Aus der negativen Freiheit von Unterdrückung in die positive Freiheit zur Selbstbeschränkung

Es geht mir hier vor allem um die Aufklärung einer seit Jahrhunderten falsch eingefädelten politischen Reaktion auf asoziales Verhalten des menschlichen Individuums. Die Kette der Re-Interpretationen seit Aristoteles ist lang: er hatte sich von der Ideenlehre Platons ab- und dem wirklichen menschlichen Dasein zugewandt. Machiavelli griff diesen Lösungsansatz in seinem „Principe“ mit dem Hinweis auf, dass man die Dinge so sehen müsse, „wie sie sind“, und nicht „wie sie sein sollen“.[1] Dies galt auch für das menschliche Streben nach Freiheit und Glückseligkeit: das belebende  Wiedererstarken dieses Bestrebens in der Renaissance, verbunden mit der Befreiung aus der religiösen Umklammerung und Bevormundung, resultierte schrittweise in ein Verfallen aus der einen in die andere Unmündigkeit, nämlich aus der religiösen Bevormundung zunächst in eine durch die absolutistische weltliche Macht, und nach deren Abschüttelung in eine Hörigkeit gegenüber den individuellen Wünschen und körperlichen Bedürfnissen: Freiheit als Inbegriff des revolutionären Traumzieles wurde missverstanden als Freiheit des Individuums von den gesellschaftlichen Zwängen, der Gemeinschaft, ihrer Kultur, also negative Freiheit. Liberale Demokratie repräsentiert somit das schrittweise Nachgeben einer egozentrischen  Tendenz der Individuen, in der sie sich alle einig sind, der sie gemeinsam verfallen, im Sinne eines Sozial-Hedonismus.

Wenn hier von Erneuerung die Rede sein soll, dann nicht von einer Rückkehr zu einer Ideenlehre, einer Ideologie von einem „Soll-Menschen“. Vielmehr will ich auf die vermeidbar selbstzerstörerischen Eigenschaften des Menschen hinweisen: auch sie sind „Dinge, wie sie sind“, allerdings Dinge, wie sie besser nicht sein sollten, weil eben asoziale Verhaltenseigenschaften des Individuums diesem selbst und seiner Gemeinschaft Schaden zufügen können.

Kant beschrieb mit seinem Aufruf zur Aufklärung [2] – fünf Jahre vor Beginn der Französischen Revolution – dass die Volksmassen mit ihrer Befreiung nun auch Gefahr laufen, aus einer Unmündigkeit in die nächste zu verfallen, z.B. verführt von neuen Machthabern oder anderen Verführern im Interesse gegen das Gemeinwohl. Daher beschwor er seine Mitmenschen, zu bedenken, dass wahre Freiheit, Mündigkeit, nur aus der Erkenntnis resultieren könne, dass nur freiwillige Selbstbeschränkung mit dem Ergebnis eines sozial kompatiblen Verhaltens als wahre Freiheit gelten könne.

In einigen weiteren Schritten geschah dann alles Erdenkliche teils gleichzeitig teils hintereinander: Rückkehr zum Absolutismus (Restitution und Pentarchie nach dem Wiener Kongress), radikale Volksherrschaft der armen Massen, ihrerseits wieder verführt in eine Despotie (Kommunismus), gemäßigte Volksherrschaft der Armen im Verbund mit der Bürgerschaft (Sozialismus), Nationalismus und Weltenbrand, gegenseitige und Selbstzerfleischung im Kampf der Nationen und Ideologien  … Ausströmen in eine sich zunehmend verhärtende Front individualistischer Systeme mit unterschiedlicher Ausprägung von Demokratie einerseits, gegen kollektivistische Systeme mit absolutistischer Machtstruktur andererseits.

