem Maß respektiert werden, wie sie nicht den eigenen Bedürfnissen zuwiderlaufen“.[4] Papst Johannes Paul II. sprach von einem „Gefühl der Ungewissheit und der Unsicherheit, das seinerseits Formen von kollektivem Egoismus […] begünstigt[5] Dieser „kollektive Egoismus“ mit dem wissenschaftlichen Namen „Sozial-Hedonismus“ ist neben der Förderung von freier Marktwirtschaft mit nahezu unbegrenztem Raubkapitalismus eine weitere autodestruktive Schwäche liberaler Demokratie mit der Gefahr des Abgleitens in Mediokratie und auch Autokratie.[6]

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Kommentar  E18 aus „Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik“, LIT-Verlag, im Druck 2020.

Zitate markiert mit „E“ beziehen sich auf andere Artikel auf dieser Website.

Zitate markiert mit „A“ beziehen sich auf Anmerkungen im Buch unter Ref. [6].

Seitenangaben im Text beziehen sich auf Ref. [6].

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[1] Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus, §108. http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html#_ftnref88

[2] Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 91965, S. 63-64. Grünewald 2016

[3] Elias Canetti, Masse und Macht, Claassen 1960.

[4] http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html#_ftnref154, § 204, abgefragt am 15.05.2020.

[5] Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 1990, 1: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 19, Nr. 50 (15. Dezember 1989), S. 1; AAS 82 (1990), S. 147, zit. bei Laudato si § 204.

[6] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

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