In der von mir angesprochenen Erneuerung sollen alle Individuen durch ihre Erziehung mündig werden, sollen erkennen, durch Erfahrung und Belehrung einsehen, dass sie soziale Wesen sind, die voneinander abhängen und nur miteinander in Frieden, Freiheit und Wohlbefinden leben können,[3] sollen einsehen, dass sich Verzicht auf Befriedigung individueller Wünsche auf der einen Seite bezahlt macht, weil Andere einem dieselbe Zurückhaltung entgegenbringen, und nicht nur das, auch Verständnis, Respekt und sogar Hilfe in Phasen der Bedürftigkeit. Diese Einsicht ist es, die krankhaftem Individualismus und Hedonismus Grenzen setzt, die aber auch Gewaltherrschaft durch Autokraten oder Gesetze weitgehend überflüssig machen, weil die individuelle Einsicht zum Gesetz in den Individuen geworden ist, weitgehend entsprechend Kants kategorischem Imperativ.

Ein Aspekt der Erneuerung besteht auch darin, einzusehen, dass diese Moral als Ausdruck gegenseitiger Rücksichtnahme kein Naturgesetz ist, (Siehe Kants  Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir [4]) sondern Ergebnis von Kultur, von Erziehung und Hineinwachsen in eine solche Kultur.

Das Grundprinzip der Erneuerung besteht jedoch darin, dass sich die kulturelle Entwicklung umkehrt, weg von einem Hineinerziehen in eine Ideologie (Platons Ideenlehre, Netzwerk von Gesetzen als Negativabdruck des Soll-Menschen), hin zu einer Kultur, in der die Individuen durch Einsicht zu Repräsentanten eines sozialen Systems werden, eines, das existiert, weil die Menschen es in ihrer Mündigkeit verkörpern. Die jeweils neue Generation soll also nicht durch erzieherisches Überstülpen eines Formengerüsts von Erwartungen in die Gemeinschaft hineinwachsen. Insofern stimme ich mit Montesquieus Überzeugung überein, wo er die Demokratie mit dem Prinzip „Tugend“ in Verbindung bringt, wie V. Pesch unter Hinweis auf Montesquieus 19. Buch des „Esprit des Lois“ schreibt: „Darin geht es um die spezifische „Geisteshaltung“ eines jeden Volkes und die Notwendigkeit, die politische Ordnung auf diese Geisteshaltung hin auszurichten und nicht umgekehrt zu glauben, man könne Menschen durch Erziehung in eine auf dem Reißbrett entworfene politische Ordnung einpassen“,[5] also einen „Soll-Menschen“ erziehen, der in das System passt.  Vielmehr soll der Mensch dies erreichen durch Verständnis der Dinge, wie sie sind, Einsicht darein, wie der Mensch kraft seiner biologischen Evolution heute ist und wie er vermeiden kann, die asozialen Verhaltensanteile davon selbst zu bändigen.

Autonomie nach Kant besteht darin, dass Jeder „sich selbst und alle andere[n) niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst behandeln“ soll ––  Autonomie  als „Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur“ ist die Freiheit eines jeden „sofern sie mit jedes anderen Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann“ – [6]    —  das entspricht exakt meiner Feststellung des sich Eingebens in die Gesellschaft zur Hälfte im Sinne reziproken Altruismus‘ und der „Goldenen Regel“ religiöser und säkularer Ethik-Systeme. Die „Gleichursprünglichkeit“ von Volkssouveränität und Freiheit, wie Habermas sie vertrat,[7] kann demnach nur in einer Gemeinschaft mündiger Bürger existieren. Denn Freiheit des Individuums ist jener Anteil, zu dem es nicht Teil der Gemeinschaft ist, ursprünglich abhängig, eingenistet und eingebunden. Die Einsicht Aller in diesen Umstand erbringt Allen jene Freiheit, die man einander gewährt, jene Hälfte, zu der man sich nicht in die Gemeinschaft einbringt, sondern individuell souverän ist. Erst die Gesamtheit dieser individuellen Souveränität ergibt die Volkssouveränität, eine Souveränität, in der es keine Herrscher mehr gibt sondern nur noch ein Netzwerk von Teilsouveränitäten und Teilabhängigkeiten in einander zugestandener Würde und einander entgegengebrachter Empathie, auch eingedenk deren Nützlichkeit – eben von reziprokem Altruismus.[8]

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Kommentar  E30 aus „Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik“, LIT-Verlag, im Druck 2020.

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[1] Niccolò Machiavelli, Il Principe, XV, zit. von R. Speth in Niccolò Machiavelli, in P. Massing, G. Breit, H. Buchstein Hrsg., Demokratie-Theorien, Wochenschau Verlag 2017, S. 88.

[2] Immanuel Kant, Was ist Aufklärung?, Berlin. Monatsschr., 1784, 2, S. 481–494

[3] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

[4] Immanuel Kant, Kritik der Praktischen Vernunft, Zweiter Teil, Methodenlehre der Praktischen Vernunft, Beschluss (AA163), S.903, Anaconda Verlag Köln 2015.

[5] V. Pesch, Charles de Montesquieu,  in P. Massing, G. Breit, H. Buchstein Hrsg., Demokratie-Theorien, Wochenschau Verlag 2017, S. 121f.

[6] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Werkausgabe in zwölf Bänden… Bd. 7, Suhrkamp 1968, S. 66,   zit. in J. Habermas, Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte, in: J. Habermas, Zur Verfassung Europas, Suhrkamp 2011, S. 29.

[7] J. Habermas, zit. bei H. Buchstein in P. Massing, G. Breit, H. Buchstein Hrsg., Demokratie-Theorien, Wochenschau Verlag 2017, S. 320.

[8] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020, S. 271ff.

Das Ende der alten Welt

Diese Welt zeigt, dass es mit ihr zu Ende geht. Die Menschen erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie fühlen, dass ein Sturm von Wandel aufkommt. Manche suchen ein Versteck, Andere Ablenkung im Weitermachen wie bisher. Wieder Andere sehen darin ihre Chance, jetzt loszuschlagen und aus der Verunsicherung der Anderen das große Los für sich zu ziehen. Sturm kommt auf. Propheten haben ihn vorhergesagt. Aber was haben diese Propheten gesehen, was haben sie beschrieben? Haben sie die Lösung aus dem Dilemma beschrieben, oder die Ausweglosigkeit? Oder waren sie gar keine Propheten, sondern Erkennende, die warnen wollten vor einem drohenden Ende ihrer zu Ende gedachten Welt? Ändert euch, oder ihr werdet untergehen? Geht in euch, dort findet ihr die Lösung dieses Rätsels? Warnung, nicht Prophetie? Endzeit für die alte Welt nur, nicht Ende, wenn die Neue beginnt, bevor die alte zu Ende.

Die Natur hat einen Webfehler in sich entdeckt. Sie hat den Menschen hervor-gebracht, damit er ihr diesen Webfehler ausgleiche. Der Mensch sollte die Fähigkeit bekommen, den Weg der Natur durch die Zeit nachzuzeichnen und über ihr Ziel nachzudenken. Darüber sollte er den Webfehler entdecken und verstehen, dass, wollte er überleben, dies nur gelingen kann, wenn er diesen Webfehler ausgleicht. Der Mensch sollte erkennen können, dass er selbst der Ausdruck dieses Webfehlers der Natur ist, der leibhaftige Repräsentant dieses Fehlers in der wirklichen Welt. Er sollte aber auch die Fähigkeit erhalten, einen Ausweg zu finden, die Lösung des Rätsels. Er würde also in der Welt stehen, als Webfehler, der sich selbst reparieren könnte, wenn, ja wenn er sich denn ans Werk machte.

Der Mensch ist der Repräsentant einer zur Selbstbewusstheit verwirklichten Evolution.

Irgendwann müssen die Gene „erkannt haben“, dass sie mit der Methode, auf Kosten der Anderen zu überleben,[1] am Ende nicht überleben werden, wenn der letzte, das letzte Lebewesen, allein dasteht [2] – das könnte nur eine Pflanze sein, kein Tier, das von Tier oder Pflanze lebt.

Stehen zwei Menschen einander gegenüber, die wissen, dass beide sterben, wenn sie nuklear losschlagen, was werden sie tun?

Nur der Mensch erkennt, der Mensch repräsentiert, der Mensch ist diese Erkenntnis der Gene der tierischen Lebewesen: wenn “Überleben auf Kosten der Anderen“ das Überlebensprinzip der Gene schlechthin ist, dann kommt der Punkt, an dem der Siegerpool vor dem Nichts steht, der letzte Überlebende, denn er kann von nichts mehr leben. Diese Erkenntnis muss das Resultat des Erkenntnisprozesses der Gene im Laufe der Evolution geworden sein: dass ihre Strategie letztlich zur Selbstvernichtung führen muss. Also bedurfte es der Erfindung eines Auswegs: er besteht darin, dass die Evolution sich mit ihrer Erkenntnis einrollte, um sich spiegeln zu können, um diese Erkenntnis auf einen Spiegel projizieren zu können, als Selbsterkenntnis ihrer Erkenntnis. Diese Selbsterkenntnis ist verwirklicht im Bewusstsein, in der Selbst-Bewusstheit des menschlichen Denkens: in diesem Denken rollt sich die im Laufe der Evolution gemachte Erfahrung aus, wird zurückverfolgt bis zu ihren Anfängen und dem Beginn des Universums, und von dort zurück herauf bis in die Gegenwart, dort, wo dieses Denken vor der Frage steht: was nun?

Diese Frage darf natürlich nicht erst gestellt werden, wenn der letzte Genpool sich alleine auf der Welt stehen sieht, denn das ist die Zeit kurz vor dem Ende.

Die Antwort muss also spätestens im vorletzten Moment gefunden werden: sie wird gesucht in und zwischen den letzten beiden Überlebenden, die einander umstreifen mit der Überlegung, wie sie den anderen überwinden können, um als alleiniger Sieger übrigzubleiben. An dieser Stelle spielen zwei Informationen eine entscheidende Rolle: erstens: der atomare Radikalschlag scheidet aus, weil er die leicht erkennbare gleichzeitige Selbstvernichtung bedeutet. Es kann also nur auf dem Wege konventioneller Waffen gelingen. Zweitens: der Mensch lebt in Gedanken planend in der Zukunft, aufbauend aus seinen Erfahrungen, die seine Erinnerung füllen. Planend in die Zukunft schauend überlegen sich also diese beiden Letzten, die da einander gegenüberstehen: was käme als nächster Schritt, wenn ich den anderen besiegt haben würde? Spätestens jetzt erkennen also beide, dass sie mit der Überwindung des letzten Gegners sich selbst vernichten, weil es für einen Einzelnen keine Überlebensbasis mehr gibt.

Sie stehen also einander gegenüber und erkennen Jeder im Blick des Anderen diese Erkenntnis. Sie sehen einander an wie Kain den Abel und Abel den Kain. Sie verstehen den Wahn, an dessen Endpunkt sie beide diese Erkenntnis haben, eine, die Kain und Abel noch nicht hatten, die sie hätten haben können, die sie aber nicht hatten: gleich, wer wen von beiden tötet, du tötest dich damit letztlich selbst. Also erfüllen sie den Plan der Gene, nehmen den Ausweg aus dem Dilemma und schließen eine Allianz der Vernunft in Reziprozität. Die beiden Letzten können wir sein, die Menschen der Gegenwart: wir können zu den Gründern eines neuen Sozialsystems werden, das eine friedliche Welt der Regionen und Kulturen ordnet, globale Demokratie der Demokratien in Reziprozität.[3]

Vernunft besteht jetzt also darin, aus der Erkenntnis des Dilemmas der Gene, dass sie ihrer Selbstvernichtung entgegensteuern, (und zu ihrer eigenen Rettung den Menschen geschaffen haben, der sie davor retten soll), aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, dass Reziprozität Alle überleben lässt. Der Repräsentant dieser Vernunfterkenntnis in der wirklichen Welt ist der Mensch.

Die Natur, die Gene, haben erkannt, dass der Pflegetrieb als Garant der Sicherung des eigenen Fortbestehens in künftigen Generationen nicht ausreicht, weil die erwachsenen Individuen allesamt dem Prinzip des Überlebens auf Kosten der Anderen folgen, und damit am Ast sägen, auf dem der Genpool selbst sitzt. Der Pflegetrieb schützt Nachkommen und Familie, Clan, bestenfalls Nation. Doch schon die Nationen fressen sich selbst innerlich auf, indem Stämme dort gegen-einander, die einen auf Kosten der anderen, zu überleben suchen, Jeder in Hedonismus des Anderen Feind wird. Letztlich schließt sich der Kreis dort, wo die zwei letzten überlebenden Nationen, bzw. deren Repräsentanten, einander gegenüberstehen mit der Frage, ob jemand überleben wird. Jedenfalls scheint sich zu erweisen, dass im Überlebensfall die Entscheidung durch Umsetzen von Erkenntnis, geschöpft aus bewusster Denkkraft fällt, wie schon Lebon in der Überschau seiner Erfahrungen meinte.A81 

Auch eine weitere Erkenntnis weist den Weg: die Erkenntnis des Erkennen-könnens  und Beherrschenkönnens der eigenen blinden Überzeugtheit, von Verhaltensforscher Konrad Lorenz benannt als unsere „unbelehrbaren Lehrmeister“. Lorenz selbst entmutigt zwar zunächst, indem er meint: „Ganz offenbar müssen überwältigend starke Faktoren am Werke sein, die imstande sind, der individuellen Vernunft des Menschen die Führung so vollständig zu entreißen, und die außerdem völlig unfähig sind, daraus zu lernen”.[4] Unbelehrbar ist sie wohl, diese Überzeugtheit. Dazu kommt, dass jede neue Generation nicht willens ist zu glauben, dass die Folgen der eigenen Eigenschaften tatsächlich dorthin führen, wohin sie bereits frühere Generationen führte. Jede Generation glaubt, das läge an persönlichen Fehlern der Vorgenerationen, nicht an einem Systemproblem menschlichen Verhaltens. Dies bedeutet aber nicht, dass man sie nicht überlisten könnte. Ich meine jedenfalls, dass es nicht richtig ist zu behaupten, dass wir völlig unfähig wären, aus der Beobachtung unseres Verhaltens zu lernen, unser Verhalten zu ändern. Denn man kann sagen, dass wir den freien Willen hätten, entgegen drängender innerer Überzeugtheit zu entscheiden und zu handeln, wir sind also nicht unfähig, sondern allenfalls unwillig aus selbstzerstörerischer instinktiver Dummheit. Ich meine, dass auch in dieser Erkenntnisfähigkeit, ebenso wie angesichts des instinktiven eigenen Überlebenwollens auf Kosten der Anderen,  eine Überlebenschance für die Art „Homo sapiens“ liegt, zusammen mit der Erkenntnis, dass in dieser unbelehrbaren Überzeugtheit ein fataler Fehler der Evolution liegt, eine Erkenntnis, mittels derer sich die Evolution mit Hilfe des durch sie entstandenen Menschen selbst heilen könnte, eine Erkenntnis, die um Jahrtausende älter ist als die Biologie. Denn es nützt uns nicht zu erkennen, dass „Alle diese erstaunlichen Widersprüche … eine zwanglose Erklärung [finden] und sich lückenlos einordnen [lassen], sowie man sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat, dass das soziale Verhalten des Menschen keineswegs ausschließlich von Verstand und kultureller Tradition diktiert wird, sondern immer noch allen jenen Gesetzlichkeiten gehorcht, die in allem phylogenetisch entstandenen instinktiven Verhalten obwalten, Gesetzlichkeiten, die wir aus dem Studium tierischen Verhaltens recht gut kennen,”[5]  nicht, solange wir daraus die Konsequenz nicht ziehen, mit deren Hilfe wir uns selbst am Schopf packen und retten.

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Kommentar  E24 aus „Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik“, LIT-Verlag, im Druck 2020.

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[1] Richard Dawkins, The Selfish Gene, Oxford Univ. Press 2006 (1976)

[2] Elias Canetti hat das Phänomen als paranoische Machtkrankheit beschrieben (Masse und Macht, Claassen 1960).

[3] L.M. Auer, Mensch und Demokratie. Streitschrift für eine globale Sozial-Ethik, LIT-Verlag, im Druck 2020.

[4] K. Lorenz, Das sogenannte Böse.  DTV 2010 (1963), S.223

[5] K. Lorenz, Das sogenannte Böse.  DTV 2010 (1963), S.223